Neurowissenschaftler Bauer: „KI kann die Gehirnleistung mindern“
Zusammenfassung
- Digitale Lebenswelten schwächen soziale Beziehungen, verdrängen Bewegung und setzen besonders junge Menschen psychisch unter Druck.
- Intensive Nutzung von Social Media, Chatbots und KI kann zu Suchtverhalten, Empathieverlust und psychischen Störungen führen, vor allem bei Kindern und Jugendlichen.
- Reale zwischenmenschliche Begegnungen und analoge Erfahrungen sind für Gesundheit und Entwicklung unersetzlich; digitale Technologien sollten maßvoll und kontrolliert eingesetzt werden.
Sie sind nützlich, schnell, bequem – und längst tief in unseren Alltag eingedrungen: Smartphones, Social Media, Chatbots und Künstliche Intelligenz.
Für Joachim Bauer ist die Digitalisierung deshalb nicht nur ein Technikthema, sondern auch eine Gesundheitsfrage. Der deutsche Neurowissenschaftler und Arzt warnt nun davor, dass digitale Lebenswelten Bewegung verdrängen, soziale Beziehungen schwächen und speziell junge Menschen psychisch unter Druck setzen können.
In seinem neuen Buch „Menschlichkeit in digitalen Zeiten“ plädiert er für einen vernünftigen Umgang mit Technik und für eine Rückbesinnung auf das, was Menschen stärkt: reale Begegnung, körperliche Erfahrung und echte Resonanz.
Was ist das aktuell am meisten unterschätzte Gesundheitsrisiko digitaler Lebenswelten?
Aus der Sicht einer modernen, ganzheitlichen Medizin braucht der Mensch, um gesund zu bleiben, vor allem zwei Dinge: gute zwischenmenschliche Beziehungen und Bewegung. Digitale Angebote sind im Prinzip eine feine Sache. Sie üben auf den Menschen aber eine ungeheure, fast magische Anziehungskraft aus und haben begonnen, uns zu beherrschen. Dadurch stören sie die Qualität unserer sozialen Beziehungen. Außerdem binden sie uns – noch mehr als bisher – an den Bildschirm und halten uns davon ab, uns zu bewegen.
KURIER: Welche gesundheitlichen und psychischen Folgen hat es, wenn immer mehr Erfahrungen, Beziehungen und Formen der Selbstregulation in digitale Räume verlagert werden?
Joachim Bauer: Die reale, analoge Welt spricht alle Sinne des Menschen an. Digitale Angebote dagegen reduzieren unsere sinnlichen Erfahrungen auf das Auge und das Gehör. Wir Menschen vergessen, dass wir weit mehr Sinne haben als uns bewusst ist. Neben den allseits bekannten fünf Sinnen haben wir auch Sinne für die Selbstwahrnehmung, also ein Gespür für den lebendigen eigenen Körper.
Darüber hinaus besitzen wir auch Sinne dafür, was andere fühlen. Menschen, die stundenlang an Bildschirmen verbringen, verlieren nicht nur das Gefühl für ihren eigenen Körper, sie erleiden auch eine Beeinträchtigung ihrer Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen. Diese Einfühlung in Andere läuft über den Körper, sie erfordert das „Auslesen“ der Körpersprache, vor allem der Mimik und der Blicke. Diese Fähigkeiten bleiben bei intensiver Nutzung digitaler Angebote auf der Strecke.
Warum sind Kinder und Jugendliche aus entwicklungspsychologischer und gesundheitlicher Sicht besonders verletzlich gegenüber intensiver digitaler Nutzung?
Tatsächlich betrifft das Gefahrenpotenzial digitaler Angebote vor allem Kinder und Jugendliche. Aufgrund ihres noch nicht hinreichend gereiften Gehirns verfügen junge Menschen vor dem 16. Lebensjahr noch nicht über die Fähigkeit, sich beim Gebrauch von potenziell suchterzeugenden Angeboten selbst zu steuern.
Ich zeige im Buch, warum Social Media, Online-Videospiele und Chatbots ein Suchtpotenzial haben, das dem von echten Drogen gleicht. Die genannten digitalen Angebote geben Kindern und Jugendlichen das Gefühl, sozial gut verbunden zu sein, dazuzugehören und auf dem Laufenden zu bleiben.
Tatsächlich hat sich – nicht nur in unseren Arztpraxen, sondern auch in zahlreichen Studien – gezeigt, dass digitale Intensivnutzung für die Psyche Stress bedeutet und zu Depression, zu Ängsten, zu Essstörungen und anderen seelischen Beschwerden führen kann.
Welche Schutzfaktoren brauchen Kinder und Jugendliche heute ganz besonders, damit digitale Angebote nicht zum Ersatz für tragfähige Entwicklungserfahrungen werden?
