Wirtschaft
20.02.2018

ICOs: Chancenreiches Bullshit-Bingo im Blockchain-Goldrausch

Bei einer Konferenz über Kryptowährungen in Wien stand die Finanzierung von neuen Blockchain-Unternehmen im Mittelpunkt. Die hitzige Branche entwickelt sich rasant, Österreich liegt nicht im Spitzenfeld.

Man könnte meinen, die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young hätten das offizielle Bullshit-Bingo für die Blockchain-Welt entwickelt:

"Unsere Plattform wird die Welt zu einem besseren, verblockchainten Ort machen, mit einer dezentralisierten, weltweiten Kryptowährung der nächsten Generation ohne korrumpierte, zentrale Autorität."

Dieses ausgedachte Statement vermengt einige der häufigsten Buzzwords, die man auf Websites und in Dokumenten neuer Kryptowährungen findet. Das zeigte die Untersuchung von 372 Initial Coin Offerings (ICO) durch E&Y. Dessen Tech-Investmentexperte Mikhail Tregubenko präsentierte die Ergebnisse kürzlich auf der Cryptocurrency Conference Vienna. Etwa 70 Interessierte versammelten sich in einem Keller in der Wiener Innenstadt, Das Thema ICO stand im Mittelpunkt.

Initial Coin Offerings sind eine Finanzierungsform für Blockchain-Unternehmen. Diese bieten die Währung ihrer Blockchain (sogenannte Tokens oder Coins) zum Verkauf an. Es gibt dabei unterschiedliche Konzepte, aber meist können diese als "Utility Tokens" auf Tauschbörsen gehandelt, oder später zum Handel auf der Blockchain selbst und für den Kauf von Leistungen des Unternehmens genutzt werden. Meist werden ICOs weit vor dem Start des Produkts abgehalten, noch während seiner anfänglichen Entwicklung.

Rechtlich nicht kompliziert

"Das ist keine Raketenwissenschaft", sagt Christoph Strasser über die rechtlichen Grundlagen der Kryptowelt, in denen er wenig Neues sieht. Solche "Utility Tokens" verstehe man etwa am besten als Coupons, erklärt der Gründer der Wiener Kanzlei "42law". Strasser lässt Kritik an den meisten ICOs und ihrer Coupon-Praxis durchblicken. Für ihn wären "Equity Tokens" (wo Firmenanteile statt Leistungen vorerkauft werden) die "professionellste und ehrlichste Form ein ICO zu machen". "Wahrscheinlich sind sie deshalb so rar", sagt er.

Tregubenko wiederum kritisiert, dass eine große Zahl der Unternehmen, die Coins ausgeben, in ihrer Vision kaum klar machen können, wozu ihr Projekt überhaupt eine Blockchain benötigt. Viele springen offenbar einfach auf einen Hype auf.

"FOMO"

Erfolgreiche ICOs bedeuten schnelles Geld ohne die höheren rechtlichen Schranken anderer Finanzierungsmodelle. Und schnell ist dabei keine Übertreibung. Der "Basic Attention Token" von Brave, der die Werbefinanzierung im Web durch eine Blockchain-Lösung verbessern soll, sammelte als bisher erfolgreichstes Projekt etwa 35 Millionen Dollar innerhalb der atemberaubenden ersten 30 Sekunden seines Fundraisings.

Hinter solchen Meldungen können durchaus durchdachte Geschäftsideen stecken. Investoren werden aber aufgrund des beschriebenen Tempos oft nicht durch eine gebotene, genaue Evaluierung von Projekten, ihrer Vision und Technologie angespornt.

Tregubenko sieht oft viel eher "FOMO" als Antrieb. FOMO ist ein geflügeltes Wort unter Kryptohändlern. Es steht für "Fear Of Missing Out" - die Angst, eine Möglichkeit zu verpassen. Dabei sollte man als ernsthafter Investor genau dieses Denken so gut es geht vermeiden und genau hinsehen, rät Tregubenko. Dieses Denken ist Bestandteil vieler Blasen.

ICOs werden schwieriger

Trotz Hype und FOMO wird es aber anscheinend schwieriger, das Geld beim ICO zum Sprudeln zu bringen. Der hohe Preise bereits "etablierter" Kryptowährungen hat im Verlauf des vergangenen Jahres Kapital in deren Richtung abfließen lassen und das Wachstum des ICO-Marktes (der Ende 2017 etwa vier Milliarden Dollar schwer war) gebremst. Zudem gibt es einen erhöhten Konkurrenzkampf um die Investoren, weshalb nicht mehr so viele Unternehmen ihre Ziele erreichen. Waren es im Juni 2017 noch 93 Prozent, reduzierte sich der Anteil bis November auf 23 Prozent.

Ein Marktstart lässt sich nicht aus dem Nichts produzieren. 200-400.000 Dollar braucht man mittlerweile, um Marketing, rechtliche Fragen und Community Management erfolgreich und professionell vorzubereiten, schätzt Tregubenko. Zwei bei der Konferenz anwesende Unternehmer, die jeweils selbst ein ICO durchführen, bestätigten diese Zahl. Die Kostenentwicklung sei zudem schwer abschätzbar. Als Facebook kürzlich die Werbung für ICOs verbot, erhöhten sich die Marketingkosten plötzlich merkbar. Auch zugekaufte Expertise sei im überhitzten Markt ziemlich teuer.

