Besser gemeinsam: Warum Wohnen unter einem Dach vor Isolation schützt

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Wenn Wohnen zur Last wird, wird Teilen zur Lösung. Angesichts steigender Preise und zunehmender Vereinsamung entstehen in Österreich neue Wohn-Modelle.

Am Rand von Schönau in Niederösterreich ist ein Ort entstanden, der sich schwer in gängige Begriffe rund ums Wohnen fassen lässt: „Wohnstrudel“ heißt er. Hier leben Menschen, die beschlossen haben, vieles gemeinsam zu gestalten – Renovieren, Kochen und Kinderbetreuung bis Gartenarbeit und Handwerk. Und doch bleibt reichlich Privatsphäre, Raum für Rückzug und individuelle Lebensentwürfe. Verbunden sind sie durch den Wunsch nach einem Alltag, der Nähe schafft statt Isolation. Von außen wirkt das Kastell-Projekt unspektakulär – kein Öko-Kollektiv mit Ideologie, keine PR-blitzende Zukunftsvision. Es ist ein Versuch, Wohnen neu zu denken – aus dem Leben heraus, mit realen Fragen: Wie viel Platz brauche ich wirklich? Warum hat jeder eine Waschmaschine? Wer passt auf die Kinder auf, wenn ich arbeiten muss?

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Der Vierkanthof „Mayr in der Wim“ wurde vom Architekten Fritz Matzinger, der bereits etliche Gemeinschaftswohnprojekte in Österreich realisiert hat, revitalisiert.

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Markant: das große, helle Atrium mit Schwimmkanal und üppigen Bananenpflanzen – geerntet wird regelmäßig.

Menschen schließen sich zusammen

In Österreich stößt das klassische Wohnmodell vielfach an seine Grenzen. Vor allem die Wohnkosten haben sich in den vergangenen Jahren drastisch erhöht. Laut Statistik Austria sind Mieten seit 2013 um rund 40 Prozent gestiegen, Eigentum im selben Zeitraum sogar um über 60 Prozent. Hinzu kommt, dass unser Land fast schon 1,6 Millionen Singlehaushalte zählt – Tendenz steigend. Kein Wunder also, dass viele nach neuen Formen des Wohnens und Zusammenlebens suchen.

Manche nennen es Housesharing, andere Co-Housing oder einfach Wohngemeinschaft. Gemeint ist stets: Menschen schließen sich zusammen, um Kosten, Verantwortung und manchmal auch den Alltag zu teilen – ohne gleich eine Kommune zu gründen. Es sind Modelle jenseits der Kernfamilie, die pragmatische Antworten auf aktuelle Herausforderungen geben: Wohnraummangel, soziale Nöte, ökologische Fragen. 
Manchmal entstehen sie ganz informell – etwa wenn eine alleinstehende Hausbesitzerin im Erdgeschoß eine kleine Wohnung einbaut und an ein junges Paar vermietet. Oder wenn ein Einfamilienhaus in Miteigentum aufgeteilt wird. Solche Mini-Gemeinschaften bilden sich leise, ohne großen Plan, mit viel Wirkung: Sie nutzen bestehende Strukturen effizienter und schaffen sozialen Mehrwert.

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Das Kastell liegt auf 1,2 Hektar Grund mit Garten und Wald. Es gibt einen großen Seminarraum und Co-Working Space.

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Andere Projekte sind von Anfang an größer gedacht – wie „Genawo“ in Garsten in Oberösterreich. Dort hat Architekt Fritz Matzinger ein altes Anwesen in ein gemeinschaftlich genutztes, ressourcenschonendes Wohnprojekt verwandelt. So entstand mehr als ein Wohnort: Es ist ein verhandelter Raum zwischen Individualität und Gemeinschaft.

Bedürfnis nach Nachhaltigkeit

Reduzierter, aber nicht minder attraktiv, ist das Projekt „Badgers & Foxes“ in Kärnten. Veronika und Matthias haben ein altes Haus in den Bergen renoviert und öffnen es für Menschen, die temporär mit ihnen wohnen wollen – mit klarem Fokus auf Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und Selbstverantwortung. Manche Wohnbereiche werden geteilt, andere sind privat. Der Alltag gestaltet sich flexibel, es gibt keine starren Regeln, aber eine klare Haltung: Wer hier wohnt, beteiligt sich – am Leben, am Haus, an den Entscheidungen.

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Housesharing in Traum-Berglage: Matthias und Veronika suchen Gleichgesinnte.

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Was diese Modelle verbindet, ist nicht Stil oder Ideologie, sondern das Bedürfnis nach Gemeinschaft, Ressourcenschonung, nach einem Wohnen, das im fortgeschrittenen Alter nicht in die Vereinsamung führt. Dabei geht es nicht darum, alles zu teilen – sondern sinnvoll zu entscheiden, was geteilt werden kann. 
Die Vorteile: Jeder spart Geld – bei Miete, Heizung, Strom, Anschaffungen. Man teilt Räume, die sonst leer stünden, hilft sich im Alltag. Und oft entstehen nebenher neue Formen der Nachbarschaft, des Vertrauens, der Zugehörigkeit. Natürlich funktioniert nicht jedes Projekt reibungslos. Es gibt Konflikte, Abstimmungserfordernisse, Zeitaufwand. Aber genau darin zeigt sich die Qualität solcher sozialen Wohngefüge.

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