Okonjo-Iweala verfügt über viel internationale Erfahrung

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Portrait
02/15/2021

WTO: Eine Frau soll den fairen Welthandel retten

Covid und Handelskriege: Der Welthandel steckt in einer schweren Krise. Eine Top-Managerin aus Nigeria soll es jetzt richten.

von Wolfgang Unterhuber

Als Finanzminister hat man es bekanntlich nicht immer leicht. Als Ngozi Okonjo-Iweala 2012 Schatzkanzlerin von Nigeria war, wurde ihre damals 83-jährige Mutter entführt. Die Forderung der Kidnapper war ungewöhnlich.

Sie stellten keine Lösegeldforderung. Sie verlangten, dass Okonjo-Iweala als Finanzministerin zurücktreten sollte. Okonjo-Iweala kam der Forderung nicht nach.

Ihre greise Mutter kam kurz darauf trotzdem wieder frei. Hinter der Entführung steckten vermutlich die Magnaten der Treibstoffkartelle, deren Korruptionspraktiken Okonjo-Iweala aufdecken wollte.

Starke Nerven

Die Episode zeigt, dass Okonjo-Iweala jedenfalls starke Nerven hat.  Zwei Mal war die heute 66-Jährige Finanzministerin in Nigeria, der größten Ökonomie Afrikas.

Beim „Korruptionswahrnehmungsindex 2020“ befindet sich das Land irgendwo zwischen Russland, Brasilien und den meisten anderen westafrikanischen Ländern.

Der Grund: das Land hängt völlig von seinen Ölexporten ab. Die Einnahmen kommen aber nicht bei der Bevölkerung an, sondern nur bei den Eliten.

Im Vorjahr schrumpfte die Wirtschaft Nigerias wegen Covid und den dadurch fallenden Ölpreisen um 4,4 Prozent.

Dauerkonflikte

"Wenn du glaubst, du hättest Nigeria verstanden, dann wurde es dir nicht richtig erklärt", lautet ein nigerianisches Sprichwort.

Im Land, das über 200 Millionen Einwohner zählt, werden 514 verschiedene Sprachen und Idiome gesprochen.

Die drei größten Etnien sind die Igbo, zu denen auch Okonjo-Iweala gehört, sowie die Yoruba und Hausa. Amtssprache ist Englisch.

Das Land ist traditionell geprägt von einer politisch instabilen Lage, ethnischen Konflikten sowie den Auseinandersetzungen zwischen dem muslimischen Norden und dem mehrheitlich christlich-animistischen Süden.

Karge Kindheit

In diesem Land wurde Okonjo-Iweala im Juni 1954 geboren. Sechs Jahre bevor Nigeria aus der britischen Kolonialherrschaft in die Unabhängigkeit entlassen wurde.

Okonjo-Iweala stammt aus einer einflussreichen Familie, hat in einem BBC-Interview ihre Kindheit aber als eher bescheiden beschrieben.

„Ich tat alles, was ein Mädchen vom Dorf so tut. Wasser holen, zum Bauern gehen, die Einkäufe erledigen.“ Deshalb, so die vierfache Mutter und Großmutter, könne sie im Nobelbett genauso gut schlafen wie auf kalten Lehmboden.

Im Jahr 1973 ging die damals 19-jährige Okonjo-Iweala in die USA. Sie absolvierte bis 1977 das Ökonomie-Studium in Harvard und erwarb schließend den Doktortitel am Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit einem Thema über Entwicklungspolitik.

Bei der Weltbank

Danach arbeitete sie bei der Weltbank, bei der sie bis zur Vizepräsidentin aufstieg. 2012 bewarb sie sich für den Chefposten, scheiterte aber am Widerstand der USA.

Von 2003 bis 2006 und von 2011 bis 2015 unterbrach sie ihre internationale Karriere und war als Finanzministerin in ihrem Heimatland tätig.

Wirtschaftsprofi

Danach bekleidete sie die Position des „Chair of the Board“ der globalen Impfstoffallianz Gavi.

Und sie rückte in das Board (eine Art Aufsichtsrat) des Kurznachrichtendienstes Twitter und in das Board der Standard Chartered Bank ein. Die Standard Chartered Bank ist ein Finanzunternehmen mit Hauptsitz in London und Geschäften rund um den Globus.

Jetzt also ist Okonjo-Iweala, die seit einigen Jahren auch die US-Staatsbürgerschaft besitzt, die erste Frau und Afrikanerin an der Spitze der Welthandelsorganisation WTO.

„Hochqualifiziert", "unorthodox", "sanft", aber notfalls auch "hart wie eine Nuss": Selten wurde eine Person für einen internationalen Topjob so mit Vorschusslorbeeren belegt.

WTO in der Krise

Dabei steckt die WTO, die den Welthandel jahrzehntelang in verlässliche Bahnen lenkte, in der tiefsten Krise seit ihrer Gründung im Jahr 1995.

Hauptgrund für den Niedergang ist, dass überall Handelskonflikte ausbrechen. Denn die WTO ist eigentlich der Ort, über den Handelskonflikte ausgetragen und geschlichtet werden sollten.

Doch vor allem die beiden größten Volkswirtschaften, USA und China, scheren sich nicht darum.

Doch nicht nur die Differenzen zwischen den großen Handelsblöcken USA, China, EU, sondern auch die Handelskonflikte zwischen Industrie- und Entwicklungsländern wachsen.

Die USA haben unter Trump zudem das zentrale Organ der Streitschlichtung bei Handelsdisputen blockiert.

"Illegale" Vorgangsweise

Ärger sorgte in den USA auch, dass die WTO im Herbst des Vorjahres die von den USA im Handelsstreit mit China verhängten Zölle von über 200 Milliarden Dollar auf chinesische Waren als „illegal“ bezeichnete.

Das Vorgehen der US-Regierung entspreche nicht den Regeln der Welthandelsorganisation. Die Reaktion der US-Regierung ließ nicht lange auf sich warten.

Sie kritisierte die Schlussfolgerungen des WTO-Gremiums. Der Bericht bestätige die Position des Weißen Hauses, dass die Welthandelsorganisation nicht in der Lage sei, schädliche Praktiken Chinas zu stoppen, betonte der Handelsbeauftragte Robert Lighthizer.

"Dealmaker" Biden

Dass Okonjo-Iweala unter insgesamt acht Bewerbern ausgewählt wurde, verdankt sie übrigens US-Präsident Joe Biden. Donad Trump war gegen Okonjo-Iweala gewesen.

Freilich: Auch Biden zeigt protektionistische Tendenzen und hält die Tatsache für irrsinnig, dass die Supermacht China in der WTO noch immer die Privilegien eines Entwicklungslandes genießt, etwa was den Schutz der eigenen Industrie betrifft.

Okonjo-Iweala möchte den globalen Handel  so gestalten, dass er den Entwicklungsländern stärker bei der Entwicklung hilft.

Viele Staaten in Afrika wurden in den vergangenen Jahrzehnten von IWF und Weltbank gezwungen, ihre Märkte zu öffnen, nur um dann von oft subventionierten Waren aus Europa, den USA und China überschwemmt zu werden.

In ihrer Heimat Nigeria gingen so Hunderttausende Jobs in der Textilindustrie verloren.

Wenn jemand die WTO jedenfalls wieder auf Trab bringen könne, dann Okonjo-Iweala, ist die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, überzeugt: Sie werde diese "gehörig aufrütteln".

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