Österreichs Wirtschaft und neue Bedrohungen

Mit dem Krieg im Nahen Osten ergeben sich für das Land und Europa weitere Herausforderungen. An Lösungen wird gearbeitet.
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Die neuesten Prognosen zu Österreichs Wirtschaft verbreiten nicht unbedingt eine positive Stimmung. Gingen die Experten ursprünglich von mindestens ein Prozent Wachstum aus (was auch nicht viel wäre), mussten sie die Erwartungen nun nach unten revidieren. So senkte die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) ihre Wachstumsprognose für 2026 um 0,3 Prozentpunkte auf 0,5 Prozent. 

Raiffeisen-Research-Chefanalyst Gunter Deuber rechnet sogar mit nur 0,3 Prozent. Grund ist natürlich der Krieg im Iran. Davon wird auch die Inflationsrate beeinflusst. Im Jahresschnitt erwartet die OeNB nun im Durchschnitt um 2,7 Prozent steigende Preise, Raiffeisen sogar 3,6 Prozent. Es könnte aber alles noch schlimmer kommen, falls der Krieg noch länger dauern sollte.

Mit dieser eher trüben Aussicht kommen auf den Staat und Österreichs Wirtschaft Herausforderungen zu.

Energiekosten Der Anteil von Gas aus dem arabischen Raum an den gesamten österreichischen Erdgasimporten ist im Vergleich zu anderen Quellen (wie Russland oder Norwegen) eher gering, bei Öl sind es rund 15 Prozent des Bedarfs. Beides ist nicht allzu viel. „Durch die Lage in der Straße von Hormus ist Österreich derzeit nicht unmittelbar von Versorgungsengpässen bedroht“, sagte Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) in der Vorwoche. Allerdings wirke sich die Blockade indirekt über steigende Energiepreise aus. Und das nicht nur auf die Sprit-, sondern auch auf die Strompreise.

Hier kommt die seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs bekannte Merit-Order zum Tragen. Demnach bestimmt das teuerste Kraftwerk den Strompreis, zumeist ein Gaskraftwerk. Dass Österreich

90 Prozent seines Jahresverbrauchs aus Erneuerbaren erzeugt, dafür aber den Gaskraftwerk-Strompreis bezahlt, will die Regierung nicht mehr akzeptieren. Notfalls will sie eine nationale Lösung finden. Um die Unternehmen zu entlasten, wurden heuer die Elektrizitätsabgabe, der Ökostrombeitrag und die Netzkosten reduziert. Dazu soll noch ein Industriestrombonus kommen.

Lieferketten Die Blockade der Straße von Hormus wirkt sich nicht direkt auf Österreich aus, allerdings die gestörten Lieferketten am Ende des Tages dann schon. Kurze Blockaden von bis zu zwei Wochen hätten laut einer Studie des Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) nur begrenzte wirtschaftliche Folgen. Dauert die Blockade jedoch länger als vier Wochen, würden sich Verzögerungen entlang der globalen Lieferketten aufschaukeln. Bei einer Unterbrechung von 56 Tagen komme es zu Staus in Häfen und verschobene Fahrpläne würden sich entsprechend negativ auswirken. 

Kurzfristig rechnen die Studienautoren mit Preissteigerungen und Marktvolatilität – aber nicht mit Lieferausfällen und Versorgungsengpässen. Kurzfristige Engpässe könnten über strategische Reserven, Lagerbestände und alternative Lieferanten abgefedert werden. Langfristige Blockaden hingegen könnten zu anhaltend hohen Energiepreisen, steigenden Produktionskosten und sinkender Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Industrien führen.

Sicherheitspolitik Der Ausbruch des Krieges hat die Debatte über die Sicherheitspolitik Österreichs weiter angefacht. Dem Bundesheer standen vor vier Wochen keine Hercules-Transportmaschinen zur Evakuierung von Österreichern aus den Krisenregionen im Nahen Osten zur Verfügung. Schon im Oktober 2023, nach dem Angriff der Hamas auf Israel, scheiterte eine Evakuierung daran, dass eine Hercules aufgrund eines technischen Defekts nicht starten konnte. Vier Nachfolger-Maschinen wurden bestellt, die erste Maschine soll 2028 kommen. 2030 soll die Anschaffung abgeschlossen sein.

Während diese Anschaffung durchgewunken wurde, ist angesichts des klammen Staatshaushaltes ein Streit um einen Nachfolger des ebenfalls in die Jahre gekommenen Eurofighters ausgebrochen. Finanzminister Markus Marterbauer erteilte den Wünschen des Verteidigungsministeriums nach mehreren Milliarden für die Nachfolge eine klare Absage. Er sehe „keinen Spielraum“ für zusätzliche Milliardenbeträge über das Vereinbarte hinaus, sagte er zuletzt. Damit zog er den Ärger des Koalitionspartners ÖVP auf sich, aber auch jenen der Freiheitlichen. 

Der Kommandant der Luftstreitkräfte, Gerfried Promberger, warnt vor einer drohenden Sicherheitslücke bei der Luftverteidigung. Die Anzahl von 36 neuen Überschall-Kampfflugzeugen, auf die sich ein interner Bericht zur Evaluierung der „Luftverteidigung 2032+“ festgelegt hat, bedeute keineswegs „Prestige oder Luxus“. Unabhängig davon dreht sich seit Wochen eine Debatte um die Verlängerung der Wehrpflicht (siehe Seite 25).

Cyber Security Dieser Bereich gewinnt immer größere Bedeutung, vor allem durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) aufseiten der Angreifer. Attacken werden automatisiert und beschleunigt. Darauf machten die globalen Sicherheitschefs von Siemens und Red Bull, Natalia Oropeza und Jimmy Heschl, aufmerksam. Um sich abzusichern, setzen die Konzerne in der Abwehr ebenfalls auf KI sowie auf globale und lokale Unternehmensnetzwerke. Eine zentrale Herausforderung bleibt der Personalmarkt: Weltweit fehlen der Branche laut Schätzungen rund vier Millionen Fachkräfte.

Arbeitsmarkt AMS-Chef Johannes Kopf warnt vor massiven Folgen für den heimischen Arbeitsmarkt, sollte die Politik dem demografischen Wandel und anderen Gesellschaftstrends nicht rasch mit weiteren Maßnahmen begegnen. Derzeit geht das Arbeitsmarktservice davon aus, dass im Jahr 2050 rund 120.000 Erwerbspersonen fehlen werden. Kopf fordert u. a. weitere Maßnahmen im Bereich der Beschäftigung Älterer. Arbeits- und Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) will das angekündigte Anreizsystem für mehr Beschäftigung von Arbeitnehmenden über 60 bis Anfang 2027 erarbeiten.

Banken Gute Nachricht aus dem Finanzsektor: Der Krieg in der Golfregion bringt die Banken in der EU nach Einschätzung ihrer Aufsicht nicht in die Bredouille. Die Branche verfüge Stand Ende 2025 über eine starke Kapitalausstattung, reichlich Liquidität und eine solide Qualität ihrer Vermögenswerte, schrieb die Europäische Bankenaufsicht (EBA) in ihrem jüngsten Risikobericht von Anfang der Woche. Die Engagements im Nahen Osten umfassten weniger als ein halbes Prozent ihrer Vermögenswerte, analysierte die Behörde.

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