Warum kleine Kinder nicht zu lange angeschnallt sitzen sollten
Der Autositz schützt, ein Kinderwagen hilft durch den Alltag und der Buggy ist oft die praktischste Lösung, wenn kleine Kinder müde werden oder Wege länger sind. Trotzdem rückt das fixierte Sitzen nun stärker in den Blick der Forschung. Denn wer angeschnallt oder festgegurtet ist, sitzt nicht nur – er kann sich auch kaum frei bewegen.
Eine internationale Studie im Journal of Science and Medicine in Sport hat untersucht, wie häufig drei- bis vierjährige Kinder länger als empfohlen in Autositz, Kinderwagen, Buggy oder ähnlichen Vorrichtungen fixiert sind.
Die Daten stammen aus der SUNRISE-Studie, einem internationalen Forschungsprojekt zu Bewegungsverhalten im frühen Kindesalter. In die Auswertung flossen Daten von 2647 Kindern aus 32 Ländern beziehungsweise Studienregionen ein. Die Kinder waren im Schnitt 4,3 Jahre alt, rund die Hälfte waren Mädchen, knapp die Hälfte lebte in ländlichen Gebieten.
Im Zentrum stand die Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation WHO: Kinder im Alter von drei bis vier Jahren sollten nicht länger als 60 Minuten am Stück in einem Kinderwagen, Autositz oder einer vergleichbaren Vorrichtung angeschnallt oder fixiert sein.
In der Studie wurde dies über Elternangaben erhoben. Gefragt wurde, ob es in der vergangenen Woche Tage gab, an denen das Kind länger als eine Stunde am Stück in einem Buggy, Autositz oder anderswo fixiert war.
Kindersitz ja, aber nicht zu lange
Das Ergebnis klingt zunächst beruhigend: Bei rund 82 Prozent der Kinder wurde diese Empfehlung laut Elternangaben eingehalten. Anders gesagt: Etwa jedes fünfte Kind war zumindest an manchen Tagen länger als eine Stunde am Stück fixiert.
Auffällig waren dabei klare Unterschiede im Alltag. Kinder aus städtischen Gebieten hatten geringere Chancen, innerhalb der Empfehlung zu bleiben als Kinder aus ländlichen Regionen. Besonders stark war der Zusammenhang mit der Zeit in motorisierten Fahrzeugen: Kinder, die täglich 60 Minuten oder mehr als Passagiere in einem Fahrzeug verbrachten, erreichten die Empfehlung deutlich seltener.
In Zahlen: Kinder in städtischen Gebieten hatten um 35 Prozent geringere Chancen, die Empfehlung einzuhalten. Bei Kindern, die pro Tag mindestens eine Stunde in einem Fahrzeug verbrachten, waren die Chancen sogar um 71 Prozent niedriger als bei jenen mit weniger Fahrzeit.
Umgekehrt zeigte sich: Je mehr körperliche Aktivität Kinder im Alltag hatten, desto eher lagen sie innerhalb der Empfehlung. Jede zusätzliche Stunde körperlicher Aktivität erhöhte die Wahrscheinlichkeit, die Empfehlung einzuhalten.
Die Studie stellt Kindersitze nicht infrage, im Auto sind sie unverzichtbar und können Leben retten. Die Autorinnen und Autoren betonen ausdrücklich, dass öffentliche Gesundheitsbotschaften weiterhin die richtige Verwendung von Kindersitzen hervorheben sollen. Gleichzeitig sollten Eltern daran erinnert werden, auf längeren Fahrten Pausen einzuplanen, damit Kinder nicht länger als eine Stunde am Stück fixiert bleiben.
Laut Erstautorin Katherine Spring sei fixiertes Sitzen ein wichtiger, aber oft übersehener Teil sitzenden Verhaltens im frühen Kindesalter. Rückhaltesysteme seien im Verkehr für die Sicherheit entscheidend; längere ununterbrochene Phasen könnten jedoch Bewegungsmöglichkeiten in einer wichtigen Entwicklungsphase begrenzen.
Konkrete gesundheitliche Folgen von langen Autositz- oder Buggyzeiten hat diese Studie nicht direkt untersucht. Die Autorinnen und Autoren verweisen aber auf frühere Forschung, wonach viel sitzendes Verhalten im frühen Kindesalter mit ungünstigeren motorischen, kognitiven und gewichtsbezogenen Entwicklungen in Verbindung gebracht wurde.
Eine frühere Studie fand zudem Hinweise darauf, dass mehr Zeit in fixierten Positionen mit einem späteren Erwerb des gestützten Gehens zusammenhängen kann.
Es handelt sich um eine Querschnittsstudie, diese zeigt Zusammenhänge, aber keine Ursache-Wirkungs-Beweise. Zudem beruhen die Angaben zum fixierten Sitzen auf Elternberichten.
Eltern könnten solche Zeiten unterschätzen oder nicht genau erinnern. Die Stichprobe wurde in mehreren Ländern über praktische Rekrutierungswege gewonnen und ist daher nicht zwingend repräsentativ für jedes einzelne Land.
Für den Alltag gilt: Kindersitze verwenden – aber nicht als Dauerparkplatz. Auf längeren Autofahrten sollten Pausen eingeplant werden. Kinderwagen- und Buggyzeiten sollten nicht unnötig ausgedehnt werden. Und ein Autositz sollte außerhalb des Autos nicht als allgemeiner Aufenthaltsort dienen.
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