© Kurier/Jeff Mangione

Interview
05/26/2020

Josef Pröll: Abfragemengen bei Mehl haben sich verdreifacht

Der LLI-Generaldirektor über die Corona-Krise, den Run aufs Mehl und das 80 Millionen Euro schwere Investment in eine hochmoderne Mühle in Deutschland.

von Kid Möchel

Der österreichische Traditionskonzern Leipnik-Lundenburger Invest Beteiligungs AG (LLI) versorgt mit drei Mühlen in Österreich täglich 2,5 Millionen Menschen mit Mehl.

KURIER: Zu Beginn der Corona-Krise kam es zu Hamsterkäufen bei Toilettenpapier und Mehl – wie wichtig sind die Mühlen bei der Lebensmittelversorgung der Bevölkerung?

Josef Pröll: Corona hat bei vielen Menschen mit Sicherheit den Blick für das Wesentliche wieder geschärft. Und Mehl als Grundlage der Ernährung hat da klarerweise einen besonderen Stellenwert. Die Leute haben zum Mehl gegriffen, weil man zu Hause wieder bäckt. Wir hatten über den Handel eine unglaubliche Nachfrage und wir haben liefern können. Über unsere drei Mühlen in Österreich versorgen und ernähren wir Tag für Tag 2,5 Millionen Menschen. Das ist eine gewaltige Verantwortung. In der Belastungsprobe haben wir gezeigt, dass die Grundversorgung funktioniert. Das Bewusstsein hat sich extrem verändert, es wird nachgefragt, woher das Mehl kommt und auch die Wertschätzung für unsere Mitarbeiter ist gestiegen. Das zeigt sich in allen unseren Märkten.

Sie mussten den Drei-Schichtbetrieb von fünf Tagen auf sieben Tage erhöhen?

Die Abfragemengen haben sich in sehr kurzer Zeit verdreifacht. Unsere 25 Standorte in Europa haben das jeweils für ihr Land leisten können. Es hat niemals einen Lieferengpass gegeben, obwohl ein enormer Nachfrageanstieg von einem Tag auf den anderen auf uns hereingebrochen ist. Jetzt werden die Lager wieder aufgefüllt. Auch Anfang Mai war noch eine merkbar stärkere private Nachfrage zu spüren, wenn es auch zu keinen Hamsterkäufen mehr gekommen ist.

Wie lange reicht das gelagerte Getreide?

Bei unserer eigenen Bevorratung schaffen wir im Schnitt drei bis fünf Monate. Am Beginn der Krise hat sich die Frage gestellt, wie lange haben wir Getreide, wie lange haben wir Vollversorgung. Es hat gut funktioniert. Wir waren immer auf der sicheren Seite – auch in den vergangenen Jahren. Wir erwarten jetzt im Juli die Ernte 2020. Ein bisschen unruhig macht uns die Dürresituation in manchen Regionen, aber auch das ist kein Anlass zur Sorge. Nachdem wir in Europa die größte Mühlengruppe sind, haben wir die Übersicht und uns entsprechend mit Getreide eingedeckt.

Das Getreide für Ihre drei österreichischen Mühlen kommt woher?

Unser Mehl in Österreich kommt bis zu 95 Prozent aus heimischer Produktion. Das Mühlengeschäft ist ein stark regionales Geschäft. Man deckt sich mit Getreide der Region ein, wo die Mühle steht. Und das Mehl wird in einem Umkreis von nicht weiter als 200 Kilometer vertrieben. Da es ein sehr margenschwaches Geschäft ist, würden bei größeren Entfernungen höhere Transportkosten schlagend werden. Wir haben die Fini‘s-Feinste-Mühle in Schwechat für die östliche Region, die Farina-Mühle in Graz für die südöstliche Region und die Mühle in Rannersdorf für die Bioversorgung der großen Abnehmer. Zu einem Getreideanbaugebiet gehört ein Ballungszentrum als Absatzgebiet. In diesen Gebieten sitzen historisch gesehen die Mühlen dann drinnen.

Wie wichtig sind die Bioprodukte mittlerweile?

Grundsätzlich ist die Qualität das entscheidende Kriterium. Dabei sind auch Bioprodukte sehr wichtig. Unsere Mühle in Rannersdorf beschäftigt sich ausschließlich mit Bioprodukten verschiedenster Art. Es kommt nur Biogetreide rein und es kommen nur Bio-Mehle heraus. Das macht uns stark bei unseren Abnehmern. Die Nachfrage nach Bio hat im Handel stark zugenommen, die Menschen sind hier offenbar bewusster als noch vor Jahrzehnten. Es gibt das konventionelle Produkt, das Markenprodukt und das Bioprodukt. Es ist gut,  dass die Menschen beim Bäcker und im Regal wählen können. Entscheidend ist in jedem Fall die Qualität.

