Expertin: „Viele halten es für Demenz – dabei ist es AD(H)S“
Zusammenfassung
- AD(H)S bleibt oft bis ins hohe Alter unerkannt und wird bei Erwachsenen häufig mit Demenz verwechselt.
- Die Diagnose und Behandlung von AD(H)S im Erwachsenenalter ist möglich, wird aber durch lange Wartezeiten und mangelnde Expertise erschwert.
- Betroffene leiden häufiger unter psychischen und körperlichen Folgeerkrankungen, geringerer Lebenserwartung und niedrigem Selbstwert.
Über AD(H)S wird viel gesprochen – aber fast immer so, als höre das Thema mit der Kindheit oder spätestens im jungen Erwachsenenalter auf. Das Gegenteil ist oft der Fall. Mit „AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte“ erscheint nun ein Buch, das sich als erstes gezielt mit Neurodivergenz im Älterwerden befasst. Die deutsche Psychiaterin Astrid Neuy-Lobkowicz im Gespräch.
KURIER: Warum haben Sie sich gerade diesem Thema und der zweiten Lebenshälfte gewidmet?
Astrid Neuy-Lobkowicz: Ich beschäftige mich seit 25 Jahren speziell mit AD(H)S bei Erwachsenen. Studien zeigen, dass das Thema in der zweiten Lebenshälfte sehr relevant bleibt. Ein Teil meiner Patientinnen und Patienten kommt mit der Sorge, sie hätten Demenz, weil sie so vergesslich geworden sind und plötzlich das Gefühl haben, alles werde schlimmer. Dahinter steckt aber oft ein AD(H)S, das lange kompensiert werden konnte. Irgendwann geraten diese Menschen in eine tiefe Erschöpfung, sind ausgebrannt, das macht sie verständlicherweise depressiv und unglücklich. Wenn sich dann zeigt, dass AD(H)S vorliegt, kann man das auch mit 40, 50, 60 oder später gut behandeln. Viele richten sich dann noch einmal erstaunlich auf.
Was sind typische Hinweise und warum kommt es zu einer Verschlechterung?
Bei Frauen wird es vor allem in den Wechseljahren stärker. Man wird unorganisierter, kann sich schlechter konzentrieren, ist schnell erschöpft und hat Stimmungsschwankungen. Viele reagieren empfindlich auf Kränkungen und Verletzungen. Das alles war schon vorher da – es konnte nur über viele Jahre mit großer Anstrengung kompensiert werden. Für die Diagnose muss man deshalb genau hinschauen: Wie war das früher? Was sagen Angehörige? Welche Strukturen haben vielleicht lange geholfen und brechen jetzt weg? Oft kippt ein System, das vorher mühsam funktioniert hat, die Betroffenen geraten in Burnout, Depression, Kraftlosigkeit und Zukunftsängste.
Und die Männer?
Bei ihnen zeigt sich das oft eher als tiefe Erschöpfung. Viele gestehen sich das lange nicht ein. Es sind häufig hochfunktionale Menschen, die mit Intelligenz, Ausbildung und viel Kraft lange durchgekommen sind. Ich sehe das oft bei Ärzten oder Anwälten. Die sagen: Ich habe mein Leben doch geschafft – und plötzlich geht es nicht mehr.
Gerade Menschen über 50 sind in einer Zeit aufgewachsen, in der AD(H)S kaum diagnostiziert wurde.
Ja, diese Generation hatte oft gar keine Diagnose. Dazu kommt, dass die heute 50- oder 60-Jährigen gelernt haben, sich zusammenzureißen und weiterzumachen. Aber irgendwann funktioniert das nicht mehr. Das wirkt dann oft wie Demenz: vergesslich, seltsam, erschöpft.
Astrid Neuy-Lobkowicz, Psychiaterin, Psychotherapeutin
Für die Diagnose muss man deshalb genau hinschauen: Wie war das früher? Was sagen Angehörige? Welche Strukturen haben vielleicht lange geholfen und brechen jetzt weg?
Sie schreiben, dass die Lebensbilanz bei unerkanntem AD(H)S oft schlechter ist.
Das zeigen Statistiken deutlich. Die Betroffenen erreichen oft nicht die Ausbildung oder berufliche Leistung, die sie mit ihren intellektuellen Möglichkeiten erreichen könnten. Sie haben häufiger gescheiterte Beziehungen, sind öfter arbeitslos oder früh berentet. Und sie sind kränker. Bei rund 80 Prozent kommt im Lauf des Lebens mindestens eine weitere psychische Erkrankung dazu, bei mehr als der Hälfte sogar mehr als zwei. Hinzu kommen somatische Erkrankungen wie Bluthochdruck, Adipositas, Typ-2-Diabetes, Fehlernährung. Auch immunologische Erkrankungen sehen wir häufiger.
Wirkt sich das auf die Lebenserwartung aus?
Eine neuere Arbeit aus dem vergangenen Jahr zeigt zudem, dass Männer mit unbehandeltem AD(H)S sieben Jahre weniger Lebenserwartung haben, Frauen sogar neun Jahre weniger.
