Reich der 1000 Möglichkeiten
Frau Shu dreht und wendet die Jacke, schlüpft hinein, zieht sie aus, grübelt und rechnet: "Kann ich mir das leisten? Soll ich mir das leisten?" Umgerechnet 60 Euro kostet ihr Traum in Rosa von Northland Professional. Eine satte Summe für die gut 40-jährige Mutter einer Tochter, die das hauchdünne, laut Etikett knitterfreie, wind- und wasserfeste Outdoor-Stück auch gern tragen will. "Kann man überall anziehen", überzeugt sich Shu schließlich selbst und greift zu.
Lokaler Geschmack
Der Northland-Laden im "Freundschafts-Shoppingcenter" in Peking lockt täglich etwa 60 Kunden an. Leute, denen jeden Monat nach den Ausgaben für Wohnen und Essen noch ein paar Hundert Yuan in der Tasche bleiben. Die ihren kleinen oder großen Wohlstand mit ausländischen Marken zur Schau stellen möchten.
Europäische Marken - wie Northland aus der Steiermark - bürgen für Qualität, und sie setzen Trends. "Wir stehen erst am Anfang", ist der lokale Designer mit dem Künstlernamen Lorenzo überzeugt. Er sucht mit Verständnis für Geschmack und Kultur der chinesischen Kundschaft die Farben und Schnitte aus. "Der Markt für Outdoor-Produkte ist hier riesengroß", schwärmt er. Erstmals hätten die Leute mehr Zeit und Geld.
Neben den Schuh- und Rucksack-Regalen lacht mit schneevereistem Bart Northland-Firmengründer Gerwalt Pichler von einem Foto auf die Kunden herab. Gebirgsketten, Bilder von Wanderern, die über Bäche springen. Unberührte Natur. Leben pur. Das sind Botschaften, die bei
Chinas Mittelschicht ankommen. Auch bei Chen Xi. Der 25-Jährige hat einen Uni-Abschluss in der Tasche und macht bei Northland als Marketingmanager erste Karriereschritte. Eine feste Freundin, die in Hinblick auf Ehe und Kind womöglich fragt, wie es mit einer Eigentumswohnung ausschaut, könne er nicht brauchen. "Ich habe eigene Ideen", sagt er. Mit seinen Freunden die Gegend erkunden - das mache ihm Spaß. Bis vor Kurzem habe man in China unter einem Naturerlebnis verstanden, dass man mit dem Auto zum Picknick fährt, so Firmenchef Arno Pichler. "Wir vermitteln ein umfassendes Naturerlebnis und Lebensqualität." Denn: "Wir schaffen in China auch ein Bewusstsein für Umweltschutz", meint Susanne Borufka. Werbung für Alpen- und Abenteuer-Tourismus in Österreich sind dabei gleich inklusive. Sie treibt die Verbreitung der Marke in China voran. "Es ist ein bisschen so wie bei uns in Österreich in den 70er-Jahren." Als sich die Leute nach und nach für Reisen und sportliche Abenteuer interessierten und sich die Ausrüstung dafür auch leisten konnten.
Bei aller Liebe zur Natur - es geht vor allem ums Geschäft. 600 Northland-Shops gibt es in China. Wöchentlich kommen neue dazu. Ziel von Pichler: Bis 2013 auf 1000 Geschäfte zu erweitern. Dafür will sich der chinesische Partner das Investitionskapital an der Börse holen. Ein Teil des Umsatzes fließt in den Grazer Familienbetrieb zurück.
Handel mit Österreich: Verdoppelung
Partner China ist der wichtigste Handelspartner Österreichs in Übersee - noch vor den USA. 2010 wurden Waren im Wert von rund drei Milliarden Euro nach China verkauft. Das war eine Steigerung um ca. 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Knapp fünf Prozent der österreichischen Einfuhren (2010 im Wert von 5,4 Milliarden Euro) kommen aus dem Reich der Mitte nach
Österreich - vor allem Elektro-, Textil-,
Leder- und Spielwaren.
Technologie Der bilaterale Handel, bekräftigte jüngst Chinas Premier Wen Jiabao bei einem Treffen mit Bundeskanzler Werner Faymann, soll sich bis 2014 verdoppeln. Man setzt vor allem auf Hochtechnologie, Infrastruktur und den Umweltbereich.
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