Fasten: Was passiert im Kopf, wenn plötzlich Ruhe einkehrt?

Die Fastenzeit ist zu Ende: Für viele ist diese Phase mehr als nur der Verzicht auf Essen, sondern auch ein innerer Prozess.
Woman relaxingly practicing meditation in the pine forest to attain happiness from inner peace wisdom with beam of sun light for healthy mind and soul concept for healthy mind and soul

Zusammenfassung

  • Fasten wird zunehmend als innerer Prozess und Möglichkeit zur Selbstreflexion erlebt, nicht nur als Methode zum Abnehmen.
  • Der bewusste Verzicht auf Essen und Ablenkung kann persönliche Erkenntnisse, Klarheit und neue Perspektiven fördern.
  • Fastenwochen bieten Raum für Innehalten, Selbstbegegnung und das Erkennen von Veränderungswünschen im eigenen Leben.

Viele Menschen, die fasten, ziehen sich dafür extra zurück. Sie essen dann nicht nur wenig, sondern erleben insgesamt weniger Ablenkung. Das kann zu persönlichen Aha-Erlebnissen führen.

„Jeder Fastenprozess beinhaltet neue Erkenntnisse“, sagt Christine Gaetz-Kettner, die etwa im Kloster Pernegg Menschen beim Fasten begleitet. „Auch bei mir ist es nach fast 20 Jahren immer noch so, dass ich etwas Neues über mich erfahre.“ Gerade ist sie von einer Fastenwoche zurückgekehrt. 20 Menschen waren da, Frauen und Männer, Anfänger und Wiederholer. „Viele kommen längst nicht mehr nur, um Gewicht zu verlieren, sondern um Ruhe zu finden.“

Mehr als Essensverzicht

Fasten ist eine uralte Kulturtechnik, in nahezu allen Weltreligionen wurde und wird es als Übung in Verzicht, Reinigung und Einkehr praktiziert. Bereits in der Antike hatte es nicht nur mit Entbehrung zu tun, sondern auch mit Selbstprüfung und der Frage nach dem rechten Maß.

Heute erlebt das Fasten eine neue Konjunktur – in einer Zeit, in der Essen ständig verfügbar ist und auch sonst eher zu viel als zu wenig konsumiert wird. Deshalb kann bewusster Verzicht aufschlussreich sein. 

Wer fastet, merkt rasch, wie stark Essen im Alltag mit Gewohnheit, Stress, Belohnung, Gelegenheit verbunden ist. Es geht nicht nur um Hunger, sondern auch um Muster. Wenn solche Automatismen wegfallen, bleibt mitunter eine ungewohnte Leere. Und in der wird manches deutlicher.

Sich kennenlernen

Für Gaetz-Kettner liegt in solchen Momenten ein zentraler Gewinn. Fasten sei „ein sich besser Kennenlernen, ein Wieder-Eintauchen in Körpersignale“. Wer sich aus dem gewohnten Rhythmus nimmt, bemerke eher, was ihn stresst, was ihm guttut und wo er permanent über die eigenen Grenzen geht.

Zu Fastenwochen gehören meist auch Stille, Natur, Wanderungen, Qigong und Gesprächsrunden. Manche suchen die Gruppe, andere eher den Rückzug. 

Die ersten Tage sind freilich nicht immer erhebend. Der Organismus muss sich umstellen – das kann sich auch psychisch bemerkbar machen. Typisch sei eine gewisse Gereiztheit, abseits diverser körperlicher Symptome. 

„Das kann, muss aber nicht sein“, sagt Gaetz-Kettner. Deshalb sei Begleitung hilfreich. Wer versteht, dass solche Reaktionen Teil des Prozesses sein können, hält eher durch. Ist diese Phase überstanden, beschreiben viele mehr Klarheit, mehr Konzentrationsfähigkeit, einen freieren Kopf. Der Verzicht nimmt nicht nur etwas, sondern legt auch etwas frei.

46-223903188

„Jeder Fastenprozess beinhaltet neue Erkenntnisse“, sagt Christine Gaetz-Kettner.

Was will ich verändern?

„Während einer Fastenwoche beginnen sich viele Menschen eine Frage zu stellen: ,Was möchte ich verändern?’“, sagt Gaetz-Kettner. Dies könne die Arbeit betreffen, Beziehungen, den Umgang mit dem eigenen Körper, das eigene Tempo. 

Manche Teilnehmer kämen mit einem diffusen Gefühl, dass etwas nicht mehr passe, aber ohne klare Richtung. „Sondern eher in dem Sinne als es so nicht mehr weitergehen kann“, beschreibt die Fastenbegleiterin.

Die Fastentage lieferten dann nicht immer eine fertige Antwort, aber sie könnten eine Richtung sichtbar machen. „Es kann sich etwas herauskristallisieren, nächste Schritte zeigen sich.“ Dass der Verzicht auf Nahrung wie ein Katalysator wirken kann, erlebt sie immer wieder. Menschen berichten dann davon, dass sie nach einer Fastenwoche mutiger geworden seien, beruflich, privat, in der Entscheidung, etwas zu beenden oder neu zu beginnen.

Nicht weil das Fasten selbst Probleme löst, sondern weil es den Blick schärfen kann. Wenn Reize, Routinen und dauernde Verfügbarkeit zurücktreten, werden manche inneren Konflikte deutlicher. 

Ganz ohne Reibung geht das nicht. Träume können intensiver werden, Unruhe kann auftauchen, manchmal auch Widerstand. Tränen fließen. „Es sind Tränen der Reinigung“, betont Gaetz-Kettner. Das sei kein pathetischer Ausnahmezustand, sondern eher das Gefühl, dass endlich etwas in Bewegung kommt, was lange zugedeckt war. 

Gleichzeitig betont sie die Grenzen eines solchen Prozesses. Wer merkt, dass stärkere psychische Belastungen auftauchen, brauche professionelle Unterstützung.

Form des Innehaltens

Entscheidend sei außerdem die Haltung, mit der man fastet: nicht verbissen, nicht als Leistungsprojekt in einem ohnehin optimierten Leben. Sondern, wie sie sagt, „neutral, mutig und neugierig“. 

Fasten ist dann kein Beweis für Willenskraft, sondern eine Form des Innehaltens. Ein zeitweiliges Weniger, aus dem etwas entstehen kann. Das erklärt wohl auch, warum so viele wiederkommen. Nicht wegen des Hungerns, nicht wegen des körperlichen Effekts. Sondern, weil was entsteht: das Gefühl, wieder näher bei sich zu sein.

Dazu passt ein Satz, den Gaetz-Kettner sehr schätzt – ein Aphorismus des österreichischen Lehrers und Dichters Ernst Ferstl: „Die Stille stellt keine Fragen, aber sie kann uns auf alles eine Antwort geben.“ Für sie sei das mehr als nur ein hübscher Kalenderspruch. Es beschreibt ziemlich genau, wonach viele Menschen im Fasten suchen: nicht nur Verzicht, sondern einen Zustand, in dem etwas hörbar wird, das im Alltag meist überlagert wird.

Kommentare