Studieren von Zuhause aus: Was ist ein Fernstudium wert?

Ein Laptop steht auf einem Tisch, daneben liegt ein schwarzer Doktorhut mit Quaste.
Das Fernstudienangebot boomt. Aber wie viel sind diese Abschlüsse wert und wie kommen sie auf dem Arbeitsmarkt an?

Das Fernstudium ist das Homeoffice der Hochschulen. Und es wird ähnlich kritisch betrachtet. Das Versprechen: Maximale Flexibilität. Studieren, wann und wo man will, also auch vom eigenen Wohnzimmer aus. Laut Definition des AMS bietet ein Fernstudium die Möglichkeit, „eine Ausbildung an einer Universität, Fachhochschule oder ähnlichen Bildungseinrichtung abzuschließen, ohne diese regelmäßig physisch besuchen zu müssen.“ Für einige Bachelorstudiengänge bedeutet das auch, dass keine Aufnahmeverfahren notwendig sind, es keine Studienplatzbeschränkung gibt und Prüfungen rund um die Uhr online möglich sind.

Bedeuten kein Aufnahmeverfahren und keine Präsenz weniger Aufwand? Ist ein Abschluss deshalb weniger wert?

Keine Präsenz, kein Wert? Das sagt der Arbeitsmarkt

Die Antwort der Hochschulen: absolut nicht. „Alle unsere Fernstudiengänge sind staatlich anerkannt und vollumfänglich akkreditiert und somit qualitativ absolut mit einem Präsenzstudium zu vergleichen“, schreibt die Europäische Fernhochschule Hamburg (Euro-FH) auf KURIER-Anfrage. „Ein Fernstudium ist zwar flexibler gestaltbar und hat eine geringere Anwesenheitspflicht als ein Präsenzstudium, dafür erfordert es jedoch ein umso höheres Maß an Selbstorganisation, Disziplin und Durchhaltevermögen“, ergänzt die Johannes Kepler Universität Linz (JKU). Seit mehr als 30 Jahren bietet die JKU in Kooperation mit der FernUniversität in Hagen Fernstudien an.

Aber wie fällt die Bewertung außerhalb der Hochschulen aus?

Laut Manuela Lindlbauer vom Lindlpower Personalmanagement werden die Hochschulen unter die Lupe genommen: „Es werden viele Studienrichtungen angeboten, sodass man sich genau anschaut, wo die Bewerber ihren Abschluss gemacht haben.“ Sie persönlich bevorzuge Präsenzstudien – man profitiere nicht nur von Inhalten und Vortragenden, sondern besonders vom sozialen Austausch unter den Studienkollegen. „Das ist nicht unwesentlich“, sagt sie.

Headhunter Michael Ludwig sieht die Herausforderung anderswo: „Mittlerweile gibt es so viele Anbieter, dass man nicht mehr zu hundert Prozent erkennt, ob es sich beim angegebenen Abschluss um ein Fernstudium handelt.“ Grundsätzlich sei aber jede Fort- und Weiterbildung positiv besetzt, so der Partner der Executive Search Firma Odgers. Wichtig sei nur, dass man sie gut argumentieren könne und die Ausbildung zum Lebenslauf passe.

Auf dem Tisch von Martin Mayer, Managing Partner der Personalvermittlung Iventa, landen immer wieder Lebensläufe mit Fernstudienabschlüssen. „Es sind einige Namen dabei, die man gut kennt – Fernstudien, die oft in Deutschland beheimatet sind.“ Entscheidend sei für ihn, ob das Studium mit einem offiziell anerkannten Abschluss beendet wurde: „Ist ein akademisch akkreditierter Abschluss dabei, erachte ich ihn als absolut gleichwertig. Es ist nur eine andere Lehrart.“ Entsprechend liege sein Fokus mehr auf der Frage, warum sich jemand für diesen Weg entschieden habe. Martin Mayers Erfahrung: Fernstudien werden häufig von Personen gewählt, die bereits im Berufsleben stehen und nebenbei ein Studium beginnen wollen.

Der hohe Flexibilitätsbedarf der Studierenden

„Heute ist es schwierig, nur Studentin zu sein, ohne Job, wenn man alleine wohnt und sich etwas aufbauen möchte“, erzählt Anna K. dem KURIER. Sie absolvierte ihr Immobilienmanagement-Studium an einer Fernuni. Die IU Internationale Hochschule betont, dass diese Entscheidung Respekt verdient: „Da die meisten Fernstudierenden neben ihrem Studium noch einer Haupttätigkeit nachgehen, ist das erfolgreiche Absolvieren eines Fernstudiums ein Ausdruck hoher Belastbarkeit.“ Abgesehen davon passe diese Studienform in die Zeit der Flexibilität, meint Martin Mayer. Die Nachfrage nach Fernstudien steige.

„Im vergangenen Semester haben sich über 3.000 österreichische Studierende für die FernUniversität in Hagen entschieden“, berichtet die JKU. „Die Erwartungen an Flexibilität im Lernprozess sind gestiegen. Das ist kein Phänomen, das auf Fernstudien beschränkt ist, sondern auch in klassischen Studien zu beobachten ist“, sagt Stefan Oppl, Vizerektor für Lehre und Studierende an der Universität für Weiterbildung Krems. „Gerade im Bereich der wissenschaftlichen Weiterbildung haben Studierende neben dem Studium andere Verpflichtungen und erwarten zu Recht, dass Studienformate angeboten werden, die die Vereinbarkeit verbessern.“ Laut Paracelsus Medizinische Privatuniversität nehmen viele berufstätige Studierende mit Betreuungspflichten das Fernstudienangebot wahr.

Dem Wunsch der Studierenden nach mehr Flexibilität antworten Hochschulen mit weiteren Angeboten (mehr Kasten oben).

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