- In bis zu 95 Prozent der Fälle wird AD(H)S auf eine genetische Ursache zurückgeführt.
- 50–80 Prozent der im Kindesalter Betroffenen weisen auch als Erwachsene noch AD(H)S-Symptome auf. Ein Drittel zeigt sogar noch das Vollbild der Störung.
- Mindestens 45% der Eltern von Kindern mit ADHS haben ebenfalls ADHS. Das Risiko für AD(H)S für Geschwister ist drei- bis fünffach erhöht.
Wie tief prägt ein unerkanntes AD(H)S den Selbstwert?
Sehr tief. Die meisten sind voller Selbstzweifel, weil sie jeden Tag an sich scheitern. Gerade Prokrastination ist quälend: Man weiß genau, dass man anfangen müsste und kann es trotzdem nicht. Dazu kommt Kritik von außen, vor allem aber enorme Selbstkritik. Ein kleiner Teil kompensiert das vielleicht mit Großartigkeit. Die meisten, gerade Frauen, entwickeln aber extreme Schamgefühle, Schuldgefühle und Minderwertigkeitsgefühle. Viele hören ein Leben lang: Du bist faul. Bei AD(H)S stimmt das nur eingeschränkt. Wenn etwas Spaß macht und interessant ist, geht vieles. Für Routine, Alltag fehlt aber oft die Energie.
Und zugleich wirken Betroffene oft auch charismatisch.
Wenn jemand begabt ist, kann er mit AD(H)S weit kommen. Viele Künstler haben das, viele Journalisten übrigens auch. Diese Berufe passen mit dem Bedürfnis nach Reiz und Neuem zusammen. Aber nicht jeder AD(H)S-Betroffene kann daraus eine Stärke machen.
Wie sieht die Behandlung bei älteren Betroffenen aus? Helfen Medikamente auch hier?
Grundsätzlich ja. Im Erwachsenenalter sollte AD(H)S immer auch medikamentös behandelt werden, weil es ein neurobiologisches Problem ist, bei dem der Botenstoff Dopamin zu schnell abgebaut wird. Betroffene können sich dann besser konzentrieren, ihre Gefühle besser regulieren, sie sind weniger sprunghaft und ablenkbar.
Heißt: Es ist nie zu spät?
Es ist oft erstaunlich, wie viel sich noch verändern lässt, wenn die Diagnose stimmt und richtig behandelt wird. Viele sagen dann: Jetzt habe ich wieder Kraft und Antrieb, und kann wieder klar denken.
Die Awareness für AD(H)S ist mittlerweile groß, doch wer in Österreich Hilfe sucht, steht schnell an. Das bestätigt Karin Schmid-Gallistl, Obfrau von Adapt, (Patientenorganisation für Personen mit AD(H)S): „Der Frust beginnt oft schon bei der Diagnostik: Es dauert lange, bis man überhaupt einen Termin bekommt, und noch schwieriger ist es, Fachleute zu finden, die sich mit AD(H)S gut auskennen.“
Gerade bei Erwachsenen, vor allem bei Frauen oder Menschen in der zweiten Lebenshälfte, wird AD(H)S zudem oft übersehen, weil sich viele im Lauf der Jahre Strategien angeeignet haben und nach außen relativ gut funktionieren.
Monatelange Wartezeit
Nach einer Diagnose stellt sich erst recht die Frage, wie es weitergeht: Laut Schmid-Gallistl wäre Psychotherapie oft sinnvoll, weil sich über Jahre viele Folgeprobleme aufgebaut haben, und auch eine medikamentöse Behandlung ist häufig wichtig. Doch Psychotherapeuten und Psychiater mit AD(H)S-Expertise zu finden ist mit monatelangen Wartezeiten und auch oft hohen Kosten verbunden.
Alleine die Terminvereinbarung ist für viele eine Hürde, an der sie wieder aussteigen. Das gilt vor allem für komplexe Terminbuchungssysteme: „Gerade Menschen mit AD(H)S geben auf, wenn sie Hilfe nicht rasch und unkompliziert bekommen. Deshalb müssen die Angebote viel niederschwelliger sein.“
Mehr Wissen nötig
Weiters bräuchte es viel mehr Wissen und Sensibilität. „Das sollte bereits bei den werdenden Eltern anfangen – mit so etwas wie einem Mutter-Kind-Pass für die Psyche, damit sie früh erfahren, was AD(H)S, Autismus oder andere Neurodivergenzen überhaupt sind und woran man sie erkennt“, so Schmid-Gallistl.
Außerdem müsste AD(H)S ein fixer Bestandteil in den Ausbildungen sein: „Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten sollten über ADHS bereits im Studium umfassend informiert werden, was aber leider nicht der Fall ist.“
BUCHTIPP:
Astrid Neuy-Lobkowicz: „AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte“, Kösel. 224 Seiten, 18,50 Euro
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