Real anwesende Bezugspersonen sind für die psychische und neuronale Entwicklung von Kindern unersetzlich. Nur real anwesende Eltern, Erzieherinnen, Lehrkräfte oder Mentoren sind in der Lage, Kindern und Jugendlichen Resonanz zu geben und die Sinne des Kindes oder des Jugendlichen anzusprechen und zu entwickeln.
Bildschirme oder durch Künstliche Intelligenz gesteuerte pädagogische Roboter können das nicht leisten. Die Big-Tech-Anbieter aus dem Silicon Valley und ihre Lobbyisten behaupten das aber und dringen mit ihren Angeboten massiv in Kindergärten und Grundschulen ein. Darunter leiden, wie alle bisherigen Erfahrungen zeigen, sowohl die Entwicklung der Kinder als auch das Lernen.
Chatbots imitieren reale Menschen inzwischen so perfekt, dass Nutzer vergessen, dass es sich um eine Maschine handelt. Dadurch entwickeln sich sehr leicht Bindungen, also Abhängigkeitsverhältnisse – mit potenziell verhängnisvollen Folgen.
Sie warnen vor „De-Skilling“ durch KI. Warum ist das nicht nur ein pädagogisches Problem, sondern auch eine Frage von Selbstwirksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, geistiger Gesundheit?
„De-Skilling“ heißt: sich etwas ab-trainieren, also etwas verlernen, oder eine Sache erst gar nicht lernen. Unser menschliches Gehirn arbeitet nach der Grundregel „Use it or lose it“, das heißt: Unser Gehirn entwickelt sich nur, wenn wir es geistig trainieren. Stundenlang in Social Media zu sein oder zu gamen, bedeutet passiv einer Flut von Reizen ausgesetzt zu sein, auf die reflexartig reagiert wird. Das hat mit kreativem geistigem Aktivsein aber nichts zu tun.
Künstliche Intelligenz steigert das Problem noch: Die Mehrheit aller Schülerinnen und Schüler, aber auch aller Studentinnen und Studenten, lässt sich ihre Aufgaben heute von ChatGPT oder einer anderen KI erledigen. Das ist bequem, auf lange Sicht aber ungeheuer problematisch. Das kognitive Niveau, also die geistige Leistungsfähigkeit, das sprachliche Ausdrucksvermögen und die Konzentrationsfähigkeit junger Menschen ist seit Jahren rückläufig.
Besonders kritisch sehen Sie Chatbots, wenn sie als Ratgeber, Freundin, Partner oder therapeutisches Gegenüber genutzt werden. Was macht diese Systeme psychologisch so wirkmächtig?
Chatbots versprechen sozialen Kontakt. Menschen brauchen aber reale Mitmenschen, um wirkliche soziale Kompetenz zu entwickeln. Da sind wir wieder bei der Grundregel „Use it or lose it“: Auch die Fähigkeit, mit Mitmenschen in gutem Kontakt zu sein, muss erlernt und will trainiert werden. Diese Fähigkeit wird in den ersten Lebensjahren erlernt, indem Kinder ständig angesprochen und begleitet werden, dadurch erwerben sie soziale Kompetenz.
Im Erwachsenenalter setzt sich dieses Spiel fort. Immer mehr Menschen, vor allem diejenigen mit schwacher sozialer Kompetenz, ersetzen das Gespräch mit einem realen Mitmenschen zunehmend durch den Kontakt mit einem Chatbot, also mit einer Maschine. Chatbots imitieren reale Menschen inzwischen so perfekt, dass Nutzer vergessen, dass es sich um eine Maschine handelt. Dadurch entwickeln sich sehr leicht Bindungen, also Abhängigkeitsverhältnisse – mit potenziell verhängnisvollen Folgen.
Was kann ein Chatbot selbst dann nicht leisten, wenn er sprachlich überzeugend, zugewandt und scheinbar empathisch wirkt?
Sprechende KI-Maschinen, also Chatbots reagieren vor allem auf das, was ein Mensch verbal von sich geben und ins Mikrofon der Maschine hineinsprechen kann. Was wir mit Worten sagen können, ist aber nur ein Teil dessen, was uns Menschen innerlich wirklich bewegt. Um das zu erfassen, was über das Sagbare hinausgeht, sind wir auf die Körpersprache unserer Mitmenschen, auf ihre Blicke und ihre Mimik, auf ihr gesamtes körperliches Ausdrucksverhalten angewiesen.
Daher sind reale zwischenmenschliche Begegnungen in der analogen Welt nicht zu ersetzen. Wer seine sozialen Kontakte immer weiter auf Chatbots reduziert, wird am Ende real immer einsamer – gerät also in einen Teufelskreis. Genau darauf haben es die Big-Tech-Anbieter aber angelegt, für die sind Chatbots kein karitatives Angebot, sondern ein Geschäftsmodell.
Wo sehen Sie die größten Risiken, wenn Menschen Trost, Bestätigung oder Orientierung zunehmend bei Chatbots suchen?
