Wirtschaft
30.03.2018

Raiffeisen: Der Erfinder des Crowdfundings

Friedrich Wilhelm Raiffeisen: Vor 200 Jahren wurde der Gründervater der Genossenschaften geboren.

August 1846: In ganz Mitteleuropa war es kalt. Im Westerwald, einem deutschen Mittelgebirge, fiel sogar Schnee. Herumziehende Aschewolken nach Vulkanausbrüchen auf Tonga und Java waren für den Klimawandel verantwortlich. Missernten waren die Folge, die Bauern hungerten. Geld gab es nur zu Wucherzinsen. Friedrich Wilhelm Raiffeisen, damals Bürgermeister in dieser Gegend erkannte: Hilfe könne es nur durch Selbsthilfe geben. „Der Verein soll so viel als möglich allen, auch den ärmsten Einwohnern des kleinen Vereinsbezirks Gelegenheit bieten, ihre Verhältnisse zu verbessern“, so eines der Zitate des Sozialreformers. Raiffeisen gilt als einer der Gründer der Genossenschaftsidee. Aus den Anfängen der Hilfe für Bedürftige wurde die solidarische Gemeinschaft – eine Idee, die sich rund um den Globus fortpflanzte.

In Mühldorf bei Spitz (Wachau) wurde 1886 die erste Raiffeisen-Genossenschaft in Österreich gegründet. Raiffeisen wurde Erwin Hameseder, dem jetzigen Obmann der Raiffeisen-Holding und Aufsichtsratsvorsitzenden der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien, praktisch in die Wiege gelegt – er wurde dort geboren. Hameseder: „In Mühldorf, meinem Heimatort, hat mit der Gründung der ersten Raiffeisenkasse die Erfolgsgeschichte von Raiffeisen in Österreich ihren Anfang genommen. Heute sind 58 eigenständige Raiffeisenbanken in Niederösterreich – und rund 400 in ganz Österreich – ein lebendiger Beweis dafür, wie stark die Ideen und das Lebenswerk eines einzelnen Mannes nach wir vor unser Leben und Wirtschaften prägen.“ Raiffeisen sei heute ein unverzichtbarer Arbeitgeber, Steuerzahler und Investor, der Tausende Arbeitsplätze sichere, sagt Hameseder.

Heute, Freitag, jährt sich Raiffeisens Geburtstag zum 200. Mal. Sind in der heutigen, digitalen Welt, in der sich unter anderem Airbnb, Uber, Car2Go oder Crowd funding-Plattformen als Teile einer Sharing Economy verstehen, Genossenschaften altbacken und verstaubt? Eine Gallup-Umfrage, die Raiffeisen in Auftrag gegeben hat, zeigt das Gegenteil.

Regional zieht

„Das genossenschaftliche Modell ist eine bei Alt und Jung hoch geschätzte Wirtschaftsform. Merkmale wie regionale Eigentümerschaft, Solidarität und Mitbestimmung machen Genossenschaften zukunftsfähig“, ist daher auch Raiffeisen-Generalanwalt Walter Rothensteiner überzeugt.

Reform

In Deutschland wurde die Neugründung von Genossenschaften reformiert. Die dadurch erhoffte Gründungswelle sei auch wirklich eingetreten, erzählt Universitätsprofessor Johann Brazda vom Institut für Betriebswirtschaftslehre der Uni Wien (Fachbereich für Genossenschaftswesen). „Das ist bei uns nicht passiert“, bedauert Brazda. In Österreich sei der Kommentar zum uralten Gesetz „so dick wie die Bibel“, was naturgemäß abschrecke. Notare hätten Unterlagen zur Gründung von GmbHs, aber keine Statuten für Genossenschaften. Businesspläne, Finanzierungszusagen: von kleinen Gruppen werde genau so viel verlangt wie von sehr großen. Der Vorschlag des Genossenschafts-Experten: „Zwischen Groß und Klein sollte unterschieden werden.“

Die UNESCO würdigte übrigens die Genossenschaftsidee als „immaterielles Kulturerbe der Menschheit“.

Für fast eine Milliarde Menschen

Bei einer Gallup-Umfrage hat sich gezeigt: Den Österreichern ist sehr wohl bewusst, woher der Name Raiffeisen kommt. „Vom Gründer“, sagte die überwiegende Mehrheit. Tatsächlich stand Friedrich Wilhelm Raiffeisen Pate für die von ihm initiierten Vereinskassen. Das Wissen, dass es sich bei Raiffeisen um eine Genossenschaft handelt, hat in den vergangenen beiden Jahren sogar zugenommen – von 68 auf 74 Prozent. Das Image von Raiffeisen und von Genossenschaften überhaupt wird sehr positiv bewertet. Agieren regional, sind vertrauenswürdig, arbeiten langfristig und sind nahe beim Kunden, waren dabei die häufigsten Antworten (siehe Grafik).
1886 wurde die erste Raiffeisen-Genossenschaft im heutigen Österreich gegründet (Mühldorf bei Spitz). Heute gibt es unter vielem anderen 1636 Bankstellen, 89 Lagerhäuser und 95 Molkereien von Raiffeisen in Österreich.
Weltweit ist fast eine Milliarde Menschen in Genossenschaften organisiert.