Sie haben den vergangenen Jahren 100 Millionen Euro investiert, darunter 80 Millionen Euro in eine neue Mühle im deutschen Krefeld.

Ich bin seit 2011 in der LLI für den Konzern und die Mühlengruppe verantwortlich. Mein strategisches Ziel war es, das Unternehmen für die Zukunft schlagkräftig zu halten. Dazu haben wir unrentable Standorte aus der Produktion genommen, Miteigentümer herausgekauft und gleichzeitig mit einem neuen jungen Team die zentrale Steuerung für alle Standorte sukzessive in Wien zusammengeführt. Diese Strategie hat auch in der Krise ihren Erfolg gezeigt. Deutschland ist mit Abstand unser größtes Land. Dort steht in Köln eine unsere traditionsreichen Mühlen. Der Standort ist aber von der Stadt zugewachsen worden und war für die Produktion nicht mehr zu halten.

Sie haben dann einen neuen Standort gesucht und in Krefeld am Rhein gefunden.

Die Stadt Krefeld hat uns sehr geholfen und wir bauen seit mehr als einem Jahr eine Mühle mit der Vermahlung von 400.000 Tonnen Getreide pro Jahr. Wir übersiedeln nun einzelne Mühlenlinien aus Köln, obwohl der Ausbau noch läuft. Durch Corona ist die Übersiedlung freilich recht herausfordernd. Aber: Wir sind im Plan, Krefeld wird schon einen großen Teil der neuen Ernte in der Region verarbeiten können. Der Vollbetrieb ist für das zweite Quartal 2021 geplant. Köln wird im nächsten Jahr geschlossen.

Gibt es weitere Expansionspläne?

Wir haben mit GoodMills eine einheitliche Marke für alle unsere Kunden geschaffen. Krefeld ist eine klare Offensivansage für den deutschen Markt. Wir sind auch in der Krise sehr aufmerksam, was diese Krise für den Mitbewerb in der Mühlenbranche in  manchen Ländern bedeuten wird. Obwohl wir derzeit keine konkreten Projekte in Sachen Zukauf oder neue Länder im Fokus haben, beobachten wir die Dinge sehr aufmerksam.

Sie haben auch eine Mühle, die ist auf Reis und Hülsenfrüchte spezialisiert?

Bei der Müllers Mühle in Gelsenkirchen sieht man wie Ernährungstrends auch unser Geschäft prägen. Müllers Mühle war mit ihren Produkten Erbsen, Linsen und Reis in den vergangenen 15, 20 Jahren nicht sehr erfolgreich. Da haben manche überlegt, ob das noch einen Bestand hat. Heute boomt Müllers Mühle, weil der starken Trend in Richtung Ersatz für tierisches Eiweiß gibt. Wir werden mit Couscous und Bulgur auf diese neuen Trends setzen und Investitionen tätigen. Man muss in diesem Geschäft Ausdauer haben und von seinem Produkt überzeugt sein. Wir setzen stark auf Innovation. Das wird sich auch auszahlen.

Während das Mühlengeschäft boomt, läuft es beim Kaffee-Automatengeschäft wegen des Lockdowns nicht so gut.

Wir sehen in der Krise, wie wichtig es ist, breit aufgestellt zu sein. Bei café+co sind wir in einer ganz schwierigen Situation. Die Automaten stehen im öffentlichen Raum, in Universitäten, an Bahnhöfen, auf Flughäfen und in Industriebetrieben – überall eben, wo es sonst hohe Frequenz gibt. Dort haben wir logischerweise massive Umsatzeinbrüche. In den vergangenen zwei, drei Wochen merken wir, dass wieder Bewegung in den öffentlichen Raum und in die Firmen kommt und wir Prozent für Prozent zurückgewinnen. An manchen Standorten fehlen uns 50, 60 Prozent. Klar ist, für café+co wird es ein ganz herausforderndes und schwieriges Jahr. Wir haben Mitarbeiter in Österreich breitflächig in Kurzarbeit schicken müssen und sind extrem davon abhängig, wann in welchem Umfang die Maßnahmen gelockert werden.

Der Konzern

Zur Leipnik-Lundenburger Invest Beteiligungs AG  gehört die Sparte Mehl & Mühle (GoodMills Group) und das Segment Vending (café+co). Zugleich ist LLI an  der Agrana (10,2 %), der Südzucker AG (2,1 %) und an der BayWa  AG (10,2 %) beteiligt


Die LLI AG setzte im Geschäftsjahr 2018/19 mit 3.583 Mitarbeitern rund 1,12 Mrd. Euro um, das EBIT betrug 54,62 Mio. Euro. Der Umsatz der GoodMills Group betrug 881,61 Mio. Euro

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