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Wirtschaft
07/11/2019

Wirbel um Billig-Airline Wizz Air in Wien

Niedrige Gehälter für Bord-Crews, Streit um Arbeitsbedingungen und Klagen wegen Checkin-Gebühren.

von Andrea Hodoschek

An Selbstbewusstsein mangelt es József Váradi, CEO von Wizz Air, keineswegs. Ein „Blutbad“ in Wien, die AUA als Verlierer, eine Marktbereinigung unter den Billig-Airlines und Wizz Air expandierend auf der Gewinner-Seite. Der Chef von Osteuropas größter Low-Cost-Airline formuliert gerne sehr direkt.

Derzeit allerdings muss sich die ungarische Fluggesellschaft, die zu den Airlines mit den niedrigsten Kosten pro Sitzkilometer zählt, in Wien viel Kritik gefallen lassen.

Dass Wizz Air für ihre aktuell 52 Piloten und 130 Flugbegleiter in Österreich keinen Kollektivvertrag hat und auch nicht an den Abschluss eines solchen denkt, sorgt selbstredend für heftigen Unmut bei der Gewerkschaft. Die bereits von einem möglichen Generalstreik sprach.

„Das Wording war sehr vorsichtig, aber es kam trotzdem ganz klar die Botschaft an, dass man Optionen anbieten könne, um Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zu sparen“, berichten indes Piloten, die an Recruiting-Veranstaltungen teilnahmen. Dabei sei die Rede gewesen von sogenannten „floating bases“, Mitarbeiter haben keine fixe Niederlassung, bei der sie angestellt sind. Oder einer Personalleasing-Firma in der Schweiz.

Alle Mitarbeiter der Wiener Basis seien bei der österreichischen Niederlassung von Wizz Air Hungary beschäftigt, beteuert ein Sprecher der Airline. Bei den Beschäftigungsbedingungen „hält sich Wizz an die jeweiligen lokalen Vorschriften in Österreich“. Welche dies ohne Kollektivvertrag sind und warum bei Recruitings etwas ganz anderes erzählt wird, wurde nicht beantwortet.

Wizz Air bezahle die Crews schlechter als alle anderen Airlines, sogar die zu Ryanair gehörende Lauda entlohne wesentlich besser, heißt es ebenfalls in Pilotenkreisen. Wizz Air geht auf die Gehälter nicht konkret ein, sondern betont nur, dass die Mitarbeiter früher von Co-Piloten zu Kapitänen aufsteigen könnten und daher über die Lebensverdienstsumme mindestens genauso viel verdienen würden wie bei anderen Airlines.

„Sollte es tatsächlich Umgehungskonstruktionen geben, wird nicht nur Lohndumping betrieben, sondern auch Steuer- und Sozialabgabendumping“, empört sich Luftfahrtgewerkschafter Daniel Liebhart (vida). Die Gewerkschaft sei „nicht gegen Wettbewerb, sondern für einen fairen Wettbewerb“.

Unfair behandelt fühlen sich Passagiere, die für 30 Euro Gebühr den Checkin am Flughafen benutzen mussten, weil der Online-Checkin nicht funktionierte. Die Arbeiterkammer hat bereits beim Wiener Handelsgericht eine Musterklage gegen Wizz Air eingebracht.

System?

„Aus den Beschwerden können wir schließen, dass dieses Vorgehen System hat“, sagt dazu Gabriela Zgubic, Chefin des AK-Konsumentenschutzes. Checkin sei eine „unselbstständige Nebenleistung, die nicht gesondert bepreist werden darf“.

„Hier wird beinhart abgecasht. Den Passagieren wird am Schalter gesagt, wenn sie nicht zahlen, kommen sie eben nicht mit“, ärgert sich ein betroffener Kunde, der auch eine Klage vorbereitet.

Kein System, kontert Wizz Air die Vorwürfe. Man sei bestrebt, qualitativ hochwertige Dienstleistungen, niedrigste Tarife und transparente Richtlinien für Zusatzgebühren anzubieten. Jeden Passagier, der andere Erfahrungen mache, ermutige man, Wizz Air zu benachrichtigen, „damit jeder Fall sorgfältig untersucht werden kann“.

Aus Lieferantenkreisen hört man übrigens, dass keine Airline in Wien so gut organisiert sei und derart beinhart verhandle wie die Ungarn.

Sechs Geschäftsleute aus der Luftfahrt gründeten in Ungarn gemeinsam mit dem heutigen CEO Váradi 2003 Wizz Air. Heute ist die seit 2015 in London börsenotierte Airline der größte Low-Cost-Carrier in Zentral- und Osteuropa. 2018  flog Wizz Air einen Rekordgewinn von 292 Millionen Euro ein. Für heuer sind 40 Millionen Passagiere und ein Gewinn zwischen 320 und 350 Millionen geplant. Die Flotte ist mit 4,7 Jahren Durchschnittsalter eine der jüngsten in Europa und umfasst 113 Flugzeuge der Airbus A320-Familie. 20 weitere Maschinen sind fix bestellt. Die Holding sitzt in der Steueroase Jersey.

Mitte Dezember will Wizz Air in Wien einen sechsten Airbus stationieren und dann 38 Strecken in 23 Ländern anfliegen. Neu in den Flugplan werden u.a. Oslo, Alicante, Neapel und Porto aufgenommen, Tel Aviv und Einhofen werden aufgestockt.