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Vor Abstimmung
03/06/2016

Österreich stimmt zugunsten von Pestizid Glyphosat

EU dürfte weitere Verwendung des umstrittenen Unkrautvernichters beschließen.

Österreich wird Anfang kommender Woche im EU-Fachausschuss für die geplante Verlängerung der Zulassung des Pestizids Glyphosat stimmen. Das geht aus einer Stellungnahme der Agentur für Ernährungssicherheit (AGES) hervor, die der Umweltschutzorganisation Global 2000 zugespielt worden ist. Anwendungsverbote sind in der österreichischen Position im öffentlichen und im privaten Sektor vorgesehen.

"Diese Stellungnahme stellt in ihrer Gesamtheit eine kolossale Themenverfehlung dar, selbst wenn bei isolierter Betrachtung positive Ansätze erkennbar sind", kommentierte Global-2000-Chemiker Helmut Burtscher am Sonntag das geleakte und inzwischen von der NGO veröffentlichte Papier zum Vorschlag der EU-Kommission. Diese peilt eine Verlängerung der Zulassung des umstrittenen Pestizids um 15 Jahre an.

Krebserregend oder nicht?

Ebenfalls vorgeschlagen wurde in dem Mitte Februar verfassten AGES-Schreiben ein Verbot des "Totspritzens" von Getreide, die sogenannte Sikkation, welches in Österreich aber ohnehin bereits gelte. Argumentiert werden die vorgeschlagenen Einschränkungen mit den ökologischen Risiken von Glyphosat, betonte Burtscher. Die "Position blendet die menschliche Gesundheit, insbesondere die ernsten Bedenken der WHO zum Krebsrisiko, einfach aus."

Die internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der WHO hatte im Frühjahr 2015 festgestellt, dass Glyphosat "wahrscheinlich für den Menschen krebserregend" ist. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stufte eine krebserregende Gefahr des häufig eingesetzten und umstrittenen Pestizids wiederum als "unwahrscheinlich" ein - das erfolgte aufgrund einer Analyse des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR).

"Damit verletzt die EFSA ihre Sorgfaltspflichten, was sie zu einem Fall für die Europäische Betrugsbekämpfungsbehörde OLAF macht", kritisierte der Landwirtschaftssprecher der Grünen Wolfgang Pirklhuber.

Glyphosat in Bier - und im Urin

Global 2000 appellierte indes an Landwirtschafts- und Umweltminister Andrä Rupprechter (ÖVP) und Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser (SPÖ), die AGES anzuweisen, am Montag in Brüssel eine Verschiebung der Abstimmung einzufordern, und anderenfalls mit Nein zu stimmen. Laut der NGO würde die Front der Glyphosat-Befürworter bröckeln: Frankreich, Schweden und Holland kündigten demnach an, im Falle einer Abstimmung gegen die Wiederzulassung zu stimmen.

Der Fund von Glyphosat in Bier hat die Debatte um das Pflanzengift zuletzt weiter befeuert. Außerdem wies eine Studie Rückstände im Urin der Deutschen nach.

Seit Jahren streiten Experten verbissen darum, wie gefährlich das weltweit am meisten genutzte Unkrauvernichtungsmittel Glyphosat ist. Es kam 1974 auf den Markt und wird inzwischen zum Schutz etlicher Pflanzen eingesetzt, unter anderem im Weinbau, bei Kartoffeln und vielen weiteren Feldfrüchten, im Obstbau und bei Getreide. Glyphosat steckt in Hunderten Pflanzenschutzmitteln und wird unter verschiedenen Handelsnamen vertrieben.

DIE WIRKUNG: Glyphosat hemmt in Pflanzen ein wichtiges Enzym, das beim Menschen nicht vorkommt. Es wird meist vor dem Auspflanzen eingesetzt, um die Nutzpflanzen nicht zu gefährden. Außerhalb Deutschlands gibt es gentechnisch veränderte Nutzpflanzen wie Mais, die gegen Glyphosat resistent sind.

DIE WARNUNG: Die Internationale Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO (IARC) stufte Glyphosat Ende Juli 2015 als wahrscheinlich krebserregend ein. Sie bezieht sich dabei vor allem auf Ergebnisse von Tierversuchen. Glyphosat wurde laut IARC auch in Böden, Gewässern und Grundwasser gefunden.

DIE ENTWARNUNG: Die EU-Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) kam im November 2015 zu dem Schluss, es sei „unwahrscheinlich, dass von Glyphosat eine Krebsgefahr ausgeht“. Sie habe dabei auch die IARC-Daten berücksichtigt. Einer ihrer Experten habe dieser Aussage aber nicht zugestimmt.

Die Efsa empfiehlt dennoch, die tägliche Aufnahme von Glyphosat beim Menschen auf 0,5 Milligramm (Tausendstel Gramm) pro Kilogramm Körpergewicht zu begrenzen. Im Bier wurden nun Glyphosat-Mengen von bis zu 30 Mikrogramm (Millionstel Gramm) pro Liter gefunden.

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