Automatisierung ohne Kündigungen: Wie diese österreichische Firma das schafft
1865 fuhr Karl Höller mit dem damals schnellsten Segelboot nach Amerika. 1868 ließ er im US-Bundesstaat Ohio, konkret in Cincinnati, den Kniebogen, also den Bogen, den man heute noch für Ofenrohre verwendet, patentieren. Eine unscheinbare Erfindung, die es aber braucht, um Abgase von Heiz- oder Kaminöfen abzuleiten. Mit Patent und der zugehörigen Maschine für die industrielle Fertigung ging es zurück nach Europa, wo Höller gemeinsam mit seinem Schwager, dem Kaufmann Heinrich Bertrams, die erste Knie- und Ofenrohrfabrik in Deutschland unter dem Namen Bertrams eröffnete. Viele Fabriken quer durch Europa folgten, eine in Wien, Meidling im Jahr 1876.
Heute, 150 Jahre später, hat ein Standort die anderen überdauert: Jener in Jois, Burgenland. Der Druck von den Mitbewerbern, insbesondere aus den östlichen Ländern ist groß, sagt Bertrams-Geschäftsführer Martin Wolfram. Den österreichischen Standort leistet man sich trotzdem. Nur wie?
Alles an Ort und Stelle
„Man versucht natürlich, zu automatisieren, was geht“, erzählt Wolfram, der 2008 in den Familienbetrieb eingestiegen ist. Früher wurde vieles händisch verrichtet, Arbeiten an externes Personal ausgelagert. Kosten können so schnell explodieren, Preise nicht mehr konkurrenzfähig sein.
Also wurde der beengte Wiener Standort 2013 ins platztechnisch großzügige Burgenland verlagert, um von der Rohware bis zum fertigen Produkt alles an einem Ort fertigen zu können. Und – ganz wichtig – um selbst mit einem geruchsneutralen Hydrolack (eines der wichtigsten Produkte, um sich von der Konkurrenz abzuheben) lackieren zu können. Alles vollautomatisiert, versteht sich.
Zu Gast im KURIER Business Gespräch: Martin Wolfram
Personal eingespart wurde im Zuge dessen nicht, sagt der Geschäftsführer, der sogar ein Shuttleservice installierte, um die Wien-Mitarbeiter fürs Pendeln ins Burgenland zu begeistern: „Wir konnten dadurch mehr Aufträge generieren und so auch das Personal halten.“ Einfach ist es dennoch nicht, günstig produzierenden Mitbewerbern die Stirn zu bieten.
Den Markt richtig bedienen
„Es gibt Phasen, die sind sehr kritisch“, sagt Martin Wolfram. „Wenn man verglichen wird mit einem Mitbewerber, ohne ins Detail zu schauen.“ Oft fragt sich Wolfram: Wo ist die Nachhaltigkeit, wo kommen die Rohstoffe her, wie ist die Verarbeitung, die Qualität? Rund zehn Mitbewerber hat der Firmenchef innerhalb Europas im Blick. Er selbst kauft primär bei österreichischen Rohstoffherstellern ein – ob Verpackung oder Metall. Lieferketten sollen kurz gehalten werden, sagt er. Nicht nur im Einkauf, auch beim Beliefern der Kunden.
Der wichtigste Absatzmarkt für Bertrams ist bis heute Deutschland. Mit dem Standort Österreich wäre man „näher dran“ als andere. „Ein Vorteil“, wie Wolfram sagt, der sich deshalb jetzt stark auf die Logistik fokussiert. Doch nicht nur, um die Nachbarländer besser zu beliefern, sondern auch um einen neuen Kundenstock zu erschließen.
- Seit 1876 fertigt die Firma Bertrams Abgas- und Ofenrohre in Österreich.
- Geschäftsführer heute sind Hermine Rosen und Martin Wolfram.
- Neben dem Produktionsstandort Jois gibt es einen weiteren in der Türkei.
- 80 Mitarbeiter arbeiten in Österreich für Bertrams.
- Das Kerngebiet sind die Länder um Österreich.
„Wir kommen vom Großhandel, das heißt, wir liefern unsere Ware palettenweise, was wir nach wie vor machen. Aber es kommt auch immer mehr der Endkunde ins Spiel“, berichtet der Firmenchef. „Die Anforderungen vom Markt sind: Ich möchte möglichst beim Produzenten kaufen, erwarte mir aber auch eine dementsprechende Serviceleistung. Sprich, keinen Lkw voller Rohre, sondern kommissionierte Ware in die Märkte.“
Ein wichtiger neuer Vertriebskanal wären deshalb Baumärkte mit dem Do-it-yourself-Konzept. Doch auch das Angebot bei Fachgeschäften und im Online-Shop will man ausbauen. Was es dafür braucht? Wieder eine funktionierende Logistik, um auch wirklich alles zu erfüllen, was vom Markt gefordert wird.
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