Wolfgang Hesoun, Chef von Siemens in Österreich

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Interview
02/21/2020

Siemens-Österreich-Chef Hesoun: "Sind auf Weltklasse-Niveau"

Wolfgang Hesoun, Chef von Siemens Österreich, über Digitalisierung in der Industrie, Energie-Erzeugung, CO2-Steuer und warum Europa gegenüber China in der schlechteren Position ist.

von Andrea Hodoschek

Wolfgang Hesoun sieht Österreich als Vorreiter bei der Automatisierung und fordert für einen fairen Wettbewerb, dass Europa gegenüber China energischer auftritt.

KURIER: Wie stark kann das Coronavirus die Konjunktur beeinträchtigen?

Wolfgang Hesoun: Das hängt von der Dauer ab. Derzeit tun sich alle sehr schwer mit einer Prognose, das Virus könnte 2020 noch ein Problem werden. Siemens Österreich hat derzeit in der Produktion keine Engpässe. Abgesehen vom Virus sehen wir nach einer sehr guten Wachstumsphase jetzt eine gewisse Abflachung. Aber das ist Leiden auf hohem Niveau. Wenn nicht noch ein Katastrophenszenario passiert, sehe ich keine Rezession. Ganz anders als Deutschland ist Österreich nicht so stark von den Exporten der Auto- und Maschinenindustrie abhängig. Österreich hat zudem einen starken Fokus auf Osteuropa. Dieser Markt wächst schneller.

Ist der Industriestandort Österreich zu rückständig?

Nein, im Gegenteil. Österreich und ganz Europa ist Vorreiter in der Automatisierung und Digitalisierung der Industrieproduktion. Wir haben schon Lösungen im Einsatz, bei denen andere Länder noch lange nicht so weit sind.

Aber die USA haben uns mit Amazon, Google etc. doch längst abgehängt.

Das betrifft nur den Datenbereich. Österreich, aber auch Europa, hat verglichen mit den USA und China schon vor 20, 25 Jahren mit der Automatisierung begonnen. Wir waren gezwungen, die Produktion effizienter zu gestalten, um trotz der hohen Personalkosten wettbewerbsfähig zu bleiben. Damals gingen in der Industrie viele Jobs verloren. Das ist abgeschlossen und wir haben eine gute Basis für die Digitalisierung der Produktion geschaffen, die wir jetzt auch nutzen können. Unsere Betriebe matchen sich täglich mit Billiglohnländern.

Kann man sagen, das hohe Lohnniveau ist ein Segen, weil die Modernisierung vorangetrieben wurde?

Wir sind nicht deswegen gut, weil wir viel zahlen, sondern wir können durch die Qualität und Produktivität unserer Industrie anständige Löhne zahlen. Wir hätten das auch bei niedrigerem Lohnniveau geschafft. Aber hohe Löhne kurbeln auch den Konsum an, und dieser ist auch ein Wachstumstreiber.

Wo stehen wir noch besonders gut da?

Siemens und Österreich sind sehr gut bei der Energie-Erzeugung, man kann ruhig sagen, hier sind wir auf Weltklasse-Niveau.

Womit wir beim Klimaschutz wären.

Wir investieren seit Jahren in die nachhaltige Produktion von Energie und deren Optimierung. Damit wird eingespart. Der zweite Faktor ist die Effizienzsteigerung bei den Endkunden – durch die Möglichkeiten der Digitalisierung in der Energieverteilung. Stichwort Smart Homes und Smart Citys.

Könnten Sie ein konkretes Beispiel nennen?

In der Seestadt Aspern werden durch intelligente Lösungen enorme Einsparungspotenziale bei Energie geschaffen. Der Hebel ist im urbanen Bereich besonders groß. Die Seestadt ist weltweit das führende Smart-City-Projekt in der Energieforschung. Siemens und die Stadt Wien arbeiten seit sieben Jahren daran.

Welchen Eindruck haben Sie von Ministerin Gewessler?

Durchaus positiv, es gibt zwangsläufig keine hundertprozentige Übereinstimmung, aber wir hatten ein sehr konstruktives Gespräch. Wir können als Siemens viel einbringen. Etwa beim Ausbau des öffentlichen Verkehrs.

Stichwort -Steuer.

Für die Industrie gibt es diese schon durch die Zertifikate. Es ist nur fair, wenn nicht nur auf die Industrie Bezug genommen wird, sondern, wie es auch im Regierungsprogramm steht, auf mehrere Emittenten. Im Gebäudebereich kann man sehr viel sparen. Ebenso beim Verkehr. Es darf aber nicht heißen, „entweder – oder“, sondern ein vernünftiges „sowohl – als auch“ zur Optimierung der Systeme.

 Wolfgang Hesoun Nach der HTL-Matura jobbte der 60-Jährige bei der Kraftwerks-Union (Siemens), der Donaukraftwerke AG und  bei Porr. 2007 wurde er Generaldirektor des Bau- und Technologiekonzerns Porr, 2010 Wechsel an die Spitze von Siemens Österreich.

Siemens beschäftigt in Österreich rund 11.000 Mitarbeiter, erwirtschaftet 3,5 Milliarden Euro Umsatz und betreibt sechs Werke. 52 Prozent Export, Verantwortung für 20 Länder in Zentral- und Osteuropa sowie für Israel. 

Was meinen Sie damit?

Bei der E-Mobilität ist noch längst nicht alles klar und einiges zu tun. Beim Fußabdruck der Batterien und der Infrastruktur für Ladestationen. Wasserstoff hinkt zwei Schritte hinterher. Und bei den Verbrennungsmotoren gibt es noch viel Potenzial, bis hin zu den Treibstoffen.

Wo müsste eine vernünftige Besteuerung ansetzen?

Das Wort Steuer ist hier falsch. Es geht nicht um eine herkömmliche Besteuerung, etwa wie eine Umsatzsteuer, sondern um eine Bepreisung. Die Politik sollte Anreize schaffen, sodass die Unternehmen ihre Produktion optimieren und selbst ihre Kosten reduzieren können. Die Eigenverantwortung der Unternehmen ist ganz wichtig. Das wäre wesentlich zielführender als eine neue Steuer, die ohnehin wieder nur ins Budget fließt. Es wird schwierig genug, dass daraus kein Wettbewerbsnachteil für den Standort wird. Sehr positiv, dass laut Regierungsprogramm der Fußabdruck eines Produzenten außerhalb der EU mit einer Abgabe belegt werden soll, um Wettbewerbsgleichheit zu schaffen.

Eine Abgabe auf Importe, klingt ziemlich protektionistisch.

Finde ich gar nicht, eine Cross-Border-Tax würde für alle vergleichbare Rahmenbedingungen schaffen. Wir müssen unsere Industrie nicht nur halten, sondern ausbauen und damit Arbeitsplätze und Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten für die Zukunft absichern. China hat gegen Importe unendlich viele Hemmnisse aufgebaut, erwartet sich aber in Europa einen völlig freien Marktzugang.

Sind wir schon in der schlechteren Position?

Absolut. Das muss korrigiert werden. Die Regierung ist sich dieser Problematik bewusst. China werden wir nicht ändern können, aber wir können einen Riegel vorschieben.

Soll Europa gegenüber China energischer auftreten?

Nicht nur China gegenüber. Europa ist intern sehr streng gegenüber Wettbewerbsverzerrungen, nur nach außen gibt’s das nicht. China ist kein Entwicklungsland, subventioniert aber seine Technologie und Produkte, um preisgünstig den EU-Markt zu erobern. China hat dieselben Produktionskosten wie wir, bietet aber vielfach 20 Prozent unter Preis an.