Tatsächlich bergen Chatbots, vor allem wenn sie als Seelentröster benützt werden, erhebliche Risiken – bis hin zu schweren psychischen Störungen oder zum Suizid. Warum? Die Antwort lautet: Um ihre Nutzerinnen und Nutzer möglichst lange bei der Stange zu halten, haben die Hersteller den Chatbots ein Prinzip eingebaut, das in der Fachsprache als „Sycophancy“ bezeichnet wird, zu Deutsch: Liebedienerei. Das heißt konkret: Chatbots sind darauf programmiert, ihren Nutzern immer recht zu geben, ihren Äußerungen immer zuzustimmen.
Wer also lebensmüde ist, dem stimmt der Chatbot zu und bietet dem Lebensmüden sogar an, ihm einen Abschiedsbrief zu formulieren. Dies hat mehrfach zu Suiziden geführt. Wer misstrauisch gegenüber anderen Menschen ist, wird vom Chatbot in seinem Misstrauen unterstützt, was in zahlreichen Fällen eine sogenannte „KI-Psychose“, also einen Wahnzustand zur Folge hatte. Wer sich in seinen Chatbot verliebt – auch das hat es reihenweise gegeben –, möchte ihm in eine Jenseitswelt folgen, auch das hatte mehrfach Suizide zur Folge.
Für die Medizin sehen Sie Chancen digitaler Systeme, betonen aber zugleich die Unersetzlichkeit der Arzt-Patienten-Beziehung. Was geht gesundheitlich verloren, wenn Medizin vor allem als Daten-, Effizienz- und Automatisierungsprojekt verstanden wird?
Mir ist wichtig, nicht als technologiefeindlich missverstanden zu werden. Digitale Technologien können, wenn sie gezielt eingesetzt werden und unter ärztlicher Kontrolle bleiben, in der Medizin sinnvoll sein. Ein von den Anbietern forcierter Trend geht aber dahin, das ärztliche Gespräch, also die unmittelbare Wahrnehmung des Patienten durch einen Arzt oder eine Ärztin zu ersetzen. KI soll zuhören, was der Patient sagt, sie soll „das Wichtige“ schriftlich zusammenfassen und die medizinischen Folgeschritte anbahnen.
Der frühere deutsche Gesundheitsminister Lauterbach hat das im November 2023 in einem Spiegel-Interview mit entwaffnender Offenheit kundgetan: Hat der Patient Schmerzen, stellt die KI den Überweisungsschein zum Orthopäden aus. Genau so droht es leider zu kommen, obwohl die meisten Schmerzzustände nichts mit der Orthopädie, sondern mit anderen Ursachen, sehr oft auch mit sozialem Stress zu tun haben. Um das zu erfassen und richtig einzuschätzen, braucht es reale, einfühlsame Ärzte und keine KI.
Sie plädieren am Ende für „digitale Vernunft“. Wie würde aus Ihrer Sicht ein gesundheitlich förderlicher Umgang mit digitalen Technologien konkret aussehen – im Alltag von Familien, in Bildungseinrichtungen und im Gesundheitswesen?
Im Prinzip verhält es sich mit digitalen Endgeräten und ihren Applikationen so wie mit dem Auto: Für gezielte Zwecke vernünftig und sparsam eingesetzt, leistet uns das Auto unersetzliche Dienste. Bevor wir das erkannt haben, gab es in den 1960er- und 70er-Jahren aber einen verhängnisvollen Hype: Man propagierte die „autogerechte Stadt“ und asphaltierte die Städte zu. Erst dann wurde erkannt, dass wir menschen- und nicht autogerechte Städte brauchen.
Der Wahnsinn droht sich jetzt mit der Digitalisierung zu wiederholen. Künstliche Intelligenz kann uns fantastische Dienste leisten. Wichtig ist, dass wir sie kontrollieren und nicht zulassen, das sie uns kontrolliert und beherrscht. Dies droht aber zu passieren, digitale Angebote drohen die Macht über uns zu übernehmen, ruinieren – vor allem in den Familien – das soziale Zusammenleben, behindern in den Schulen das Lernen und „entkörperlichen“ unsere Existenz. Dass dies nicht geschehen möge, ist ebenfalls ein Anliegen meiner Arbeit.
Buchtipp
"Menschlichkeit in digitalen Zeiten"
„Menschlichkeit in digitalen Zeiten. Warum wir ohne lebendige Wirklichkeit nicht leben können.“, Joachim Bauer, Heyne-Verlag, 320 Seiten, € 24,70
Zur Person
Univ.-Prof. Dr. Joachim Bauer ist Neurowissenschaftler und Arzt. Er arbeitete am Uniklinikum Freiburg und am Mount Sinai Medical Center in New York City. Er lehrt, forscht und arbeitet jetzt in Berlin.
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