„Niemand investiert in Möbel“: Alice Wittmanns Plan gegen die Flaute

Alice Wittmann übernimmt die traditionellen Möbelwerkstätten ihrer Familie. Wie sie – trotz Möbel- und Kaufkrise – mit Qualität und Handwerk punkten will.
Alice Wittmann im Sessel von Josef Hoffmann

Generationswechsel bei Wittmann Möbelwerkstätten: Alice Wittmann, Ururenkelin des Firmengründers, tritt als Geschäftsführerin an die Spitze des österreichischen Traditionsunternehmens. IMMO hat die neue Chefin im Flagship Store am Wiener Karlsplatz getroffen.

IMMO: Warum ist das Familienunternehmen nun wieder unter der Führung der Eigentümer?
Alice Wittmann: Das Unternehmen besteht seit 130 Jahren, die Führung lag die längste Zeit in Familienhand. Mein Großvater hat den Betrieb von der Sattlerei zur Polstermöbelfabrik umgewandelt. Mein Vater hat sich 2013 zurückgezogen. Zu diesem Zeitpunkt war ich 26 Jahre alt, habe in Berlin gelebt und mich noch nicht bereit gefühlt, zu übernehmen. Daher gab es für einige Jahre unterschiedliche Geschäftsführer.

Wie ging es weiter?
Als ich 2019 ins Unternehmen eingetreten bin, habe ich beobachtet, dass ein Externer immer anders führt als ein Familienmitglied. Ein Traditionsunternehmen wie Wittmann gehört aber in die Hand der Familie. Man führt mit mehr Herz, mehr Persönlichkeit. Das ist in den vergangenen Jahren abhandengekommen. Laufend haben sich Strategien geändert. Jetzt ist aber nicht die Zeit für wechselnde Strategien. Die Möbelbranche hat es aktuell nicht so einfach, das ist kein Geheimnis.

Wittmannn Flagship-Store am Wiener Karlsplatz

Im Flagship-Store am Wiener Karlsplatz ist fast die gesamte Kollektion ausgestellt.

Was sind Ihre nächsten Ziele?
Es gibt einiges aufzuholen. Das betrifft vor allem den digitalen Bereich – von der Website bis Social Media. Wir müssen mehr Storytelling machen, um die nächste Generation zu erreichen. Der traditionelle Wittmann-Kunde in Österreich ist 50plus. Ich möchte das Partnerschaftliche stärken, mehr zu unseren Händlern hinausgehen. Das ist auf der Strecke geblieben. In einer Zeit, wo vieles so unpersönlich wird, haben wir als kleines Familienunternehmen den Vorteil, den persönlichen Kontakt pflegen zu können. Die Möbelbranche ist ein People-Business: Es geht um die Menschen, den persönlichen Kontakt. Wir wollen aber auch die Zusammenarbeit mit Architekten und Interiordesignern stärken.

Jährlich verlassen das Werk in Etsdorf am Kamp in Niederösterreich rund 15.000 Stück Qualitätsmöbel. Wofür steht die Marke?
Für Handwerk, nicht als nostalgische Geste, sondern als Qualitätsversprechen. Für hohen Komfort, für präzise Verarbeitung und für eine zeitlose Formensprache.

Alice Wittmann im Gespräch mit Vanessa Haidvogl

Alice Wittmann im Gespräch mit IMMO-Redakteurin Vanessa Haidvogl.

Bekannt ist Wittmann für die Zusammenarbeit mit Designern.
Wir haben viele Designpartner, die uns schon lange begleiten wie etwa Sebastian Herkner. Er weiß, wie man ein Design gestalten muss, damit wir es bestmöglich umsetzen können. Wir bekommen fast täglich Anfragen von Designern, die sich vorstellen wollen, die auch schon Ideen mitschicken. Wir sind in der glücklichen Lage, dass die Marke große Bekanntheit hat und dementsprechend viel Interesse da ist. Natürlich ist auch Josef Hoffmann ein internationaler Magnet für junge Designer.

Wie kam Wittmann zu den Rechten an Josef Hoffmanns Entwürfen?
Mein Großvater hatte ganz früh das Verständnis für Design und hat Ende der 1950-Jahre begonnen, mit Designern und Architekten zu arbeiten. „Constanze“ war das erste Modell, das in Kooperation mit dem Architekten Johannes Spalt entstanden ist. Über ihn kamen wir in Kontakt mit Karla Hoffmann, der Witwe des bekannten Architekten und Designers Josef Hoffmann. Sie war nach seinem Tod auf der Suche nach einem österreichischen Unternehmen, das die Entwürfe weiterführt. Wir sind seitdem allein autorisiert, Hoffmann Entwürfe nach den Originalen zu reproduzieren.

Kolinas Sofa von Jaime Hayon

Modell aus 2025: Das Kolinas Sofa wurde von Jaime Hayon designt.

Wie wohnen wir in Zukunft?
Ich sehe Trends, die uns in die Hände spielen wie Quiet Luxury, was für zeitlose Eleganz steht. Wohnen wird nicht an Wichtigkeit verlieren. Aber momentan investiert niemand in Möbel. Das Konsumverhalten ist zurückhaltend. Das spüren alle Möbelmarken und auch der Handel.

Wittmann Möbel werden in mehr als 50 Ländern angeboten. Der Exportanteil beträgt 70 Prozent.
Wir möchten auf jeden Fall international weiter wachsen. Nach dem DACH-Raum sind die USA und Kanada der zweitwichtigste Markt für uns und hier gibt es noch viel Potenzial für den Ausbau. Auch in den Benelux-Staaten wollen wir uns noch stärker aufstellen. Japan möchte ich wieder aufbauen.

Fledermaus-Sessel und Satztische von Josef Hoffmann

Design-Klassiker: Fledermaus-Sessel und Jugendstil Satztische von Josef Hoffmann.

Wittmann hat fixe Serien, entwickelt aber auch neue Modelle. Was kommt 2026 auf den Markt?
Wir heben uns die Neuheiten für unser 130-Jahr-Jubiläum im September auf. Es wird eine kleine, fein kuratierte Auswahl mit Rückbesinnung auf unsere Kernkompetenz, das Polstermöbel, sein. Mit verschiedenen Designern. Und sie werden in Wien präsentiert!

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