Gesundheit: Warum langsames Gehen ein Warnsignal sein kann

Was die Gehgeschwindigkeit über die Gesundheit vorhersagen kann - und warum schon wenige Schritte pro Tag zählen.
Gesundheit: Warum langsames Gehen ein Warnsignal sein kann

Wie schnell Menschen gehen, wie lang ihre Schritte sind, wie gleichmäßig ihr Rhythmus ist: Das alles wirkt alltäglich und selbstverständlich, rückt aber in der Medizin immer stärker in den Fokus. Zwei aktuelle Studien legen nahe, dass sich aus dem Gehen Hinweise auf mögliche Gesundheitsrisiken und bestimmte neurologische Erkrankungen ableiten lassen.

Was Gehen zeigen kann

Gehen ist ein Alltagsvorgang, deshalb interessiert er die Forschung: Er ist leicht zu beobachten und lässt sich ohne aufwendige Technik erfassen. Hier setzen die erwähnten Arbeiten an – einmal mit Blick auf das Sterberisiko, einmal auf frühe Unterschiede zwischen zwei neurodegenerativen Erkrankungen.

Eine große Analyse der University of Leicester wertete Daten von 407.569 Teilnehmenden der UK Biobank aus. Untersucht wurde, ob fünf einfach zu erhebende körperliche Parameter die Vorhersage des Sterberisikos verbessern oder klassische Parameter wie Blutdruck und Cholesterin sogar teilweise ersetzen könnten. Dazu gehörten Gehgeschwindigkeit, Handkraft, Ruhepuls, Schlafdauer und körperliche Aktivität in der Freizeit.

Risikovorhersage

Das Ergebnis: Die Gehgeschwindigkeit erwies sich als stärkster Prädiktor für das Sterberisiko. Wichtiger Punkt: Der Zusammenhang war besonders stark bei Menschen mit bereits bestehenden langfristigen Erkrankungen. In dieser Gruppe verbesserte die selbst berichtete Gehgeschwindigkeit die Risikovorhersage.

Nach Darstellung der Forscher konnte sie in den Modellen mit Vorerkrankten Blutdruck- und Cholesterinmessungen ersetzen und Menschen dadurch passenderen Risikokategorien zuordnen.

Die Arbeit wurde im Fachjournal Mayo Clinic Proceedings veröffentlicht.

Der Salzburger Kardiologe und Sportmediziner Josef Niebauer ordnet diese Befunde eher zurückhaltend ein. Für ihn steckt die entscheidende Aussage in dem Hinweis, dass der Zusammenhang besonders stark bei Menschen mit Vorerkrankungen gegeben war.

Seine Interpretation: „Kranke gehen langsamer als Gesunde; Kranke sterben früher als Gesunde – somit also eine Korrelation.“ Damit benennt Niebauer den zentralen Punkt: Aus den vorliegenden Daten lässt sich ein Zusammenhang ableiten, aber keine Ursache-Wirkung-Beziehung. 

Heißt: Die Studie zeigt nicht, dass langsames Gehen Menschen früher sterben lässt. Sie zeigt vielmehr, dass langsameres Gehen mit einem höheren Sterberisiko assoziiert war – besonders bei Menschen mit bereits bestehenden Vorerkrankungen.

Rolle der Fitness

Ein Prinzip, das nicht neu sei: „Wir wissen schon lange, dass körperliche Fitness und Leistungsfähigkeit zu den wichtigsten Faktoren für Gesundheit, Krankheit und Lebenserwartung zählen. Stärker als hohes Cholesterin, Blutzucker, Gewicht, etc.“ Für die Praxis hält er aber einen anderen Aspekt für bedeutender als jedes absolute Leistungsniveau: die mögliche Veränderung.

„Personen mit Vorerkrankungen, die körperlich inaktiv sind, profitieren von jeder Form der Bewegung mehr als diejenigen, die schon fit sind. Je unfitter man ist, desto schneller ist es möglich, sich zu verbessern, und davon profitiert man dann auch gesundheitlich am meisten.“ 

Und weiter: „Ob man einen Marathon in drei oder vier Stunden läuft, hat für die Gesundheit keine weitere Bedeutung. Wer seine Gehstrecke und Geschwindigkeit von ganz langsam auf langsam steigert, profitiert gesundheitlich weit mehr.“

Feine Unterschiede

Der zweite Forschungsstrang stammt von der University of Waterloo in Kanada und verfolgt eine andere Frage: Kann der Blick aufs Gehen helfen, frühe Lewy-Körperchen-Demenz von früher Parkinson-Erkrankung zu unterscheiden? Das sei insofern relevant, als sich die Erkrankungen in frühen Stadien in manchen Symptomen ähneln und daher verwechselt werden können.

Die Studie zeigt, dass Menschen mit früher Lewy-Körperchen-Demenz langsamer gehen, kürzere Schritte machen und einen niedrigeren Gehrhythmus haben als Menschen mit frühem Parkinson. 

Besonders deutlich wurden diese Unterschiede, wenn die Teilnehmenden beim Gehen gleichzeitig eine zweite Aufgabe erledigen mussten, etwa rückwärts zählen. Ein möglicher Hinweis darauf, dass das Zusammenspiel von Aufmerksamkeit und Bewegung helfen könnte, die beiden Erkrankungen besser zu unterscheiden.

Nimmt man beide Studien zusammen, ergibt sich ein interessantes Bild. Erstens könnte die Gehgeschwindigkeit ein einfacher Marker für Gesundheitsrisiken sein – vor allem bei Menschen, die schon erkrankt sind. Weiters könnte das Gangmuster bei der Unterscheidung neurologischer Erkrankungen Hinweise liefern.

Ermutigend

Insgesamt zeigt sich, dass im Gehen etwas sichtbar wird, was sich klinisch ohnehin oft abbildet: Fitness, Belastbarkeit, Veränderung. Darin steckt viel Ermutigendes. Gehen ist eine Form von Bewegung, die fast immer irgendwo Platz hat: um den Häuserblock, zur Apotheke, einen Weg bewusst nicht mit dem Auto zurücklegen. Es braucht keinen sportlichen Ehrgeiz, um anzufangen.

Die WHO empfiehlt Erwachsenen mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche, ältere Menschen mit eingeschränkter Mobilität sollen zusätzlich auf Gleichgewicht und Sturzprävention achten. 

Mehr Alltagsbewegung wäre ein guter Anfang. Und: So viele Schritte müssen es gar nicht sein: Eine Arbeit in Nature Medicine legte nahe, dass bei älteren Menschen ein moderates Aktivitätsniveau von rund 5.000 bis 7.500 Schritten pro Tag mit langsameren kognitiven und funktionellen Verschlechterungen assoziiert sein könnte. Ein Hinweis darauf, dass schon ein bisschen Bewegung viel bewirken kann.

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