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Interview
11/13/2021

Die Erfindung der Hausfrau - warum diese Rollenzuschreibung genial ist

Vor 200 Jahren entstand ein Rollenbild, das sich bis heute hält: Frau erledigt aus Liebe Kinderbetreuung und Haushalt, neben der Erwerbsarbeit. Autorin Evke Rulffes über „Die Erfindung der Hausfrau“, wirkmächtige Stereotype und Wege aus der Misere.

von Andrea Hlinka

Wurde eine Zunft lukrativ, wurden Frauen von ihr ausgeschlossen. Wurde Arbeit knapp, mussten Frauen den Haushalt übernehmen. Geld bekamen sie dafür nicht, obwohl sie nun Arbeiten übernahmen, die zuvor ausgelagert und bezahlt wurden. Die Geschichte der Frau ist eine der strukturellen Benachteiligung. Gerechtfertigt wurde sie über die Jahrhunderte mit einer mächtigen Erzählung: Der Liebe zu Mann und Kindern. Noch heute schwebt sie in den Köpfen und macht Müttern regelmäßig ein schlechtes Gewissen. Und so hetzen sie von Termin zu Termin, backen drei Kuchen für den Kindergeburtstag, räumen auf, bevor der Mann nach Hause kommt. Dass diese Rolle aus Kalkül geschaffen wurde und es nicht immer so war, weiß Evke Rulffes.

KURIER: Ihr neues Buch „Die Erfindung der Hausfrau“ schlägt Wellen. Sie erläutern darin das Konzept „Hausfrau“, das sich im 19. Jahrhundert entwickelte. Wieso schlägt das Thema so ein?

Evke Rulffes: Ich bin selbst ein wenig überrascht. Meine Erklärung ist, dass während der Corona-Krise vor allem Frauen wieder den Haushalt und die Kinderbetreuung übernommen haben. Das zeigen Studien. Diese Strukturen, die im 19. Jahrhundert angelegt und im 20. Jahrhundert sehr verstärkt wurden, sind in unseren Köpfen eingebrannt. Wir versuchen zwar immer mehr, gleichberechtigt zu leben. Aber bei vielen Paaren greifen in dem Moment, wo Kinder ins Spiel kommen, doch wieder alte Rollenmodelle. Denn es explodiert der Haushalt und natürlich übernimmt dann diejenige, die zuhause bleibt, weil sie etwa stillt, alles. Dann schleichen sich Strukturen ein, die schwer wieder rückgängig zu machen sind.

Diese Strukturen, die Frauen das Gefühl geben, alles machen zu müssen: Wieso haben sie sich im 19. Jahrhundert entwickelt?

Mit Anwachsen der bürgerlichen Mittelschicht sank das Einkommensniveau. War im 18. Jahrhundert im gehobenen Bürgertum die Hausmutter die Chefin, die viel Personal unter sich hatte, konnten sich das im 19. Jahrhundert viele nicht mehr leisten. Aus ökonomischen Gründen musste die Ehefrau Dienstleistungen übernehmen, die zuvor bezahlt wurden, wie Putzen oder die Kinderbetreuung. Ein Argument dafür wurde in der Liebe gesucht. In dem Moment, wo mit Aufklärung und Romantik die Liebesheirat ins Spiel kam und sich vor die ökonomischen Heiratsgründe schob, wurde von der bürgerlichen Ehefrau verlangt, den Haushalt ohne Gegenleistung zu machen.

Sie zitieren im Buch einen Ökonomen, der in den 1970ern gesagt hat: „Die Verwandlung der Frauen in eine heimliche Dienerklasse war eine ökonomische Leistung ersten Ranges“. Wieso lassen Frauen das immer noch mit sich machen?

Die ökonomischen und herrschaftlichen Strukturen sind schwer zu ändern, wenn an den entscheidenden Stellen nur Männer sitzen. So war es schon im Mittelalter, als Frauen von Zünften ausgeschlossen wurden. Oder während der Französischen Revolution, wo die Rechte, die das Bürgertum erkämpft hat, Frauen vorenthalten wurden.

Es gab aber doch immer Gegenstimmen. Wie konnten diese so schnell abgetötet werden?

