Wirtschaft
04.01.2019

Wie "Otto Normalverbraucher" sein Geld anlegen kann

'"An Aktien kommt man nicht vorbei": Was Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek im Börsejahr 2019 rät.

KURIER: Warum schwächeln die Börsen, vor allem in Europa?

Peter Brezinschek: Die Politik macht die Musik auf den Finanzmärkten. Das Jahr 2018 hat eine Weisheit widerlegt: dass „politische Börsen“ kurze Beine haben. 2019 werden sich die politischen Einflussfaktoren auf die Finanzmärkte fortsetzen: Brexit, globaler Handelskonflikt, europäische Schuldenfrage und US-Sanktionen.

In Amerika war der Börse-Einbruch nicht so schlimm wie in Europa. Ist das ein „Trump-Effekt“ – also auch eine Folge seiner Steuerreform?

In den USA hatten sie statt zehn bis elf Prozent Gewinnwachstum plötzlich 23 bis 24 Prozent. In Europa hingegen waren die Schätzungen zu Jahresbeginn 2018 noch zweistellig, wurden dann aber reduziert. Was übrigens auch für den ATX gilt. Wir hatten vor einem Jahr noch zehn Prozent Gewinnwachstum für die Unternehmen geschätzt. Am Ende ist es ein mageres Plus von nicht einmal drei Prozent geworden. Die Trumpsche Steuerreform hat gewirkt. Aber dieser Effekt läuft 2019 aus. Die spannende Frage ist: Können die amerikanischen Unternehmen von diesem hohen Niveau noch zulegen?

Was raten Sie dem „Otto Normalverbraucher“ unter den Anlegern? Null Zinsen am Sparbuch, Wertpapiere haben hohe Gebühren und unterlagen zuletzt starken Schwankungen, ein Bausparvertrag ist wenig attraktiv.

Wenn man den Anlagehorizont weit genug spannt – also acht bis zehn Jahre und mehr – dann wird man an Aktien nicht vorbeikommen. 15 bis 20 Prozent des Vermögens sollte schon in Aktien veranlagt werden – je nach Risikoneigung und möglichst breit gestreut. Hier kommt ein regelmäßiges Ansparen in Fonds in Frage. Das ist die einzige Chance für nennenswerte reale Erträge, die die Inflation übersteigen. Für kurzfristiges Anlegen sind Sparbuch oder Bausparen geeignet. Tatsächlich nicht sehr attraktiv sind festverzinsliche Wertpapiere, wenn sie nur null bis ein Prozent Zinsen abwerfen, aber gleichzeitig Spesen und Depotgebühren haben.

Ist es eigentlich vernünftig, jetzt in Aktien einsteigen bzw. nachzukaufen – oder gilt das alte Sprichwort, dass man nicht ins fallende Messer greifen soll?

Ich plädiere für einen Vermögensaufbauplan: also ein monatliches Ansparen, wo ich mehr Aktien kaufe, je niedriger die Kurse sind – und weniger, wenn die Kurse ansteigen. Auf lange Sicht sind dann Börsencrashes kein Problem. Es kommt natürlich darauf an, welche Risikoneigung man hat.

Warum ist selbst beim gut dastehenden, internationalen Unternehmen voestalpine die Aktie eingebrochen?

Die Voest hat ein tolles Jahr 2017 gehabt und interessante Gewinnaussichten für 2018. Dann sind einige negative Meldungen gekommen: Sanktionen auf der Handelsseite, Strafzölle auf Stahl und Aluminium durch die USA, die Pause bei Hochöfen (durch eine routinemäßige Erneuerung, die aber länger als erwartet dauerte, Anm.). Die Voest hat dann eine Gewinnwarnung herausgegeben, dass die Ertragsziele doch nicht erreicht werden. Dadurch hat die Aktie im Vorjahr 48 Prozent verloren. Sie ist nun aber weit unter ihrem Wert geschlagen. Auf dem aktuellen Niveau hat sie eine Dividendenrendite von über 5,5 Prozent – weit mehr, als Sie mit einem festverzinslichen Papier erreichen können.

Wann werden auch in Europa die Zinsen wieder steigen?

Ich gehe ab der zweiten Jahreshälfte 2019 davon aus. Mario Draghi war ein ausgezeichneter Krisenmanager. Aber in den letzten zwei Jahren ist die Konjunktur offensichtlich an ihm vorbeigegangen. Die EZB läuft jetzt hinter dem Konjunkturzyklus hinterher. Er wird wahrscheinlich der erste Notenbankchef weltweit sein, der einen Konjunkturzyklus ohne passenden Zinszyklus verlässt, weil er ja im Herbst geht. Ich denke schon, dass es zunehmende Übereinstimmung im EZB-Rat gibt, dass zumindest die Negativzinsen abgeschafft gehören.

Wie gefährlich ist Italien? Die EZB hat gerade die zehntgrößte italienische Bank, die Banca Carige, unter Kuratel gestellt.

Es gibt in Italien eine extreme staatliche Verschuldung. Die EZB hat Suchtgift verabreicht in Form von Negativzinsen – Patienten wie Italien sind dabei nicht clean geworden. Dazu hat auch noch der Bankensektor hohe, aber schwer einbringliche Kredite. Das alles – verbunden mit steigenden Zinsen für italienische Staatsanleihen und damit fallenden Wertpapierkursen – bringt die Italiener in eine schwierige Situation. Gerade da wäre es sinnvoll, wenn man die Zinsen etwas normalisiert.

Bilden sich irgendwo Blasen?

Ja, etwa am Rentenmarkt: Wenn Sie jetzt zum Beispiel für zehnjährige deutsche Staatsanleihen nicht einmal 0,2 Prozent bekommen, so verlieren Sie ja Geld. Das ist eindeutig eine Blasenbildung aufgrund der expansiven Anleihen-Ankaufspolitik durch die EZB. Private Pensionsvorsorge wirft durch die Nullzinsenpolitik kaum Erträge ab.

Und Immobilien?

Auch da haben wir eine Verzerrung. Wegen der Negativzinsen ist man auf Betongold ausgewichen.

Würden Sie zu Gold als „Krisenwährung“ raten?

Ja, als Beimischung für turbulentere Zeiten auf den Finanzmärkten und etwas steigender Inflation ist Gold eine Option. 2019 könnte da durchaus wieder eindeutig positive Erträge bringen, denn der Zinshöhepunkt in den USA ist bald erreicht, und auch die US-Dollarstärke währt nicht so lange.

Sind die guten Börsenjahre wieder für eine Weile vorbei?

Nach fast zehn Jahren kräftiger Kursanstiege und guter Konjunktur muss man sich in den kommenden zwei Jahren schon auf eine magere Börsenentwicklung einstellen. Ich gehe davon aus, dass die Aktienmärkte ihr Tief erst 2020 erreichen. Aufgrund von starken Übertreibungsphasen, zuletzt deutlich nach unten, bieten sich aber Anlegern immer wieder gute langfristige Chancen: wie bei der Voest schon erwähnt, bzw. bei Aktien mit hoher Dividendenrendite oder attraktivem Geschäftsmodell im Tech/IT-Bereich.