Wie gut ist Österreich für internationale Krisen gewappnet?
Internationale Vernetzung bringt viele Vorteile mit sich, gleichzeitig bestehen naturgemäß Abhängigkeiten, wenn Lieferketten rund um den Globus reichen. In den vergangenen Jahren haben Handelshemmnisse und Zollstreitigkeiten gezeigt, wie volatil internationale Handelsbeziehungen sein können. Auch die Blockade der Straße von Hormus infolge des Iran-Kriegs zeigt, wie schnell Lieferketten unterbrochen werden können.
Von letzterer Krise ist auch Österreich indirekt betroffen. Die Abhängigkeit von Öl- und Gaslieferungen ist hierzulande geringer als anderswo. Steigende Preise kommen trotzdem an. „Öl und Gas sind die Grundlage für jedes wirtschaftliche Handeln. Damit wirken sich Preissteigerungen auf die Preise von allem aus, was wir täglich brauchen“, sagt Lieferketten-Experte Marco Felsberger dem KURIER.
Zahlreiche Lieferketten stehen wegen des Iran-Kriegs unter Druck
Dass Österreich vor allem durch steigende Energiepreise in Europa von der internationalen Krise betroffen sein wird, ergab auch eine Studie von Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) des Complexity Science Hub (CSH) und der TU Delft. Die Auswirkungen der Hormus-Sperre werden demnach weltweit spürbar sein. „Eine längere Blockade würde nicht nur Energiemärkte treffen, sondern auch zahlreiche globale Lieferketten unter Druck setzen“, sagt Studienautor und ASCII-Direktor Peter Klimek.
„Resilienz ist am besten dann aufgebaut, wenn man sie noch nicht braucht.“
Kurzfristig rechnen die Studienautoren mit Preissteigerungen und Marktvolatilität – aber nicht mit Lieferausfällen und Versorgungsengpässen. Langfristige Blockaden hingegen könnten zu anhaltend hohen Energiepreisen, steigenden Produktionskosten und sinkender Wettbewerbsfähigkeit führen.
Wie sich Staaten vor den Auswirkungen einer Krise schützen können, weiß Felsberger. Entscheidend sei, rechtzeitig zu handeln: „Resilienz ist am besten dann aufgebaut, wenn man sie noch nicht braucht. Ist die Krise einmal da, kann man nicht mehr viel machen.“ Auch vonseiten der Europäischen Union (EU) gibt es vermehrt Bestrebungen, Abhängigkeiten zu verringern. Das betrifft vor allem kritische Rohstoffe und Halbleiter. Aktuell sind die EU-Staaten strategisch stark von China abhängig. Laut den Zahlen der Europäischen Kommission lag der Anteil an relevanten Produkten im Jahr 2023 bei 58 Prozent.
Die Europäische Union will ihre Wirtschaftsbeziehungen breiter aufstellen. Nach Abschluss des umstrittenen Mercosur-Handelsabkommens mit den großen Märkten Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay im Jänner folgte bald der Deal mit Indien. Letzterer soll ein Viertel der globalen Wirtschaftsleistung abdecken. Zuletzt schloss die EU am Dienstag nach acht Jahren der Verhandlungen das Abkommen mit Australien ab und stellte zudem eine neue Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft vor. Durch die Deals sollen Zölle und Handelshemmnisse abgebaut und die Wirtschaft der unterzeichneten Staaten angekurbelt werden. Dass gerade jetzt gleich mehrere Abkommen ihren Abschluss fanden, ist kein Zufall. Denn die EU will durch die Deals ihre Abhängigkeit von einzelnen Playern mindern. Wie risikoreich solche sein können, zeigte sich in den vergangenen Jahren, etwa durch die protektionistische Zollpolitik von US-Präsident Donald Trump.
Österreich kann von den neuen Absatzmärkten profitieren. Immerhin entfällt hierzulande mehr als die Hälfte der Wirtschaftsleistung auf Exporte. Dabei kommt der Ausfuhr von Investitionsgütern eine hohe Bedeutung zu. Gemeinsam mit der Maschinenbauindustrie zählt der Fahrzeugbau inklusive Kfz-Teilen zu jenen mit dem höchsten Exportvolumen. Weitere Top-Produktgruppen sind etwa chemische Erzeugnisse, Eisen und Stahl, Nahrungsmittel und Getränke.
Österreich importiert vor allem Energie, Brennstoffe und Fertigwaren
Auch Österreichs Handel wies 2024 laut Statistik Austria das größte Handelsbilanzdefizit im Verhältnis zu China auf (minus 10,16 Milliarden Euro). Mehr importiert als exportiert wurden neben Energie und Brennstoffen auch verschiedene Fertigwaren. China nennt Felsberger auch als Vorbild für eine gute Krisenprävention. Das asiatische Land habe „große Ölreserven und einen breit-aufgestellten Energiemix, der es auch erlaubt, auf andere Energiequellen umzustellen, wenn es knapp wird.“
Neben Staaten sollten auch Unternehmen ihre Abhängigkeiten aufspüren, um sich gezielt Sicherheitsbestände sichern zu können. „Wenn ich weiß, von welchen Produkten ich abhängig bin, kann ich mich besser auf eine Versorgungskrise vorbereiten.“ Dabei gehe es um eine Vorsorge mit Augenmaß, betont Felsberger. „Hamstern ist nicht der richtige Weg.“ Auch dass sich Unternehmer gezielt für Handelspartner aus politisch stabilen Staaten entscheiden, wird im Hinblick auf internationale Unsicherheiten relevanter. Genauso auch eine möglichst regionale Produktion, um Störungen in der Lieferkette von vornherein zu vermeiden.
Marco Felsberger
berät für die Firma Prewave Unternehmen zu Lieferketten und Resilienz. Er engagiert sich im Branchenverband TAPA als Ambassador für Österreich. Seit 2021 unterrichtet er an der FH Campus Wien.
Peter Klimek
ist Physiker und Komplexitätsforscher. Bekannt wurde er durch seine Covid-19-Analysen in Österreich. Seit März 2023 ist er der Leiter eines neuen Forschungsinstituts für Lieferketten, dem Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII).
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