© Romana Klaer

Wirtschaft
12/05/2011

Wissen, was in den Wok kommt

Schwerpunkt China (Teil 7): Eine einfache Frau klettert mit Bio-Gemüse-Anbau die Karriereleiter hoch. Der Aufschwung treibt die Emanzipation voran.

Die Augenbrauen akkurat gerichtet, der Lippenstift dezent gesetzt, Löckchen in der Stirn, etwa 1000 Mitarbeiter an der Seite, die pro Jahr sechs Millionen Yuan Umsatz hereinwirtschaften: Liming Shi hat es mit ihren 37 Jahren weit gebracht.

Vom Bauernmädchen, das sich in bescheidenen Verhältnissen gegen sieben Geschwister durchsetzen musste, ist sie nach einem wirtschaftlichen Auf und Ab im Norden Pekings zu einer Bio-Unternehmerin aufgestiegen. Fördermöglichkeiten der Regierung hat sie genauso ausgenutzt wie den Wunsch gut situierter Städter nach gesunden Lebensmitteln. "Ich wollte weder Bäuerin noch Verkäuferin sein. Ich war unzufrieden", erzählt sie dem KURIER.

Gepachtete Felder

Ohne Fachkenntnisse hat Liming Shi begonnen, Felder zu pachten. Die Bauern konnten vom Erlös nicht mehr gut leben, und die Politik forciert, dass die kleinteilige Landwirtschaft professionell bewirtschafteten Betrieben weicht. Mit zinsfreien staatlichen Krediten zog Shi ab 2008 auf den Grundstücken Treibhäuser hoch, in denen sie Erdbeeren und Gemüse pflanzt. "Die Menschen möchten wissen, was sie in ihren Schüsseln haben", ist Shi überzeugt. Dafür seien sie bereit, doppelt so viel auszugeben wie sonst im Supermarkt.

"Das Besondere bei uns ist", sagt sie stolz, "dass die Leute die Früchte selber ernten können." Für die Kinder sei der Streifzug durch das weitläufige Gelände am
Wochenende ein Abenteuer. Für ihre Eltern Erholung pur. Während der Woche pflegen die früheren Bauern heute als Lohnarbeiter für umgerechnet 120 bis 300 Euro im Monat die Pflänzchen.

Pestizide und chemische Dünger sind verpönt, das werde kontrolliert. Einen Teil der Ernte braucht sie für ihr Bio-Restaurant, wo sie Ausflüglern "Hot Pot" mit Pilzen und Lamm aus der Inneren Mongolei serviert. Hoffnung setzt sie in ihre 21-jährige Tochter, die Internationalen Handel studiert. "Sie soll helfen, dass ich meine Produkte im Ausland verkaufen kann."

Marktnische

Shi hat eine Marktnische für sich entdeckt. Und sie ist ein Beispiel dafür, dass Chinas Frauen auch auf dem Land die Initiative ergreifen und wirtschaftlich erfolgreich sein wollen. Einfach sei das nicht, weiß Wu Xiuping, Präsidentin des Vereins der Unternehmerinnen. 500 Geschäftsfrauen sind eingeschrieben. Ziel: sich gegenseitig unterstützen.

"Die Emanzipation ist ein Erfolg unserer Revolution", meint Wu strahlend zum KURIER. "Vor dem Gesetz sind wir jetzt gleich." Im geschäftlichen Alltag würde das aber noch etwas länger dauern. Wenn Geschäftspartner ein Problem lösen wollen, "dann gehen sie essen" - und trinken. Für Frauen ist diese Tradition oft ein Problem. "Sie sollen sich abends um ihr Kind oder die Schwiegereltern kümmern. Daher müssen sie für Verhandlungen untertags besonders gerüstet sein. Der Verband hilft beim Kontakt mit Behörden und bietet Kurse an, damit die Mitglieder ihr Know-how erweitern." Echte Chancen bringe aber der Aufschwung selbst. Erst dadurch können Frauen wie Liming Shi ihre Ideen zu Geld machen.

Irritierte Schlemmer

Die chinesische Küche ist vielfältig wie kaum eine andere auf der Welt. Reist man quer durch die Provinzen, so wird man kaum eine Pflanze oder ein Tier finden, aus dem sich nicht ein Leckerbissen zaubern lässt. Dazu kommt: Essen ist ein hoch sozialer Akt.

Der Genuss wird einem aber zusehends durch Skandale vermiest. Da ist von Schweinen und Hühnern die Rede, die mit Hormonen vollgepumpt sind. Von schädlichen Inhaltsstoffen und stinkendem Fett, das kleinere Lokale mehrfach verwenden. Genussmenschen sind tief irritiert. Vor allem, seit selbst chinesische Medien darüber häufiger berichten. Das und mehr finanzielle Möglichkeiten heizen den Bio-Boom an. Die Kader haben die naturbelassenen, gesunden Lebensmittel längst für sich entdeckt. Für die hohen Parteifunktionäre gibt es in Peking und in den Provinzen eigene Farmen, wo kontrolliert ökologisch angebaut wird.

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