Wirtschaft | Karriere
28.05.2018

Eignungstests: Welcher Job taugt?

Matura, Check. Uni, Check. Party-Feier-Phase, Check. Und danach? Ein großes Fragezeichen auf der Stirn. (Check).

Seien wir ehrlich: Die Berufswahl ist eine der größten Zumutungen, mit der uns das Leben konfrontiert. Nach dem theoretischen Unterricht sollen wir quasi von Null auf Gleich wissen, mit welchem Beruf wir unser restliches Leben verbringen wollen. Klar haben sich die meisten von uns bereits in der Kindheit mit geeigneten Jobprofilen wie Vollzeitprinzessinnen oder Glücksbringer, getarnt als Rauchfangkehrer, befasst. Der endgültige Beschluss als – mittlerweile – Erwachsener sieht in der Regel aber doch ganz anders aus.

Die Entscheidungsmöglichkeiten für den passenden Beruf scheinen bescheiden: Das, was die Eltern gemacht haben (oder zu machen scheiterten) und das, was man wirklich will, aber ziemlich wahrscheinlich nicht lukrativ ist. Und was, wenn wir uns dann tatsächlich entschieden haben und uns in zehn Jahren so stark verändern, dass wir unseren Golfballtaucher-Job (ja, den gibt es wirklich) am Ende doch an den Nagel hängen wollen? Ganz recht, eine Zumutung.

Praktisches "Sieb"

Nicht jeder besitzt das genetische Rüstzeug, instinktiv seinen maßgeschneiderten Beruf zu kennen. Diese „Benachteiligten“ fühlen sich in der endlosen Fülle an Jobmöglichkeiten meist verloren. Die eigene Persönlichkeit ist schließlich so vielfältig, dass man neben dem Consulting auch ein Tanzstudio führen, Drehbücher für Horrorfilme schreiben und Haie erforschen könnte. Manche wiederum haben gar keinen Plan, was ihnen überhaupt liegt. Auch gut möglich. Doch wie finden sie einen Job, in dem auch der Montag Spaß macht?

Der Forschung sei Dank,gibt es ein handliches „Sieb“: Eignungstests, die einem Berufsvorschläge je nach persönlichen Stärken und Interessen auf dem Tablett servieren – auch für jene, die sich neu orientieren möchten. Das WIFI stellt etwa eine ausgiebige Potenzialanalyse bereit, aufgeteilt in Erstgespräch, Testung und Auswertung. Das Verfahren dauert zwischen vier und fünf Stunden. Gemeinsam mit Experten wird ermittelt, welche Berufsbereiche oder Ausbildungswege geeignet sind und wo individuelle Stärken liegen. Die Kosten liegen für Erwachsene bei 218 Euro, für Schüler und Studenten bei 198 Euro.

Hilfreich und informativ – zumindest als Quelle für Inspirationen – ist auch das Online-Portal „Watchado“, das Berufe nach Vorlieben selektiert. Nach der Beantwortung einiger Fragen werden Geschichten zu Berufsprofilen aufgelistet, die zum eigenen Profil passen könnten. Auch manche Unternehmen für Personalberatung wie ISG oder Hill International machen sich ähnliche Testverfahren zunutze, um geeignete Jobanwärter zu ermitteln. Lehrlinge haben die Option der kostenlosen OrientierungsChecks des BIWI ( Berufsinformationszentrum der Wiener Wirtschaft).

Der Selbstversuch

Doch wie aussagekräftig und valide sind derartige Verfahren? Können sie tatsächlich Interessen und passende Berufe auslesen? Übe ich den richtigen aus oder muss ich mich umorientieren? Ein Selbstversuch und ein Experten-Interview sollen Aufschluss geben. Die Wahl fiel auf drei gängige Tests: Der AMS Berufskompass, der AK Berufsinteressentest und nach ausführlicher Beratung der NEO-PI-R am HRM Testcenter Austria. Alle richten sich an Personen ab 16 Jahren und Erwachsene. Der umfangreiche NEO-PI-R wird seit 1978 weltweit eingesetzt. Dieses Verfahren dauert am längsten, ist aufgrund seiner Breite und Individualanalyse aber auch am spannendsten.

