Wirtschaft | Karriere
24.07.2018

Verschärfter Engpass für Eltern

Das Geld für Kinderbetreuung wird gekürzt, der 12-Stunden-Tag eingeführt. Ökonomin Monika Köppl-Turyna über die Auswirkungen.

KURIER: Das Geld für den Ausbau für Kinderbetreuungseinrichtungen wird um 30 Millionen Euro gekürzt. Gleichzeitig kommt der 12-Stunden-Tag für Eltern. Von 9297 Kinderbetreuungsstätten haben nur 965 – fast alle in Wien – länger als zwölf Stunden geöffnet. Wie ist das vereinbar?

Monika Köppl-Turyna: Bei der Kürzung geht es um das Geld für den Ausbau, bereits bestehende Einrichtungen betrifft das nicht. Insgesamt werden 2,5 Milliarden Euro in Österreich für Kindertagesheime ausgegeben. Eine Arbeitszeitflexibilisierung sehe ich als guten Schritt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als Problem. Eine Mehrarbeit von zehn Stunden geht sich jetzt schon nicht aus – viele Kindergärten schließen früher.

Welche Bundesländer betrifft das am meisten?

Tendenziell ist die Lage im Westen ungünstiger. In sehr kleinen Gemeinden gibt es wenig Nachfrage an Kindergärten. Auch unterscheiden sich die Präferenzen in den Ländern. Im Westen werden traditionelle Familienmodelle bevorzugt: Die Frau arbeitet nicht, sondern kümmert sich um die Familie. Manche Frauen wollen nicht erwerbstätig sein – diese Entscheidung muss man ebenfalls berücksichtigen. Bei jenen, die aufgrund nicht vorhandener Betreuungsangebote nicht arbeiten können, sehen wir Handlungsbedarf.

Gibt es Lösungsansätze für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Karriere?

In Wien werden private Betreuungseinrichtungen vom Staat finanziert. Agenda Austria hat zudem den Betreuungsscheck ausgearbeitet und vorgeschlagen. In Frankreich existiert er bereits. Für jedes Kind gibt es eine gewisse Summe vom Staat, die bei einer Tagesmutter oder im privaten Kindergarten, der länger und sogar nachts offen hat, eingelöst wird.

Kindergärten begünstigen also die Vereinbarkeit. Wie dienen sie langfristig den Kindern?

Wichtig ist die Zukunftsorientiertheit. Nobelpreisträger James Heckmann hat schon gesagt, dass Investitionen im Kindesalter mehr bringen als spätere. Es ist daher vernünftiger, einen Euro in den Kindergarten zu stecken als später in die AHS. Viele Kinder kommen außerdem aus Familien mit einer Fremdsprache. Wer die deutsche Sprache aber nicht gut beherrscht, hat später Probleme. Wichtig ist, schon vor Schuleintritt Deutsch zu lernen. Deshalb sollte in den Kindergarten investiert werden. Dieser ermöglicht Frauen schließlich, Vollzeit zu arbeiten, ein sicheres Einkommen und eine höhere Pension – oder überhaupt eine Pension – zu bekommen.

In manchen Gemeinden werden Frauen Prämien gezahlt, wenn sie zu Hause bei den Kindern bleiben. Wie bewerten Sie das?

Die Prämien betreffen eher Gemeinden ohne Kindergarteninfrastruktur. Man muss aber an die Konsequenzen denken, wenn Frauen lange zu Hause bleiben: Wesentlich für den heimischen Gender Pay Gap sind Karenzpausen, die im internationalen Vergleich hierzulande extrem lang sind. Ein paar Jahre zu Hause bedeuten weniger Lohnsteigerungen. Für die Karriere von Frauen ist es besser, eine kürzere Karenz zu machen. Hinsichtlich der Pensionen bekommen Frauen um die Hälfte weniger Geld als Männer, knapp über 1000 Euro – etwas höher als die Mindestpension. Jede zweite Frau erhält nur die Mindestpension.

Die Teilzeitquote bei Frauen liegt bei 50 Prozent. Wird sie künftig steigen?

Die Frage ist, warum Teilzeitarbeit überhaupt so attraktiv ist. Unsere Kollegen vom IHS haben in einer Studie berechnet, dass es sich kaum lohnt, Vollzeit zu arbeiten, wenn ein Partner berufstätig ist. Das verfügbare Personeneinkommen ist mit 22 Stunden Arbeit höher als mit 30, weil dadurch die Kinderbetreuungskosten steigen. Man müsste daher Steuersysteme attraktiver machen.

Die Ökonomin

Monika Köppl-Turyna (33) hat International Economics an der Universität Warschau studiert und ihren  PhD in Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien erlangt. Seit  2015 ist sie als Senior Economist bei Agenda Austria tätig und vor allem im Fachbereich Föderalismus aktiv.