"Jeder hat ADHS?": Neue Studie zeigt klares Ergebnis

Oft hört man, mittlerweile habe "jeder" ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung werde viel zu häufig diagnostiziert. Was Experten dazu sagen.
Eine Frau greift sich an den Kopf, während ein Kind auf dem Sofa hüpft.

Immer häufiger heißt es in öffentlichen Debatten, „heutzutage habe jeder ADHS“. Fachleute widersprechen dieser Darstellung nun deutlich. Ihrer Einschätzung nach wird die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) nicht zu oft diagnostiziert – vielmehr warten viele Betroffene zu lange auf Untersuchung und Behandlung.

Zu diesem Ergebnis kommt eine internationale Expertengruppe der Universität Southampton. Die Forschenden sehen keine Hinweise darauf, dass ADHS überdiagnostiziert wird. Vielmehr lenke die Debatte über angeblich zu viele Diagnosen von einem anderen Problem ab: Viele Betroffene erhalten gar keine oder erst sehr spät Hilfe. „Anstatt sich auf Zu- oder Abnahmen der Diagnosequoten zu konzentrieren, sollte die Aufmerksamkeit darauf gerichtet werden, inwieweit Menschen mit ADHS angemessen diagnostiziert und behandelt werden“, sagte Studienautor Samuele Cortese. „Obwohl Fehldiagnosen und unangemessene Diagnosen vorkommen, deuten die verfügbaren Erkenntnisse darauf hin, dass Unterdiagnose und Unterbehandlung weiterhin die größten Herausforderungen darstellen.“

Häufigkeit in der Bevölkerung höher als registrierte Diagnosen

Internationalen Studien zufolge erfüllen rund fünf Prozent der Kinder und etwa drei Prozent der Erwachsenen die Diagnosekriterien für ADHS. Die offiziellen Daten des britischen Gesundheitssystems (NHS), die Basis der Untersuchung waren, liegen jedoch deutlich darunter – ein Hinweis darauf, dass viele Betroffene nicht erkannt werden.

Gleichzeitig räumen die Forschenden ein, dass Fehldiagnosen vorkommen können, etwa wenn Untersuchungen stark auf Selbstauskünften beruhen oder andere mögliche Erkrankungen nicht ausreichend geprüft werden. Expertin Tamsin Ford von der Universität Cambridge erklärte dazu: „Obwohl deutlich mehr Menschen mit ADHS erkannt und behandelt werden, gelingt es uns nicht, viele weitere ausreichend zu unterstützen. Überdiagnosen stellen kein Problem dar, Fehldiagnosen hingegen schon, da Betroffene aufgrund langer Wartezeiten in den Privatsektor abwandern; und leider sind übersehene Diagnosen nach wie vor häufig.“

Risiko durch unbehandeltes ADHS

Unbehandeltes ADHS kann laut Studien mit erheblichen Langzeitfolgen verbunden sein – etwa mit schulischen Problemen, Suchterkrankungen oder einem erhöhten Unfallrisiko. Gleichzeitig existieren wirksame Therapien.

„Die Folgen einer unbehandelten ADHS werden oft unterschätzt“, sagte Cortese. „Dazu gehören ein erhöhtes Risiko für schulische Misserfolge, Suizidgedanken, Drogenmissbrauch, Kriminalität, Verletzungen und Tod. Das Versäumnis, Behandlungen anzubieten, die nachweislich diese Risiken verringern, stellt ein gravierendes ethisches Problem dar, das dringend angegangen werden muss.“

Die Autorinnen und Autoren fordern deshalb mehr finanzielle Mittel, bessere Ausbildung von Fachpersonal sowie eine stärker evidenzbasierte öffentliche Diskussion über ADHS, um Diagnosen zu verbessern und den Zugang zur Behandlung zu erleichtern.

Kommentare