Wirtschaft | Karriere
21.08.2018

„Frauen fallen in der Szene auf“

Frauen sind in der heimischen Start-up-Szene selten. Eine Chance für weibliche Entrepreneure, so Tanja Sternbauer.

KURIER: Eine neue Studie der Boston Consulting Group hat ergeben, dass von Frauen gegründete Start-ups schwieriger Investoren finden, obwohl ihre Unternehmen mehr Umsatz machen. Das ist paradox. Woran liegt das?

Tanja Sternbauer: Der Zugang zu Investoren ist extrem schwierig: der Start-up-Bereich ist männerdominiert, man kennt sich untereinander und kann sich schneller empfehlen. Außerdem sind wenige Entscheidungsträger im Investment-Bereich weiblich. Es ist also kein Wunder.

Macht das Pitchen auch einen Unterschied? Verkaufen sich Frauen schlechter?

Die Pitch-Qualität ist grundsätzlich geschlechtsunabhängig. Naturbedingt sind Frauen aber oft zögerlicher und suchen weniger den direkten Wettbewerb.

Der höhere Umsatz ist den Frauen jedenfalls nicht abzusprechen: Was machen sie besser?

Sie haben oft unterschiedlichen Fokus, was beispielsweise die Risikoabwägung oder die Umsatzgenerierung betrifft. Sie sind überlegter. Sie wägen ab und denken darüber nach, wie ein Unternehmen nachhaltig erfolgreich sein kann und was für Mitarbeiter gut ist.

Während es in Großbritannien über 30 Prozent Start-up-Gründerinnen gibt, liegt die Zahl in Österreich bei 7,1 Prozent. Woran hapert es?

Laut Statistiken der WKO werden schon 44,5 Prozent der Unternehmen von Frauen gegründet. Bei Start-ups sieht das anders aus. Es gehen gesellschaftspolitische Faktoren, wie unser Familien- oder Wertesystem, mit einher. Die Frage ist: Ist es so schlimm, dass es sieben Prozent sind? Wichtiger ist, dass die Möglichkeit einer Start-up-Gründung für Frauen klar aufgezeigt wird.

Laut dem European Start-up Monitor gründen Frauen ihr erstes Start-up aber drei Jahre später als Männer. Worauf warten sie?

Frauen wollen sich ihrer Kompetenzen sicherer sein als Männer – dementsprechend braucht es mehr Arbeitserfahrung. Männer denken oft: Machen wir ein Start-up und verdienen ein paar Millionen. Frauen sind unsicher, vor allem wenn es um Dinge wie technisches Know-how oder um die Fähigkeit geht, ein Unternehmen zu führen.

Womit müssen sich Frauen in der Start-up-Szene am meisten herumschlagen?

Ich finde, man sollte es als Chance sehen, als Frau in einer männerdominierten Branche tätig zu sein. Es gibt wenige und man fällt dadurch natürlich auf, so eröffnen sich auch viele Möglichkeiten. International kann es allerdings zu unangenehmen Situationen kommen: wenn zum Beispiel ein Investor etwas Unangebrachtes fordert, wenn eine Gründerin ein Investment sucht. Damit muss sich ein Mann nicht herumschlagen. In Österreich ist das aber kein Thema.

Sie haben mit Lisa Fassl und Nina Wöss die „Female Founders“ gegründet. Was bringt es Gründerinnen, Teil des Netzwerks zu sein?

Wir unterstützen Gründerinnen im Start-up-Bereich, sie lernen so Investoren, Co-Founder und Business-Partner kennen. Allgemein ist das Angebot, unabhängig von uns, aber schon extrem groß. Das fängt an den Universitäten an, die immer mehr Kurse in diese Richtung anbieten, es gibt Workshops darüber, was es bedeutet, als Frau ein Unternehmen zu gründen und einige frauenspezifische Förderungen, beispielsweise von der Wirtschaftsagentur Wien.

Welches Potenzial steckt in österreichischen Entrepreneurinnen? Und wo sehen Sie noch Nachholbedarf?

Das Potenzial ist riesig. Was Nachholbedarf hat, ist die Aufklärungsarbeit: Was steckt hinter einem Start-up? Ist es als Jungunternehmerin überhaupt möglich, Familie und Karriere zu vereinen? Als Gründerin muss ich außerdem kein Techie oder Nerd sein.

Was raten Sie Frauen, die sich selbstständig machen wollen, jedoch noch den letzten Push brauchen?

Nicht zu viel Stress machen, alles Schritt für Schritt regeln und von Anfang an ein Netzwerk zur Unterstützung aufbauen.