Jobs über Kontakte: Du, ich kenn’ da jemanden

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Früher wurde gelästert: Der hat den Job nur bekommen, weil er wen kennt.“ Heute ist es das Normalste der Welt.

„Du, ich kenn’ da jemanden.“ Bei diesem Satz haben Personalverantwortliche früher entweder die Augen verdreht, dass man das Weiße gesehen hat und sind einfach weitergegangen oder sie haben ihre Bürotür schnell zugemacht, damit kein Unbeteiligter Zeuge dieser Unterhaltung werden kann. Und heute? Da sagen sie: „Ja, wunderbar! Immer her damit.“ Kleine als auch große, familiengeführte aber auch börsenotierte, Start-ups und etablierte Unternehmen setzen darauf, dass Mitarbeiter ihre Augen und Ohren nach neuen Talenten offenhalten. Von dem negativen Beigeschmack von damals ist nichts mehr übrig: Vitamin B ist das Superfood der neuen Arbeitswelt und nicht länger der verbotene Apfel.

Was ist passiert? Die Sozialen Medien. Sie haben das Thema Beziehungen im Job neu definiert. Gundi Wentner ist Partnerin bei Deloitte Österreich, einem der großen Beratungsunternehmen, alleine in Österreich zählt das Unternehmen 1400 Mitarbeiter. Sie erklärt: „Früher musste man jemanden persönlich kennen. Man hat sich über elitäre Clubs oder Studentenverbindungen vernetzt. Aber heute spielt sich sehr viel über soziale Netzwerke ab.“ Persönlich kennen muss man sich, um von Kontakten zu profitieren, heute nicht mehr gezwungenermaßen. Netzwerke sind nun nicht mehr einer Elite vorbehalten – heute hat jeder Zugang und kann sich eines aufbauen. Vor allem für Migranten und Junge sind Beziehungen bei der Jobsuche wichtig, wie eine Erhebung der Statistik Austria zeigte. Akademiker finden, laut der Erhebung, nach wie vor ihre Jobs meist über die Bewerbung auf eine Stellenanzeige.

Mitarbeiter empfehlen Mitarbeiter

In den vergangenen Jahren hat sich eine ganz neue Industrie rund ums professionelle Beziehungsmanagement etabliert: Spezielle Karrierenetzwerke wie LinkedIn oder Xing sind entstanden. Hier kann sich jeder präsentieren, sein berufliches Profil zeigen und seine Qualifikationen von anderen bestätigen lassen kann. Eine wahrer Fundus an Humankapital für Unternehmen auf der Suche nach den besten Köpfen. Oder: Start-ups, wie etwa das in Wien gegründete und ansässige Firstbird, haben die Mitarbeiter-Empfehlung professionalisiert und digitalisiert. Firmen können von Firstbird ein Programm kaufen, wo Mitarbeiter zu Headhuntern werden. Bei erfolgreicher Werbung bekommen die Mitarbeiter oftmals sogar eine Prämie. Auch Deloitte setzt mittlerweile oft auf Mitarbeiter-Empfehlungen. Aus gutem Grund: „Wir haben analysiert, woher unsere besten Leute kommen. Es hat sich gezeigt, sie kommen über Empfehlungen aus dem Haus“, erklärt Gundi Wentner.

Die Frage, ob das nicht die Gefahr birgt, dass die Mannschaft zu homogen wird, verneint Wentner. „Unsere Mitarbeiter sind divers und hoch qualifiziert. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass sie am besten einschätzen können, wer zu uns passt, sie kennen unsere Erwartungen und was ein Job bei Deloitte bedeutet.“ Vetternwirtschaft könne sich heute kein Unternehmen mehr leisten. „Das hat sich aufgehört“, ist Wentner überzeugt. Zweitens stünden alle Unternehmen in großem Wettbewerb um die besten Köpfe.

Qualifikation immer noch das Wichtigste

So überrascht es nicht, dass auch Bosch – laut Umfragen ebenso einer der beliebtesten Arbeitgeber unter Akademikern – wie Deloitte bei offenen Stellen auf das große Netzwerk der Mitarbeiter zurückgreift. Auch hier fordert man die Mitarbeiter aktiv auf, das Unternehmen als attraktiven Arbeitgeber weiterzuempfehlen. Lisa Marie Steinbach, vom Personalmarketing Bosch Österreich erklärt weiter: „Aber auch hier gilt für uns: Die richtigen Qualifikationen sind ausschlaggebend. Sonst sind beide Seiten – Bewerber und Arbeitgeber – nicht glücklich.“

Auch aus einer anderen Perspektive verändert sich die Tatsache nicht, dass gute Beziehungen dabei helfen, einen Job zu bekommen. Martina Schöggl ist die Obfrau von dem noch jungen aber sehr erfolgreichen Frauennetzwerk Sorority. Auch sie sagt: „Es ist nichts Verwerfliches dabei, gute Leute zu fördern. Man arbeitet eben gerne mit Leuten zusammen, die man empfohlen bekommt.“ Denn man weiß: empfohlen werden nur die Besten. Mit Freunderlwirtschaft hätte das nichts zu tun. Nach wie vor sei das Können und die Eignung für einen Job ausschlaggebend.

