Die vergessene Pionierin: Ella Briggs und der Pestalozzi-Hof in Wien
Ella Briggs, 1880 geboren als Elsa Baumfeld, war eine Pionierin der Architektur. Die Wienerin war die erste Frau, die in die Zentralvereinigung der Architekten Österreichs aufgenommen wurde – damals ein echtes Novum. Neben der deutlich bekannteren Margarete Schütte-Lihotzky plante auch Briggs Gemeindebauten.
Einer davon ist der Pestalozzi-Hof in Wien-Döbling, der 1925 bis 1926 errichtet wurde und 122 Wohnungen umfasst. Charakteristisch ist neben den gestaffelten, kubischen Baumassen der vier- bis fünf-geschoßigen Anlage die markante Eckfront zur Billrothstraße, wobei die schlichte Fassade des Pestalozzi-Hofes zusätzlich durch farbigen Putz, Loggien und dreieckige Erker gegliedert wurde.
Ella Briggs
An Wohnbedürfnisse angepasst
Briggs entwarf und gestaltete nicht nur Häuser und Inneneinrichtung, sie veröffentlichte auch regelmäßig ihre Standpunkte dazu. Dabei ging es etwa darum, wie man Häuser und Interieurs angepasst an die Bedürfnissen der Bewohner gestaltet.
Sie integrierte für ihre Planungen zum Beispiel schon früh Bad und WC in den Wohnungsverbund. Briggs hatte das, so wie Adolf Loos, in den USA gesehen und – lange vor vielen anderen – als künftigen Grundstandard des Wohnens erkannt.
Die Planerin machte außerdem im Rahmen einer großen Hygieneausstellung in Wien 1925 mit einem Vortrag über die „Taylorisierung“ des Haushalts – also einer Neuorganisation durch mehr Zweckmäßigkeit und Einsatz von Haushaltsgeräten wie einer Waschmaschine – auf sich aufmerksam.
Das war wohl mit entscheidend, dass sie schließlich von der Wohnbauabteilung der Stadt Wien den Auftrag für die Planung des Pestalozzi-Hofs im 19. Bezirk erhielt. In der Nachbarschaft plante sie auch ein Ledigenheim.
Ella Briggs Wirken war allerdings nicht auf Wien beschränkt, sie war als Architektin auch in Berlin, London und New York tätig. In New York war sie unter anderem an der Innengestaltung des German Theatre beteiligt, das damals von ihrem Bruder Moritz geleitet wurde.
Für die damalige Zeit eine Besonderheit: Briggs besuchte zunächst eine Kunstschule und studierte später Architektur. Sie lebte in Wien, Berlin und New York, sowie nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bis zu ihrem Tod dauerhaft in Großbritannien, wo sie auch die Staatsbürgerschaft erlangte.
Buchtipp
„Finding Ella Briggs.The Life and Work of an Unconventional Architect“ von Despina Stratigakos und Elana Shapira, University Presses, € 43,99.
Kommentare