Wiener Lingerie-Hersteller: „Nachhaltige Textilien sind ein Mythos“
Die Nähmaschinen rattern laut. Auf den Tischen liegen Spitze und Stoffteile, an den Wänden hängen bunte Garnrollen und die ersten fertigen Unterwäschesets sind bereits in einem Wandregal verstaut. Trotz Lärm wirkt die 400 m² große Textilwerkstatt im zweiten Wiener Bezirk alles andere als hektisch. Die zehn Mitarbeitenden sind konzentriert bei der Arbeit. Mit flinken Handgriffen nähen sie grüne Spitzen-Lingerie und hellbraune Bikiniteile zusammen. Auf ihrem Etikett steht „Soda“.
Der Name habe keine besondere Bedeutung, sagen die Gründer Susanna Gangl und Severin Wiesbauer, als der KURIER sie in der Werkstatt besucht. „Es ist wie bei Apple. Der Name hat nichts mit dem Produkt zu tun, aber jeder weiß, dass es nicht um eine Frucht geht“, sagt sie. „Und der Begriff Soda ist positiv behaftet“, ergänzt ihr Partner. Seit rund vier Jahren gibt es die Marke, im Vorjahr sind sie vom 10. Bezirk in die Weintraubengasse 22 gezogen.
„Wir sind in die Idee hineingestolpert“, erzählt Gangl. „Eine Bekannte von uns ist Zirkusartistin. Sie hat sich ihre Kostüme immer selbst geschneidert.“ Das war Gangls erster Berührungspunkt zur Wäsche. Sie ist ausgebildete Schneiderin und Wiesbauer studierte Wirtschaft – zusammen gründeten sie Soda.
Eine schwierige Branche
Neben Ausbeutungsthemen ist die Textilbranche für ihre verschwenderischen Tendenzen bekannt. Je nach Quelle werden pro Jahr bis zu 150 Milliarden Textilteile produziert. 20 bis 40 Prozent davon werden nie verkauft, und die Kleidung wird im Schnitt nur sieben Mal getragen. „Wir haben gesehen, wie grausig die Textilbranche eigentlich ist. Und dass das Bewusstsein dafür verloren gegangen ist. Man klickt auf ein Produkt im Internet und zwei Tage später kommt ein Packerl aus China für drei Euro“, sagt Wiesbauer. Mit Werkstattführungen will das Duo mehr Transparenz schaffen: „Wir wollen den Leuten die Möglichkeit geben, uns über die Schulter zu schauen und zu sehen, wie so eine Produktion funktioniert.“
Die Langlebigkeit ihrer Produkte liegt ihnen besonders am Herzen. „Nachhaltige Textilien sind ein Mythos. So etwas gibt es nicht, aber wir versuchen, Stücke zu fertigen, die länger halten, die man reparieren kann und idealerweise verrotten, wenn sie ausgedient haben“, erklärt Wiesbauer. Um das zu gewährleisten, arbeiten sie verstärkt mit Naturfasern und auch Holzfasern von Tencel. Im Gegensatz zu Großindustrien werden zudem zeitintensivere Extraschritte und höhere Materialkosten in Kauf genommen, wenn Qualität und Haltbarkeit dadurch verbessert werden. Hundert Arbeitsschritte zählen sie bei der Produktion ihres klassischen Büstenhalters.
Qualität hat einen Preis
Auch beim Material hat Soda strenge Qualitätsansprüche. Gekauft wird nur lokal oder in Nachbarländern. Spitze kaufen sie in Deutschland, Material für Bademode in Italien. Ist ein Stoff innerhalb Europas nicht verfügbar, verzichten sie ganz darauf. Das größte Problem, mit dem sie zu kämpfen haben, sind die Mindestmengen. Als Kleinunternehmen brauche man nicht so viel Stoff wie ein Großkonzern: „Je länger die Maschine für uns arbeitet, desto günstiger wird es. Unseren Jahresvorrat von gewissen Stoffen produzieren Stoffhersteller aber an einem Tag“, sagt der Co-Gründer.
Über das Jahr produziert Soda täglich 50 bis 100 Stücke. Kaufen kann man die Unterwäsche in ihrem Geschäft auf der Neubaugasse, 1070 Wien, und im Online-Shop. Eine klassische schwarze Hipster-Panty gibt es um 30 Euro, eine Loungewear-Hose um 85 Euro. Will man einen BH in der Farbe „thyme“, muss man tiefer in die Tasche greifen: 105 Euro kostet das Stück. „Die Arbeit ist hier der Hauptkostentreiber“, so Wiesbauer. Kunden würden bei den Preisen eher zögern, aber: „Die Preisakzeptanz steigt, wenn sie schon einmal bei uns eingekauft haben.“ Ihr Ziel ist es, „ein heimischer Hersteller mit guter Qualität zu sein, bei dem man gerne einkauft.“
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