Erwin Steinhauer: „Im Alter rächen sich die Jugendsünden“
Am Podium im Raiffeisenhaus: Markus Zeitlinger, Leiter des Departments für Klinische Pharmakologie, MedUni Wien, Bianca-Karla Itariu, Präsidentin der Österr. Gesellschaft für Adipositas, Erwin Steinhauer, Schauspieler & Kabarettist, Marlene Auer, stv. Chefredakteurin KURIER (Moderation), Josef Niebauer, Präsident der Österr. Gesellschaft für Prävention & Rehabilitation, Andrea Naskov-Hochwarter, Versicherungsvertriebsleitung Wien, Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien AG (von li.).
Am Podium im Raiffeisenhaus: Markus Zeitlinger, Leiter des Departments für Klinische Pharmakologie, MedUni Wien, Bianca-Karla Itariu, Präsidentin der Österr. Gesellschaft für Adipositas, Erwin Steinhauer, Schauspieler & Kabarettist, Marlene Auer, stv. Chefredakteurin KURIER (Moderation), Josef Niebauer, Präsident der Österr. Gesellschaft für Prävention & Rehabilitation, Andrea Naskov-Hochwarter, Versicherungsvertriebsleitung Wien, Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien AG (von li.).
Sonntag ist Spritzentag. Zumindest bei Erwin Steinhauer. Der österreichische Schauspieler und Kabarettist hatte sich vor einem Jahr entschieden, zusätzlich zu seiner Lebensstiländerung die Abnehmspritze zu nehmen. Rund 50 Kilogramm leichter, bei einem Ausgangsgewicht von 130 Kilogramm, teilt er vor großem Publikum seine Erfahrungen. Anlass ist der erste KURIER Live-Talk in Kooperation mit der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien.
Wie es zu Steinhauers Entscheidung kam? „Wenn man ein einigermaßen gutes Verhältnis zu seinem Körper hat, hört man auf ihn und beginnt, über Verantwortung nachzudenken“, erklärt der Publikumsliebling. „Ich habe drei Kinder, ich habe drei Enkel. Da denkt man sich: Wenn man noch länger für sie da sein will, muss man etwas ändern. Denn im Alter bekommt man das zurück, was man in der Jugend verbrochen hat.“
Volkskrankeit Adipositas
Steinhauer ist damit nicht allein. Weltweit nehmen die Adipositasfälle zu, begünstigt durch das sogenannte „adipogene Umfeld“, erklärt Bianca‑Karla Itariu, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Adipositas. Hochkalorische Lebensmittel, Alkohol, unregulierte Werbung, vor allem für Kinder, und ein hoher Zuckergehalt prägen unseren Alltag. „Überessen“ werde zu einem schleichenden Problem, Adipositas entwickle sich oft über Jahre. Die Erkrankung betrifft den ganzen Körper: Folgen sind Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes, Gelenk- und Verdauungsprobleme sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch psychische Auswirkungen bis hin zu Suchtmechanismen, Depressionen und sozialem Rückzug sind häufig.
Ein weiterer zentraler Faktor ist Bewegungsmangel, bereits im Kindesalter, betont Josef Niebauer, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Prävention und Rehabilitation. „Was man von klein auf nicht lernt, macht man später nicht“, sagt er. Bewegung sei aus dem Alltag ausgelagert, das Smartphone oft der „Babysitter“. Dabei hätten Kinder einen natürlichen Bewegungsdrang. „Viele dieser Probleme hätten wir nicht, wenn sich die Bevölkerung insgesamt mehr bewegen würde“, so Niebauer.
Prävention im Fokus
Eine Tatsache, die auch in der heimischen Versicherungswelt angekommen ist, der Markt reagiert mit Prävention. „Ziel ist, Krankheiten gar nicht erst entstehen zu lassen“, sagt Andrea Naskov-Hochwarter, Versicherungsvertriebsleiterin Wien bei der Raiffeisenlandesbank NÖ Wien AG. Konkret zeigt sich das in der Privatversicherung durch Zusatzleistungen, etwa durch die Rückerstattung gesundheitsfördernder Maßnahmen wie Fitnesscenterbeiträgen oder die Übernahme regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen. „Wir bewegen uns weg vom reinen Kostenerstatter hin zum Gesundheitsbegleiter“, so Naskov-Hochwarter. Die Leistungen sollten individuell kombiniert werden und orientieren sich an persönlichen Lebensbedürfnissen.
Eine individuelle Herangehensweise braucht es auch bei der Spritze. Steinhauer hatte bereits durch Lebensstiländerungen abgenommen, bis das Gewicht stagnierte. „Dann ist nichts mehr gegangen.“ Nach Rücksprache mit seinem Kardiologen begann er mit der niedrigsten Dosis. „Das wirkt schnell, aber der Körper muss sich daran gewöhnen.“ Mit der Zeit könne eine Anpassung nötig werden, wenn alte Essmuster wieder auftauchen.
Eingriff in den Regelkreis
Warum diese Medikamente so effektiv sind, lässt sich biologisch gut erklären. „Sie greifen in eine sehr alte Kaskade ein, die Blutzucker und Hunger reguliert“, erklärt Markus Zeitlinger, Leiter des Departments für Klinische Pharmakologie an der MedUni Wien. Ursprünglich aus der Diabetologie stammend, „sorgen die Wirkstoffe dafür, dass Zucker aus dem Blut in die Zellen aufgenommen wird“, so Zeitlinger. Darüber hinaus wirken sie direkt im Gehirn: Im Hypothalamus wird das Hungergefühl gedämpft, zusätzlich verlangsamen die Medikamente die Magenentleerung, wodurch das Sättigungsgefühl länger anhält. „Die Kombination aus Blutzuckerkontrolle, weniger Appetit und längerer Sättigung erklärt ihre Wirksamkeit“, sagt Zeitlinger. Steinhauer bestätigt: „Ich war immer ein Gut- und Vielesser. Mit der Spritze merkt man plötzlich, dass man weniger braucht.“
Steinhauers schmerzhafte Erkenntnis: Nach dem Absetzen der Spritze nimmt man wieder zu. „Ich hatte gehofft, meine Essgewohnheiten dauerhaft zu ändern“, sagt er. Das sei biologisch schwer umzusetzen, erklärt Itariu: „Hunger ist ein starkes Signal, nach Absetzen kommt es oft zum sogenannten vernichtenden Hunger.“
Zeitlinger ergänzt: „Mit dem Absetzen endet der Eingriff in den Regelkreis, der Effekt ist weg.“ Studien zeigen, dass der Großteil der Patienten das Gewicht nicht halten kann. „Im Schnitt kommt innerhalb eines Jahres etwa die Hälfte des abgenommen Gewichts zurück“, so Itariu. Doch neue Wirkstoffe, auch in Tablettenform, sowie Langzeitkonzepte sind in Entwicklung. Itariu: „Die Zukunft sieht gut aus.“
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