Männer haben die doppelt so große Jobauswahl
Eine vollzeitbeschäftigte Frau verdient in Österreich zwölf Prozent weniger als ein Mann. Inklusive der Teilzeitbeschäftigten liegt die Lohnlücke sogar bei 34 Prozent. Auf diesen Missstand macht jährlich der Equal Pay Day aufmerksam, der vergangene Woche stattgefunden hat. Das gewerkschaftsnahe Momentum Institut hat aus diesem Anlass einen weiteren bemerkenswerten Aspekt ausgewertet. Männer haben fast doppelt so viele Jobs zur Auswahl wie Frauen. Wie das sein kann, erklärt Ökonomin Sophie Achleitner.
KURIER: Männer können aus weit mehr Jobs wählen als Frauen. Was bedeutet das?
Sophie Achleitner: Wir definieren einen Männerberuf als eine Berufsuntergruppe, wenn der Männeranteil über 70 Prozent liegt, genauso analog bei den Frauenberufen. Es geht darum, dass eine sichtbare Dominanz von einem Geschlecht in einer Berufsgruppe tätig ist.
Männer dominieren in 45 Berufsgruppen, Frauen in 23. Wie interpretieren Sie das?
Das heißt, dass Männer eine deutlich größere berufliche Vielfalt haben. Das ist das Spannende an der Analyse: Man sieht nicht nur, dass der Arbeitsmarkt extrem geschlechtergetrennt ist, sondern dass sich Frauen in einigen wenigen Berufsgruppen konzentrieren, die tendenziell auch noch schlechter entlohnt sind.
Theoretisch könnten Frauen trotzdem in Männerberufen Fuß fassen. Oder nicht?
Es gibt sicherlich Hürden. Das sieht man, wenn man ein bisschen in die Literatur hineinschaut. Männer schützen ihre Berufe quasi davor, dass Frauen sie ergreifen. Das sind oft strukturelle Dinge – etwa dass Arbeitgeber lieber Männer einstellen oder die Arbeitszeitarrangements weniger flexibel sind, was für die meisten Frauen mit Betreuungspflichten schwer vereinbar ist. Wegen dieser strukturellen Barrieren sieht man schon, dass Frauen diese Berufsfelder oft gar nicht erst betreten. Und wenn sie es doch tun, verlassen sie sie manchmal schnell wieder. Das hat kürzlich eine Studie vom IHS (Institut für Höhere Studien, Anm.) zum MINT-Bereich ergeben.
Woher kommt die hohe Drop-out-Quote bei Frauen in Männerberufen?
Einerseits weil Frauen im Vergleich zu den Männern in diesen Berufen auch nicht besser bezahlt werden, andererseits weil die Arbeitsbedingungen oft sehr auf Männer ausgerichtet sind und es Fälle von Diskriminierung bis in zu sexueller Belästigung gibt.
Sie sagen: Männer und Frauen arbeiten systematisch getrennt. Das klingt, als würde eine Absicht dahinterstecken.
Zumindest suggerieren das die Daten. Dass Frauen überwiegend versorgende Tätigkeiten ausüben und Männer die technische und handwerkliche Arbeit übernehmen, spiegelt die traditionellen Rollenbilder, die wir in Österreich stark verankert sehen, wider. Dass sich das auch am Arbeitsmarkt so deutlich zeigt, ist ein spannender Aspekt der Analyse.
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