Heringssaison in der Ostsee hat begonnen

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Wirtschaft

Winter zu warm: Klimawandel dezimiert Heringsnachwuchs, Fischer in der Krise

Die Ostseefischer befinden sich in "existenzbedrohender Krise", die Nordessefischer werden ihre Krabben nicht los. Robben lernten, Heringe aus den Netzen zu fressen

von Daniela Kittner

12/20/2020, 08:52 AM

Die Fischerei an der OstseekĂŒste befindet sich in der grĂ¶ĂŸten Krise seit der deutschen Wiedervereinigung. „Die Krise ist aus vielen GrĂŒnden so existenzbedrohend, dass dieser Wirtschaftszweig tatsĂ€chlich in weiten Teilen verloren gehen könnte“, sagt der Chef des ThĂŒnen-Instituts fĂŒr Ostseefischerei, Christopher Zimmermann.

Hauptgrund seien die sinkenden Fangquoten fĂŒr Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee. Beim Hering gingen seit 2017 bis ins nĂ€chste Jahr hinein 94 Prozent der Quote verloren. Beim Dorsch sehe es nach der fĂŒnfprozentigen Quotenerhöhung fĂŒr 2021 zwar etwas besser aus. „Aber wenn man die Mengen mit denen von vor zehn Jahren vergleicht, dann ist das lachhaft wenig“, sagt Zimmermann. Zudem könne es bei fortgesetzt geringer Nachwuchsproduktion sein, dass die Quoten in naher Zukunft wieder gesenkt werden.

Zu frĂŒhes Ablaichen

DafĂŒr verantwortlich sei beim Hering in erster Linie der Klimawandel, der zur drastischen Reduzierung des Laiches fĂŒhre. Das Wasser sei zu warm, die Tiere laichten frĂŒher ab, und die kleinen Krebse als Hauptnahrung des Laichs seien noch nicht da. „Was wir dringend brĂ€uchten, ist ein knackiger, harter und frĂŒh eintretender Winter.“ Zu den schwieriger werdenden Bedingungen der Fischerei, zu der auch ein schlechtes Image in der Öffentlichkeit beitrage, kĂ€men auch behördliche Vorschriften etwa zur SicherheitsausrĂŒstung, die das Leben erschweren.

Lockdown dezimiert Nachfrage nach Krabben

Auch die Krabbenfischer an der NordseekĂŒste mĂŒssen mit massiven AusfĂ€llen kĂ€mpfen. Die Erzeugergemeinschaft der Deutschen Krabbenfischer (EzDK) geht davon aus, dass wegen Fangpausen und ausbleibender Absatzmöglichkeiten Umsatz und Fangmenge ungefĂ€hr auf dem Niveau des bereits schwachen Vorjahres 2019 liegen werden. Das entspreche nur zwei Dritteln des Umsatzes eines durchschnittlichen Jahres, sagte GeschĂ€ftsfĂŒhrer Dirk Sander. Der Erzeugergemeinschaft mit Sitz in Cuxhaven gehören rund 100 Betriebe zwischen Sylt und Ditzum in Ostfriesland an.

Bei einer zweiten Erzeugergemeinschaft, die der KĂŒstenfischer der Nordsee, sieht die Prognose noch schlechter aus. Der Verband geht nach Angaben von GeschĂ€ftsfĂŒhrer GĂŒnter Klever davon aus, dass seine mehr als 30 Betriebe weniger als die HĂ€lfte des Umsatzes eines ĂŒblichen Jahres machen werden. Die Erzeugerpreise bewegten sich demnach 2020 ebenfalls auf schwachem Vorjahresniveau zwischen drei und fĂŒnf Euro pro Kilo.

SchĂ€lzentren in Marokko ĂŒberlastet

„Es waren ausreichend Krabben zu fangen, aber wir konnten sie nicht verkaufen“, sagte Sander. Große HĂ€ndler etwa in den Niederlanden nahmen weniger Krabben ab, da sie nicht weiterverarbeitet werden konnten. Durch die Corona-Pandemie waren die KapazitĂ€ten in den marokkanischen SchĂ€lzentren, wo die Krabben in Handarbeit gepult werden, reduziert. Hinzu kam, dass Hotels und Restaurants zeitweise geschlossen waren. Diese Absatzmöglichkeiten fehlten auch den ĂŒbrigen KĂŒstenfischern, die etwa auf Plattfische aus sind. Kutter legten daher Fangpausen ein.

Robben lernten, Stellnetz zu nutzen

Die Ostseefischer haben neben dem Klimawandel auch mit der zunehmenden Zahl von Kegelrobben zu kĂ€mpfen. „Die Robben haben gelernt, den Heringen im Stellnetz das Fleisch von den GrĂ€ten zu ziehen“, sagte Institutschef Zimmermann. Das habe neben dem Verlust der Fische einen weiteren Effekt: „Es dauert viel lĂ€nger, einen abgefressenen Fisch aus dem Stellnetz zu pulen als einen Ganzen.“ Wenn das bei 20 000 Fischen passiere, dann braucht man 20 000 Minuten lĂ€nger, um so ein Netz sauber zu bekommen und habe noch kein Geld verdient. „Das ist existenzbedrohend und wird dazu fĂŒhren, dass diese Fischereimethode sich nicht mehr lohnt.“

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