Während die beiden kürzeren Tests eine Liste mit (hoffentlich) passenden Berufsvorschlägen ausspucken, gibt dieser vielmehr eine Orientierung vor, welche Jobanforderungen sich mit persönlichen Werten decken. Das ergänzende Beratungsgespräch hilft bei der Eingrenzung. Neben einer ausführlichen Interpretation der fünf grundlegenden Persönlichkeitsmerkmale werden Eigenschaften wie Problemlösung und Entscheidungsfindung, Planung, Organisation und Umsetzung oder der zwischenmenschliche Umgang verortet. Die Erwartungen sind hoch, die Anspannung auch. Nicht, dass Mark Twain mit seiner Theorie, Journalisten seien Leute, die ein Leben lang darüber nachdenken, welchen Beruf sie eigentlich verfehlt haben, am Ende noch Recht behält. Wir werden sehen.

AMS Berufskompass

Abenteuerlustig oder sicherheitsbedürftig? Klare Antwort: Das Mittelfeld, denn erst die Balance macht das Leben so süß. Nach langem Hin- und Herschaukeln der PC-Maus (es gibt nur  A oder B), siegt aus technisch nicht umsetzbaren Gründen dann doch die Sicherheit. Einige Klicks später, erneut ein virtueller Stolperstein: Maschinen lieber zusammenbauen oder programmieren? Eindeutig: Nichts von beidem! Gleiches Problem, gleiches Verfahren. A soll es sein. Handwerkliches Geschick ist zwar nicht meine Stärke, die komplexe Codiersprache aber noch weniger. Am Ende ergibt das  eine Auswertung und Liste mit über 500 Berufsvorschlägen. Auf Platz 1 rangiert die „Germanistin“. Super! Das Studium war tatsächlich angedacht und passt zum Journalistenjob. Es folgt die „Genderwissenschafterin“. Interessant, aber nicht mein Beruf. Auf Platz 3 steht wundersamerweise die „Sportgerätetechnikerin“. Totale Fehleinschätzung  – vermutlich das Ergebnis, weil ich „Maschinen lieber zusammenbauen“ würde. Die „Journalistin“ taucht nicht auf. Im Großen und Ganzen kristallisieren sich aber viele meiner Interessen in den Vorschlägen heraus.

AK Berufsinteressentest

Wie auch der Berufskompass dauert dieser Gratis-Test, der ebenfalls 77 Fragen umfasst, rund 20 Minuten und online zu absolvieren ist. Er gleicht dem Eignungstest des AMS stark. Vermutlich kommen ähnliche Resultate heraus. Doch am Ende gibt es Überraschungen. Der zu mir passendste Job laut AK ist der einer Richterin. Ein gewisser Stolz und selbstgefälliges Lächeln huschen über mein Gesicht, obwohl über andere zu richten, kein Wunsch ist. Zu groß, diese Verantwortung. Das Ergebnis rührt vielleicht auf einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der ermittelt wurde. Der „Richterin“ folgt dicht die „Lektorin“. Definitiv ein Volltreffer! Das Lektorat war lange Zeit ein Berufswunsch. Auch dieser Test erkennt, sogar noch stärker, meinen Hang zur Linguistik. Doch auch er liefert abwegige Berufsbezeichnungen. Auf Platz 3 rangiert die „IT-Spezialistin für Multimedia-Anwendungen“, gefolgt von der „Bautechnikerin“. Diesen Fehleinschätzungen gehe ich im Experten-Interview nach. Auch hier gibt es  zwar keinen 100-prozentigen Job-Match, aber wie zuvor wird das Interessenskorsett schön eingeschnürt.  

