Psychologe: "Nicht Emotionen machen uns krank, sondern das Unterdrücken"

Der Grundstein für einen gesunden Umgang mit Gefühlen wird in der Kindheit gelegt. Herausfordernde Emotionen gut zu bewältigen, lässt sich aber bis ins hohe Alter lernen.
Mehrere Kugeln mit verschiedenen Gesichtsausdrücken rollen in einen stilisierten menschlichen Kopf.

Wir freuen uns über ein Geschenk, sind tief betrübt bei Liebeskummer und rasend vor Wut in einem Streit: Gefühle sind Kern menschlichen Erlebens.

Herausfordernde Emotionen wie Angst, Trauer oder Scham werden allerdings oft als Störfaktor wahrgenommen. Sie gelten als unpraktisch, anstrengend – oder gar als Zeichen von Schwäche.

Dabei erfüllen sämtliche Gefühle und Emotionen für den Menschen eine Vielzahl wichtiger Funktionen, weiß Burkhard Dafert, Klinischer Psychologe und Psychotherapeut. Angst warnt vor Gefahr; Freude fördert Wachstum und Gemeinschaft. "Emotionen laufen automatisch ab. Sie sichern unser Überleben auf vielen Ebenen", fasst Dafert zusammen.

Gefühle steuern unser Handeln

"Sie helfen uns, unsere Umgebung zu bewerten und zu reagieren", präzisiert Dafert. Emotionen sind auch mit Handlungsimpulsen verknüpft. Freude lässt uns in den Austausch mit anderen treten, Trauer löst Rückzugsimpulse aus, Angst mündet in Flucht, Kampf oder Erstarren.

Forschungen zeigen immer wieder: Emotionale Intelligenz – insbesondere die Fähigkeit, die eigenen Gefühle und ihre Ursachen zu erkennen – hilft dabei, bessere Entscheidungen zu treffen.

Wer mit Gefühlen gut umgehen will, muss sie zuerst wahrnehmen. Für viele ist das eine Herausforderung. "Oft liegt es an der Erziehung", sagt Dafert. Emotionen sind angeboren, doch ihre Differenzierung in Gefühlszustände müssen wir lernen. "In der Interaktion mit unseren primären Bezugspersonen lernen wir, diese Zustände über die Rückmeldung der Umwelt auseinanderzuhalten", beschreibt der Experte.

Ein entwertendes Umfeld könne den späteren Umgang mit Gefühlen erschweren. "Wenn ein Kind in seinen Gefühlslagen nicht bestätigt oder bestärkt wird, oder wenn die Gefühle gar zurückgewiesen, abgesprochen oder bagatellisiert werden, beeinträchtigt das den Zugang zu Gefühlen im Erwachsenenalter."

Oft wird dann nur der Handlungsimpuls, nicht aber das Gefühl dahinter wahrgenommen. "Wut und Aggression lösen den Impuls aus, zuzuschlagen. Ob man es tut, ist steuerbar", nennt Dafert ein Beispiel. 

Basis für Gefühlswahrnehmung in der Kindheit

Defizite in der Gefühlswahrnehmung und -regulation können auch Erkrankungen den Boden bereiten. "Besonders bei psychischen Erkrankungen tragen unterdrückte Gefühle zu Entstehung und Aufrechterhaltung bei", sagt Dafert. "Weggeschobene Gefühle werden stärker und tauchen unerwartet wieder auf. Wer sie unterdrückt, arbeitet gegen sich selbst, hemmt körperliche Prozesse – das kann zu hoher Spannung bis hin zu erhöhtem Blutdruck führen."

Scham und Schuld sind für alle Menschen herausfordernd, weil sie den Gedanken "Ich entspreche nicht, so wie ich bin" beinhalten. "Das macht großen Stress." 

Oft werden schwierige Gefühlszustände von anderen überlagert. Statt Trauer empfindet man etwa Wut. "Sehr belastende Emotionen werden vom emotionsverarbeitenden System in weniger belastende umgewandelt. Die Aggression ist für den Großteil weniger belastend als Kränkung. Deswegen reagieren wir häufig, wenn wir verletzt werden, aggressiv, weil es leichter ist als Bestürzung und Traurigkeit."

Dabei zeigen Studien immer wieder, dass negativ besetzte Emotionen ihre Berechtigung haben. So kamen US-Forscher vor einigen Jahren etwa zu dem Ergebnis, dass Ärger bei schwierigen Aufgaben die Leistungsfähigkeit steigern kann.

Beziehungsschädliche Emotionen schwinden im Alter

Das emotionale Erleben verändert sich mit dem Alter, wie Untersuchungen immer wieder zeigen. "Es scheint, dass wir im Alter seltener beziehungsschädliche Emotionen wie Ärger, Feindseligkeit oder Verachtung erleben", erläutert Dafert. 

Eine neue Studie der Menopause Society zeigt etwa, dass Frauen ab der Lebensmitte ihre Anger-Traits, darunter aggressive Reaktionen und feindselige Einstellungen, deutlich reduzieren und ihre Fähigkeit zur Emotionsregulation verbessern. "Das lässt sich womöglich damit begründen, dass ältere Menschen öfter auf die Hilfestellung anderer angewiesen sind und sich unbewusst prosozial verhalten."

Ältere Menschen würden ihre verbleibende Lebenszeit oft als begrenzt erleben und diese stärker schätzen, meint Dafert. "Sie sind weniger bereit, diese wertvolle Zeit mit negativen Gefühlen oder Konflikten zu verbringen und lenken schwierige Gefühle auch eher in positive Zustände um."

Gleichzeitig können ältere Menschen Trauer nicht selten besser zulassen. "Sie verfügen über bewährte Strategien im Umgang mit Verlusten", erklärt Dafert. "Mit dem Alter bewertet man unangenehme Gefühle seltener um und akzeptiert sie eher." Zudem löse Trauer bei Mitmenschen den Impuls aus, zu trösten. "So entstehen Kontakt und Teilhabe."

Nie zu spät, sich Emotionen zu stellen

Am Umgang mit Emotionen lässt sich über die gesamte Lebensspanne hinweg arbeiten. "Man kann lernen, Emotionen differenzierter wahrzunehmen oder zwischen alten und aktuellen zu unterscheiden", zählt Dafert auf. Reagiert ein Mensch in einer Situation besonders heftig, kann das ein Hinweis sein, dass alte Erlebnisse und damit verknüpfte Gefühle aktiviert werden. "Das aufzudecken, kann zu einem konstruktiveren Umgang führen."

In der Therapie gehe es auch darum, "Zuversicht zu vermitteln, dass auch die schwierigsten Gefühle nicht lebensbedrohlich sind."

Am Ende gilt: "Emotionen macht uns nicht krank, sondern das Unterdrücken. Wenn ich traurig bin, bin ich traurig. Wenn ich versuche, nicht traurig zu sein, fange ich an zu leiden."

Wenn ich traurig bin, bin ich traurig. Wenn ich versuche, nicht traurig zu sein, fange ich an zu leiden.

von Burkhard Dafert

Psychotherapeut

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