Wirtschaft | Karriere
30.07.2018

Wo der Feierabend gerne warten kann

Pools, Grünflächen, Laufstrecken: In vielen Büros weltweit wird die Work-Life-Balance gleich am Arbeitsplatz umgesetzt.

Auf dem Weg ins Büro lesen Sie Ihre eMails und führen ein paar berufliche Telefonate. Um 7.40 Uhr setzen Sie sich an Ihren Platz, den Sie im Laufe der Jahre liebevoll eingerichtet haben. Sie fahren den Stand-PC hoch. Nach einem kurzen Plausch mit dem Kollegen fangen Sie mit Ihren To-dos an, die den restlichen Arbeitstag füllen. Usus – nicht nur für Sie. Dem „Office Report“ einer Karriere-Plattform zufolge sieht so der normale Arbeitstag in Österreich aus. Nicht mehr lange. Diese Normalität wird im Zuge der Digitalisierung in einigen Jahren überholt sein. „Die heutige Generation funktioniert anders als die der Nachkriegszeit oder die der Babyboomer. Ein heute 25-Jähriger stellt hohe Ansprüche an den Arbeitsplatz, möchte Mitsprache haben und an der Gestaltung des Arbeitsplatzes im Unternehmen teilhaben“, sagt Arthur Zoglauer, Unternehmensberater im Bereich Organisationsentwicklung bei „Bewusst Anders Beraten“ (BAB). Arbeitsplätze sollen möglichst auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter abgestimmt und dennoch flexibel sein. Eine schöne Idee. Doch ist sie auch umsetzbar?

Mehrere Studien zur Zukunft von Arbeit und Büros haben sich mit unterschiedlichen Veränderungen auseinandergesetzt. Laut der diesjährigen „EMEA Occupier Survey“ des Immobiliendienstleisters CBRE werden vor allem die Bereiche Technologie, flexible Büronutzung und Wellness innerhalb der nächsten drei Jahre ausgebaut. Der bisher gelebte Leistungscharakter wird aufgelockert, das Büro verwandelt sich in eine Art zweites Wohnzimmer. „Beschäftigte sollen sich wohlfühlen und in ihrer Kreativität gefördert werden. Schließlich hat das Arbeitsumfeld einen hohen Einfluss auf die Zufriedenheit und Leistungsfähigkeit von Mitarbeitern“, so Zoglauer.

Apps und Sensoren

Fast zwei Drittel aller Unternehmen planen, Investitionen in Technologien zu erhöhen. Im Fokus stehen Navigations-Apps und Sensoren: Mitarbeiter sehen zum Beispiel, in welchen Büroräumen sich Kollegen befinden oder welche für Meetings frei sind. Auch Raum- und Sitzplatzreservierungssysteme werden vermehrt genutzt. Tragbare Computersysteme sollen zudem Kommunikation und Planung erleichtern, Virtual-Reality-Projekte die Arbeit „erlebbar“ machen. Doch auch Akustik- und Lichtstimmung werden wichtiger. Im White-Mountain-Bunker in Stockholm wird beispielsweise Tageslicht simuliert, um eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen.

Da heute Routinearbeiten in der Produktion und Administration peu à peu von Robotern übernommen werden, ist es wichtig, auf das Wohlbefinden des in anderen Bereichen arbeitenden Menschen einzugehen. Laut Optimisten hätten wir durch diese Verschiebung die Freiheit, das zu tun, was wir wirklich wollten, wie im aktuellen „The Future of Work“-Report der Firma Bene beschrieben ist. Die Autoren des Buches „Officina Humana“ meinen zudem, dass in Büros vor allem die Entfaltung unseres geistigen und emotionalen Potenzials möglich sein muss.

Flexibler Arbeitsplatz

Von der Technologie abgesehen werden flexible Büroflächen und Co-Working-Spaces beliebter. Ein eigener Arbeitsplatz ist heute schon in so manchem Weltkonzern passé – die freie Platzwahl gewinnt aber auch in kleineren Unternehmen zunehmend Überhand. Besonders eindrucksvoll umgesetzt haben das Saatchi & Saatchi in New York. Laut CBRE wird sich dieser Trend in den nächsten Jahren um 50 Prozent verstärken. Mitarbeiter sollen sich durch die freie Platzwahl verstärkt mit anderen austauschen. Eigentlich waren dafür Großraumbüros gedacht. Eine aktuelle Harvard-Studie hat aber ergeben, dass sich Gespräche unter Kollegen durch großflächige Büros um 70 Prozent reduzieren.