 

 HRM Testcenter Austria NEO-PI-R

Er klingt kryptisch, ist aber einer der am häufigsten eingesetzten Tests zur Messung der bedeutendsten Persönlichkeitsmerkmale weltweit. Mit 370 Euro ist er auch der teuerste am HRM Testcenter Austria, wo Interessenten vorab ausführlich über das passende Verfahren beraten werden. Dieses liefert ein tiefenpsychologisches Persönlichkeitsprofil. Fragen wie „Man wird von den meisten Menschen ausgenutzt, wenn man es zulässt“ oder „Ich arbeite langsam aber stetig“ werden Aufschluss darüber geben, ob ich beruflich am richtigen Platz bin, beziehungsweise welcher Job geeigneter wäre.  Jedes Item wird auf einer 5-stufigen Skala beantwortet. Nach rund einer Stunde und 241 Fragen werden die Ergebnisse vom Experten ausgewertet und gemeinsam durchbesprochen. Meine Gedanken gelten Mark Twain. Es folgt das Ergebnis:  Ich bin sehr aufgeschlossen und diszipliniert, gerne unter vielen Menschen (es lebe das Großraumbüro!) und halte starken Belastungen stand. Das heißt? „Im Journalismus sind Sie richtig, Buchhaltung wäre nichts für Sie“, so das Fazit von Simon Bertl. Die Freude über meinen Sieg über Twain ist groß.

 

 Wie sinnvoll sind Eignungstests?

Arbeitspsychologin Veronika Jakl über deren Validität und Aussagekraft

Wie viel Sinn machen Eignungstests?  
Veronika Jakl: Prinzipiell halte ich Eignungstests für eine gute Sache, weil sich Menschen grundlegend informieren können, wo ihre Interessen liegen und zwar in komprimierter Art und Weise. Es stellt sich nur die Frage, wie sehr diese Tests auf neue Berufsbilder angepasst und aktualisiert sind, die aufgrund der Digitalisierung neu entstehen, wie „YouTube-Influencer“. Die Standardisierung wissenschaftlicher Verfahren dauert nämlich sehr lange. Dafür wird eine große Anzahl an Testpersonen benötigt, die diese Berufe ausüben.

Können Persönlichkeitsmerkmale tatsächlich voraussagen, welche Jobs zu einem passen?
Zumindest, welche Interessen passen. Ob die Fähigkeiten auch vorhanden sind, ist eine andere Geschichte. Sie können aber auch die Perspektiven erweitern auf Jobs, an die man vorher vielleicht gar nicht gedacht hat, weil man niemanden in der Branche kennt.

 Für wen sind Eignungstests empfehlenswert?
Grundsätzlich für die breite Masse. Man tut sich natürlich leichter, wenn man schon recht reflektiert ist und seine Interessen gut kennt. Für diese Personen wird das Ergebnis weniger überraschend sein. Hilfreich ist auch, wenn man schon gewisse Praktika gemacht hat oder Berufserfahrung hat. Man sollte jedoch bei Verfahren, die sehr kurz sind, aufpassen. In der Wissenschaft heißt es: Je kürzer, desto ungenauer.

Wie lassen sich starke Interessens-Abweichungen, wie bei mir beispielsweise die Religionswissenschaft oder Bautechnik, erklären?
Bei diesen Tests werden Dimensionen gemessen. Dann werden Ihre Ausprägungen mit den „typischen“ Ausprägungen in dieser Berufsgruppe verglichen. Ich kann mir vorstellen, dass Sie ähnliche Werte haben in Themen wie Neugier, Offenheit für Ideen, Interesse an Menschen, wissenschaftliches Arbeiten oder Ähnliches, wie Religionswissenschaftlerinnen. Deshalb sollte man zusätzlich überlegen, ob noch andere Dinge bei der Berufswahl eine Rolle spielen, wie zum Beispiel religiöse Ansichten, Werte, politische Einstellung, Anerkennung des Berufs im eigenen Lebensumfeld, Arbeitszeiten und so weiter.