Sonja Rieder ist  Karrierecoach © Bild: Rieder/Paul Pölleritzer

KURIER: Wie kann man bei jemandem deponieren, dass man interessiert ist, in seiner Firma zu arbeiten?
Sonja Rieder:
Nicht so formulieren: „Ich brauch einen Job. Hilf mir.“ Besser ist, sich auf das Gespräch vorzubereiten, sich zu überlegen, was man anbieten kann und warum man gerne in der Firma arbeiten möchte. Dann kann man die Anfrage etwa so formulieren: „Als du letztens über deine Firma und deine Aufgaben gesprochen hast, hat mich das sehr interessiert. Ich kann mir vorstellen, dass ich das auch gut könnte und ich höre mich jetzt mal in diese Richtung um. Weißt du, wird bei euch jemand gesucht?“

Nimmt man bei der Bewerbung Bezug auf die Person, die vermittelt hat?
Das macht nur dann Sinn, wenn diese Person in der Firma auch bekannt ist. Dann kann man den Bekannten auch bitten, die Bewerbung direkt in die Personalabteilung zu bringen. Im Bewerbungsschreiben sollte man zeigen, dass man gute Gründe hat, sich zu bewerben. Man kann das so schreiben: „Ich habe aus dem Gespräch mit XY von den Herausforderungen und  Aufgaben erfahren. Das passt gut zu meinem Profil.“ Dann leitet man zum eigenen Profil, zu den Qualifikationen über.

Wie verhält man sich der Person gegenüber, die vermittelt hat?
Eine kleine Aufmerksamkeit ist passend, um die Wertschätzung auszudrücken. Aber man steht nicht ewig in der Schuld dieser Person. Derjenige, die eine Empfehlung macht, wollte das zu dem Zeitpunkt und hat meist auch etwas davon: Er konnte der Firma helfen. Firmen bitten ihre Mitarbeiter immer wieder ausdrücklich um Empfehlungen. Vergessen Sie nicht: Recruiting kostet Firmen Geld. Außerdem konnte die Person vielleicht so ihre Allianz verstärken. Oder sie freut sich einfach, einem Freund geholfen zu haben. Sich gegenseitig zu unterstützen, das muss keine schiefe Optik haben.

Was, wenn es nicht klappt?  
Personalisten wissen, dass man sich irren kann. Und es ist ein höheres Risiko, jemanden einzustellen, den man nicht kennt.

Der Karriere-Booster: Ein Drittel nutzt Beziehungen für Job

Beziehungen schaden nur dem, der keine hat – sagt ein altes Sprichwort. Der hohe Stellenwert von Beziehungen für die Jobsuche ist also nicht neu, wurde lange vermutet und oft bewiesen. Und erst im Dezember hat eine Auswertung der Statistik Austria bestätigt: Gerade für Junge sind soziale Kontakte im Familien- und Bekanntenkreis der wichtigste Weg in den Arbeitsmarkt: Gut ein Drittel der 15- bis 34-Jährigen fand so einen Job. Aber auch die traditionellen Wege in einen Job haben weiterhin Bedeutung: 24 Prozent bekamen laut Statistik einen Job durch die direkte Kontaktaufnahme mit dem Arbeitgeber, 23 Prozent hat durch die Bewerbung auf eine Stellenanzeige den Job gefunden.

Über welche Kanäle man einen Job findet, hängt auch vom formalen Bildungsniveau ab: Je niedriger, desto wichtiger werden interessanterweise Beziehungen. Für Akademiker aber war die Bewerbung auf eine Stellenanzeige (31 Prozent) die wichtigste Quelle für einen Arbeitsplatz. Erst dahinter folgten Jobs über soziale Kontakte (23 Prozent ).

Frauen und Männer netzwerken anders
Für Nicht-Österreicher sind gute soziale Netzwerke besonders wichtig: Sie verdanken ihre Arbeit zu 44 Prozent informellen Tippgebern aus dem Freundeskreis oder der Familie. Das betrifft besonders Migranten der ersten Generation, also im Ausland Geborene. Bei der zweiten Generation – ihren Kindern –  ist statistisch schon kein Unterschied mehr zu jungen Österreichern feststellbar.

Frauen und Männer netzwerken schon zu Beginn ihrer Karriere unterschiedlich, wie eine Studie rund um den Psychologen Nils Christian Sauer von der TU Braunschweig ergeben hat: Männer haben eher Kontakte, auch engere, mit ihren Vorgesetzten und höher gestellten Kollegen. Und sie haben viele lose Kontakte. Frauen hingegen vernetzten sich eher mit Kollegen auf gleicher Ebene und stellen oft Kontakte zwischen Menschen her. Sie stärken also das Netzwerk selbst, ohne direkt selbst davon zu profitieren. 

( kurier.at ) Erstellt am 18.04.2018