Abtöten trifft es ganz gut. Olympe de Gouges ist ja tatsächlich auf dem Schafott gelandet, weil sie die neue Herrschaft als Tyrannei bezeichnet hat. Die Männer haben damals gemerkt, dass sie die neuen Rechte nicht gleich wieder teilen wollen, mit Menschen, die sie als minderwertig betrachten. Das galt also nicht nur für Frauen, sondern auch für Bedienstete oder Besitzlose oder kolonialisierte Menschen. Es wurde eine ganze Rechtfertigungsmaschine in Gang gesetzt und mit hanebüchenen Argumenten erklärt, warum Hausfrausein das einzige Modell für Frauen sein soll. Mit der ersten Wirtschaftskrise 1929 wurde erkannt, wenn die Ehefrauen ohne Bezahlung den Haushalt übernehmen, muss den Arbeitern nicht mehr gezahlt werden. Weil sie ja kein Geld für den Haushalt ausgeben mussten.

Im 20. Jahrhundert mussten Frauen die Hausarbeit vertuschen. Der Mann sollte nach Hause kommen, es möglichst aufgeräumt vorfinden und ein warmes Essen auf dem Tisch haben.

Das ist überhaupt perfide, dieser Vorwurf, sie stört ihren Mann mit der Hausarbeit, wenn er nachhause kommt. Hier sieht man die totale Entfremdung des Paares. Der Mann wurde über seinen Beruf definiert und die Frau hatte vordergründig keinen, de facto aber einfach nie frei.

Wieso hielten und halten Männer Frauen schon so lange klein?

Aus Angst. Angst vor der Konkurrenz.

Viele Frauen sind heute überfordert mit der Belastung durch Job, Familie, Haushaltsarbeit. Hinzukommen Influencerinnen die vermitteln, dass all das doch ganz mühelos zu schaffen ist.

Der Anspruch ist nicht zu erfüllen. Heute können Mütter sowieso nichts richtig machen. Von Vätern wird inzwischen auch mehr eingefordert, sich um die Familie zu kümmern. Gleichzeitig wird ihnen aber Teilzeitarbeit schwer gemacht. Es sollten sich die Strukturen ändern. Ein Zitat von Mareice Kaiser: „Arbeitsstrukturen orientieren sich an kinderlosen Männern“. Sie sollten sich aber an Alleinerziehenden orientieren, dann wäre gesamtgesellschaftlich sehr viel gewonnen.

Wie kommen wir konkret raus aus der Schleife?

Da bin ich keine Expertin, ich arbeite historisch. Aber ich denke, der erste Schritt wäre, Care-Arbeit als wichtige Arbeit und überhaupt als Arbeit anzuerkennen. Die Erzählung „Ich mache das aus Liebe“ ist immer noch vorherrschend. Wenn man glaubt, man macht das aus Liebe, ist es schwierig, sich zu wehren. Gegen wen kämpft man dann? Es ist aber eben nicht nur eine private Entscheidung, sondern liegt in den Arbeitsstrukturen. Man darf es also nicht nur dem Partner vorwerfen, sondern muss auch sehen: Wir sind hier in Strukturen, die machen es uns nicht leicht. Wir müssen gemeinsam und ohne Opfer-Wettstreit schauen, wie man die Arbeit organisieren kann. Ich finde die Aussage der Wiener Scheidungsanwältin Helene Klaar gut. Als sie gefragt wurde, wieso ihre Ehe noch funktioniere, obwohl die meisten Ehen nach dem zweiten Kind in die Brüche gehen, meinte sie: „Weil wir der Meinung sind, dass an allem wirklich Schlechten der Kapitalismus schuld ist und wir lassen uns nicht gegeneinander hetzen.“ Interessant finde ich auch die Erfahrungen aus Island, wo die Vier-Tage-Woche für dasselbe Geld eingeführt wurde und so mehr Zeit für die Familie und die Hausarbeit zur Verfügung steht. Man kann die Haushaltsarbeit natürlich auch auslagern, aber dann muss man vernünftig bezahlen.

Wenn Frauen sich dem Beruf widmen, werden sie gleich als Karrierefrau abgetan ...

Diese Begriffe Karrierefrau und Familienvater sind absurd. Man muss das mal umdrehen: Karrieremann und Familienmutter. Das ist heilend.

Die deutsche Sprache ist eine patriarchalische Sprache. Muss sie nicht sein, wenn man gendert. Wieso wehren sich so viele dagegen?

Hm. Ich erzähle am besten von mir: Als ich es die ersten Male gehört habe, dass Menschen vor dem „I“ eine kurze Pause machen, fand ich das sehr befremdlich und schräg. Zwei Wochen später fand ich es fast normal. Jetzt finde ich es super. Am Anfang ist es immer schwierig, wenn etwas neu ist. Mittlerweile ist es für mich so, wenn die weibliche Form nicht mitgesprochen wird, sind für mich nur Männer gemeint. Sprache schafft Bewusstsein.

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