30 Jahre Techno Cafe: "Es gab kein Afterwork, als wir begonnen haben"

Das Techno Cafe ist ein Fixpunkt in Wiens Eventszene – nicht zuletzt wegen seiner Erfinderin. Sandra Kendl über den Afterwork-Boom und trinkfreudige Gäste.
Sandra Kendl, Techno Cafe, 1010 Wien

Was Tixo mit seinem Klebeband gelungen ist, hat Sandra Kendl mit ihrer Erfindung beim Volksgarten Pavillon geschafft: Er wird gemeinhin als „Techno Cafe“ bezeichnet. Tatsächlich ist das aber „nur“ das Afterwork-Event, das Kendl dort in den warmen Monaten jeden Dienstag veranstaltet. Seit 1996 ist es ein Fixpunkt im Kalender von Wiens Tag- und Nachtschwärmern und zieht Schlipsträger wie Studierende gleichermaßen an. Noch befindet sich die Location im Winterschlaf. Der KURIER hat die Veranstalterin anlässlich der 30. Jubiläumssaison getroffen – an der Bar und im ikonischen Gastgarten, wo der Geruch frischer Lackfarbe noch den Frühlingsduft übertüncht.

KURIER: Wie war Afterwork 1996, wie ist es heute?

Sandra Kendl: Als wir damit begonnen haben, gab es die Afterwork-Kultur gar nicht. Es war auch neu, dass die Musik nicht so laut gespielt wurde und man sich unterhalten konnte. Der Boom kam erst ab ca. 2003 von Deutschland zu uns rüber, mit großen Events in Palais. Aber das war viel mehr im Mainstream unter Büroleuten und Angestellten. Heute ist Afterwork umgreifender – es gehen die Jugendlichen, Kreativen, Selbstständigen ...

Dabei heißt es doch, die Jugend geht nicht mehr fort. 

Daypartys und früheres Weggehen haben sich in den vergangenen Jahren extrem etabliert. Ich persönlich begrüße das, weil die Gefahr wegfällt, nach dem Büro nach Hause zu gehen und es dann nicht mehr rauszuschaffen.

Es gibt kaum Tage ohne Afterwork. Das Techno Cafe besetzt in Wien den Dienstag. Steht man mit anderen Veranstaltern in Konkurrenz? 

Wir sind keine Konkurrenten, weil jeder einen anderen Tag hat.

Ist das abgesprochen? 

Das Zusammensprechen ist in der Wiener Veranstalterszene leider nicht da. In der Regel kocht jeder sein Süppchen. Um lange dabei zu sein, muss man sich aber erst ein Stammpublikum erarbeiten. Es braucht eine Bindung zur Marke. Das Techno Cafe ist ein Gefühl. Wir sind sehr nahbar, wir zeigen das Team, ich mache selber das Community Management. Das ist kein Marketing-Gag, das ist meine Liebe und meine Freude.

Sandra Kendl, Techno Cafe, 1010 Wien

Veranstalterin Sandra Kendl ist, wie in den vergangenen 30 Jahren, jeden Dienstag selbst vor Ort.

Braucht es das Persönliche, die Bussi-Bussi-Kultur, um in Österreich langfristig zu funktionieren? 

Es ist schon so, dass viele Gäste wegen mir kommen. Und wenn ich nicht da bin, kriege ich Nachrichten. Aber ich habe vorgesorgt. Es gibt jetzt auch jemand anderen, der in die Fußstapfen des Host tritt. Es ist wichtig, dass ein Unternehmen, eine Marke nicht nur auf eine Person fixiert ist. Aber ja, ich bin ein Zugpferd – ich würde lügen, wenn ich sage, dass ich es nicht genieße.

Angefangen hat das Techno Cafe verhältnismäßig klein, im achten Bezirk, mit 150 Gästen. Im selben Jahr kam es zum Wechsel in die weit größere Location Volksgarten Pavillon. Wie das? 

Wir sind abgeworben worden. Der Pächter vom Pavillon ist bei uns an der Bar gestanden und schon im Mai 1996 fand das Techno Cafe in seiner Locations statt. Wir haben den Laden ehrlicherweise recht schnell gefüllt. Mit heute kann man das nicht mehr vergleichen. Alles war organisch, wir haben Flyer verteilt und Mundpropaganda betrieben. Und in den Zeitungen gab es vereinzelt Eventkalender. Den nächsten großen Boom gab es dann mit dem Einzug von Social Media. Das hat uns nochmal einen Zuwachs von 30 bis 40 Prozent gebracht.

Wie viel müssen Sie heute investieren, damit es läuft, speziell im Bereich Social Media? Man greift ja im Club öfter zum Handy als zur Hand des Gegenübers. 

Ich brauche bis zur Mitte des Sommers, um den Break-even für die ganze Saison zu erreichen. Die großen Dienstage mit dem heißen Wetter sind extrem wichtig. Es gibt auch kleinere Dienstage, wo das Wetter nicht so schön ist. Die Kosten sind aber nicht weniger.

Wie viel Umsatz spielt das Techno Cafe dem Pavillon ein? 

Ich rechne nie pro Abend, nur über die ganze Saison und bekomme Stress, wenn eine Schlechtwetterperiode anhält. Aber der Dienstag sorgt im Volksgarten Pavillon sicher für mehr als die Hälfte bis zwei Drittel des gesamten Umsatzes. Das Techno Cafe hat, auch wenn der Trend woanders hingeht, ein sehr gutes Trinkpublikum. Die Pro-Kopf-Konsumation ist nicht runtergegangen. Aber der Pavillon hat keine Club-, sondern Restaurant- und Kaffeehaus-Preise, die Getränke sind also billiger als in der Disco.

Die Jubiläumssaison:

Anfangs hat Sandra Kendl überlegt, "die 30 Jahre unter den Tisch fallen zu lassen". Dann hat sie sich doch anders entschieden: Am 17. März gibt es eine "kleine" Pre-Party. 400 Gäste sind dabei, darunter Stammgäste und Saisonkartenbesitzer. Die Tickets waren binnen weniger Stunden ausverkauft. Außerdem gibt es zum 30-Jahr-Jubiläum ein neues Branding sowie Merchandise "mit frechen Sachen", verrät die Veranstalterin. Insgesamt wird es über die Techno-Cafe-Saison kleinere Zusatz-Events, ein Abschluss-Event sowie eine Tombola geben. Und eine kleine visuelle Zeitreise durch 30 Jahre Afterwork-Geschichte in Wien.

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