Eine Verbesserung der Großraumbüro-Lage könnten künftig Entspannungszonen bringen. Die gibt es bereits in unterschiedlichen Ausprägungen. Kreisel Electric stellt seinen Mitarbeitern beispielsweise einen Pool zur Verfügung, doch auch kleine Lounges oder Hängesessel unterstützen das Auftanken von Ressourcen. Begrünte Boden- und Wandflächen runden das Wohlfühlkonzept ab. Ein Vorzeigeprojekt dafür ist das Amazon-Glashaus, das über 400 verschiedene Pflanzenarten zählt. Und was kurbelt die Produktivität noch an? Genau: Spiel-, Spaß- und Sportgelegenheiten wie Rutschen, Bands oder Indoor-Rennstrecken, wie sie im DTAC in Bangkok realisiert wurden. Da kann der Feierabend gerne etwas länger warten.

5 slides, created on 30/Jul/2018 - 13:28:40

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Freie Platzwahl

Saatchi & Saatchi in New York von MMoser Associates – ebenfalls auf dem Titelbild

Sport und Spaß

DTAC in Bangkok, gebaut von Hassell, verbindet Leistung mit Sport und  Unterhaltung

Grün

Das Glashaus von Amazon in Seattle von NBBJ zählt über 40.000 Pflanzen

Wellness

Kreisel Electric in Rainbach mit Pool von Schaufle: 2. Platz als „Office of the Year“

Technologie

Die IT-Firma Bahnhof hat „White Mountain“ – ein High Security Data-Center  – mitten in einen alten  Nuklear-Bunker gebaut. Architekt:  Af-LA

„Mal sitzen, mal stehen, mal gehen“

Interview. Bene-Chef Michael Fried über das Zukunftsbüro, das jedem gerecht werden soll

KURIER: Die Arbeitswelt ist im Wandel, wie verändert das unsere Büros?
Michael Fried: Die Routinearbeiten werden immer weniger von der menschlichen Arbeitskraft erledigt und durch  Algorithmen und künstliche Intelligenz ersetzt. Menschen werden sich also zunehmend auf die Wissensarbeit fokussieren. Für Unternehmen heißt  das, dass sie  mehr Zeit- und Raumreserven zur Verfügung stellen müssen.

Bleibt das Konzept des  Großraumbüros erhalten?
Das Büro wird zu einem Ort der Kommunikation,  der Kreativität fördert und neue Arbeitsräume benötigt. Das erreicht man nicht mit einem  Einheitskonzept,  sondern mit Vielfalt. Es geht nicht um Großraum oder nicht,  es geht um ein sowohl als auch. Gefragt sind unterschiedliche Arbeitsplätze, freie Platzwahl und verschiedene Atmosphären.

Apropos Atmosphäre: Was brauchen Mitarbeiter, um produktiv und gesund zu bleiben?
Das perfekte Zusammenspiel von Oberflächen, Farben, Licht und Akustik. Natürliche Materialien und Lichtstimmungen, die sich dem Tagesablauf anpassen, schaffen ein Wohlbehagen bei der Arbeit. Wichtig sind Tische für wechselndes Arbeiten im Sitzen und Stehen. Je häufiger der Wechsel der Arbeitshaltung und des Ortes, desto gesünder die Mitarbeiter. Das gilt auch für die informelle Zentren, in denen sich Mitarbeiter besprechen, arbeiten oder Pausen machen – und dort mal sitzen, mal stehen, mal gehen.

Viele Büros setzen mit TV-Ecken oder Schaukeln auf den Spaßfaktor. Brauchen wir das wirklich?    
Hochqualifizierte Mitarbeiter achten häufig mehr auf die Lebensqualität als auf maximalen finanziellen Output.

Wie sieht das perfekte Büro der Zukunft aus?
Es ist  ein kuratierter Ort, an dem das Geschehen einem Fünfsternehotel mit Lobby, Restaurant und Suiten gleicht.

Das hört sich teuer an. Können da Unternehmen überhaupt mithalten?
 Sie müssen vorausschauend agieren, um auf die zukünftigen Veränderungen zu reagieren. Zu jedem Trend gibt es aber immer auch einen Gegentrend. Wir sehen dies etwa bei der Digitalisierung mit dem Gegentrend des Do-it-yourself und dem Wunsch nach Sweet Home.