Wirtschaft | Karriere
30.11.2018

Zu Gast bei "Deutschlands einzigem Management-Guru"

Reinhard K. Sprenger spricht über potenziell lebensverändernde Einsichten und über Führung in Anwesenheit des Todes.

Der Guru ist pünktlich. „Deutschlands einzigen Management-Guru“ nennt die Financial Times den Berater Reinhard K. Sprenger und der Titel scheint ihm zu gefallen, denn immerhin prangt dieses Zitat gut sichtbar auf seiner Homepage. Der erste Eindruck ist trotzdem bodenständig. Der „absolute Star am Referentenhimmel“ (noch ein Zitat von der Homepage) betritt an einem feuchtkalten Freitag im November den Seminarraum eines Wiener Hotels, um im Rahmen einer „Business Circle“-Veranstaltung über die „Magie des Konflikts“ zu sprechen. Er wird außerdem von seiner Mutter, Karl Popper und Sigmund Freud berichten. Auch Gott, Zeus, die Hopi-Indianer und Arnold Schwarzenegger bleiben nicht unerwähnt.

Sprenger tritt leger in Pulli und weiter Hose auf, man sieht trotzdem, dass er durchtrainiert ist. Er wird später erzählen, dass er mit Wohlstandsbäuchen anderer Menschen ein Problem hat, denn sie widerspiegeln sein eigenes Defizit: dass er nicht einfach einmal genießen kann – C. G. Jung, die Schattentheorie, wird er später erklären.

Einigkeit macht starr

Vorne steht ein Tisch, auf dem ein Schild mit dem Namen des Seminarleiters steht. Den braucht Sprenger aber nicht. Sportlich, wie er ist, bewältigt er den ganztägigen Vortrag im Stehen – gehört bei solchen Auftritten ja auch dazu. Er gestikuliert ein bisschen, aber nicht übertrieben, hin und wieder quietscht sein Filzstift über das Flipchart, auf das die Seminarteilnehmer gebannt starren. Sie wollen schließlich wissen, was sie mit ihren Konflikten tun sollen. Die Zielgruppe besteht laut Veranstalter aus „Unternehmern, Personalentwicklern, Führungskräften des mittleren und oberen Managements“.

Der Blick durch die Reihen sagt: eher mittleres Management. Einer Schulklasse gleich, mit mehr Schülern als Schülerinnen, wobei es auch hier so ist, dass die Mädchen braver mitschreiben als die Buben. Heute wollen sie lernen, dass Einigkeit starr macht und warum wir Konflikte häufig verleugnen.

Keine Erwartungen

Zum Mitschreiben gibt es einiges: „Führen ist immer Führen im Dilemma“. Staunen und Raunen. „Ich bin nicht sicher, ob Sie, als Sie sich für Ihren Führungsposten entschieden haben, gewusst haben, dass Sie sich für eine dilemmatische Situation entscheiden.“ Nervöses Kichern im Raum. Wer hier hat sich schon für das Führen entschieden? Die Kollegen vom öffentlichen Dienst? „Sie haben immer die Hälfte der Leute gegen sich.“ Seufzen. Ja, wissen wir. Es wird hier heute noch ans Eingemachte gehen. Es wird um pränatale Prägungen gehen, um die Anwesenheit des Todes und darum, was Job und Ehe gemeinsam haben. Und ja, die AFD, der IS und die „Hirnrissigkeit“ von Frauenquoten kommen auch vor.

Außerdem die „Seinsvergessenheit im Heiderggerschen Sinne“, C.G. Jungs Schattenbegriff und Ausflüge „in die Berggasse“ – zu Sigmund Freud. Kann sein, dass manche hier überfordert sind. Im Vorteil ist, wer Grundkenntnisse einer geisteswissenschaftlichen Fakultät mitbringt. Fazit nach einem halben Seminartag: Viel zum Nachdenken, ein paar Kalendersprüche und einige gute Tipps. Konfliktäres soll man nicht in eMails schreiben. Und Hauptproblem des Menschen an sich, des führenden im Besonderen, sind die Erwartungen. Am besten keine haben. Sprenger, promovierter Philosoph und nebenberuflicher Rockmusiker: „Ich habe viele Songs über Erwartungen geschrieben.“