Ethereum zeitweise lahmgelegt

Ein anderer variabler Aspekt sind die Kosten für die Blockchain-Nutzung. Die meisten ICOs setzen auf der bekannten Ethereum-Blockchain auf. Da aber jede Verwendung der Technologie diese auch langsamer und Transaktionen teurer macht, ist ihre Popularität gleichzeitig ein Problem.

Ein Service namens "CryptoKitties", bei dem Menschen digitale Kätzchen ähnlich wie Tamagotchis züchten und darüber hinaus handeln konnten, habe die Ethereum-Kette etwa vor einingen Wochen so verlangsamt, dass ganze ICO-Starts verzögert wurden. Der boomende Service - das teuersten Kätzchen kostet umgerechnet derzeit fast 200.000 Euro - band einfach zu viele Ressourcen der Infratstruktur an sich. Zwar entwickeln sich Blockchains nach solchen Erfahrungen weiter, Tregubenko und E&Y erwarten sich aufgrund dieser Belastungsphasen jedoch eine Diversifizierung der Infrastruktur.

Für Investoren sind ICOs - wie im Prinzip der gesamte Kryptomarkt - riskant. Fast zehn Prozent der Investitionen gehen verloren, weil sie Hackerattacken zum Opfer fallen, sagte Tregubenko. Auch die Daten, die sie im Tausch für die Tokens zur Verfügung stellen, seien häufig in Gefahr. Auf eine Zahl, wie viele ICOs überhaupt in betrügerischer Absicht gestartet werden, wollte er sich gegenüber dem KURIER nicht festlegen. Etwa 20 Prozent hätten ein nachvollziehbares Geschäftsmodell, erklärte er auf eine Frage aus dem Publikum der Cryptocurrency Conference.

Verschlafenes Österreich

Es gibt und gab auch bereits Initial Coin Offerings aus Österreich. Im E&Y-Nationenranking fehlt das Land aber. Es wäre nach Tregubenkos Recherchen aber eher weiter unten anzusiedeln. Ganz im Gegenteil etwa zur Schweiz, die auf Rang 10 liegt. Der Ort Zug sei eine Art Silicon Valley für ICOs.

Optimale Rahmenbedingungen für solche Unternehmungen sähen ähnlich wie bei Startups im Allgemeinena us, erklärte Tregubenko gegenüber dem KURIER. Nötig seien dafür etwa Inkubatoren und Accelerator-Programme. Besonders gut scheint das in den USA, Russland, China, Hongkong, Singapur, Israel und auch Deutschland zu funktionieren, die die Rangliste anführen.

Es lohne sich auch, auf die jeweiligen natürlichen und industriellen Stärken eines Landes zu achten. Angetan zeigte er sich etwa von einem österreichischen Krypto-Startup, das Krypto-Miningfarmen an bestehende Wasserkraftwerke angeschlossen betreibt. Dieses Business ist normalerweise viel lukrativer in Ländern mit kühlem Klima und billigem Strom. Österreichs Kryptowelt, urteilt Tregubenko, "hat das Potential zu

Haben Sie schon an einem ICO teilgenommen? Diskutieren Sie doch mit uns Ihre Erfahrungen in den Kommentaren.

Mini-Kraftwerke profitieren vom Bitcoin-Boom

Alles fließt: Die Bitcoin-Mania hat nicht nur risikoaffine Anleger erfasst. Auch die Betreiber von Kleinwasserkraftwerken, die wegen des tiefen Strompreises kaum Geld verdienen, reiben sich die Hände. Der Grund sind lukrative Untermieter: Miningfarmen, die Bitcoin und Co. schürfen.

50 bis 100 solche Rechenzentren dürften es inzwischen sein, schätzt der Verband der Kleinwasserkraft-Betreiber. "Ich erhalte jede Woche eine Anfrage", sagt Geschäftsführer Paul Ablinger. Die Farmen zahlten fast den doppelten Marktpreis.

Dazu muss man wissen: Kryptowährungen fressen viel Strom. Jede Überweisung von Bitcoins und Co. muss mit komplexen Computer-Berechnungen bestätigt werden. Weil als Belohnung neue Coins winken, rittern weltweit Miningfarmen darum, wer mehr Rechenpower für das Schürfen virtueller Währungen einsetzen kann.

Lärm und heiße Luft

So wie Nadine Damblon. Noch vor zwei Jahren hat die junge Unternehmerin mit ihrer Schwester zu Hause am Computer Bitcoins geschürft. Doch wenn rund um die Uhr die Rechner surren, produziert das viel Lärm und heiße Luft. Und irgendwann beginnen die Stromleitungen zu glühen. So entstand die Idee, sich an der Quelle einzumieten. Dadurch zahle man nur 4 bis 6 Cent pro Kilowattstunde, sagt Damblon. Zum Vergleich: Ein Privathaushalt muss inklusive Netzgebühr und Abgaben mit 25 Cent rechnen.

Hydrominer hat sein erstes Rechenzentrum in ein Kleinwasserkraftwerk bei Waidhofen/Ybbs verfrachtet, das zweite entsteht bei Schönberg am Kamp. Das geht ins Geld: Ein Container, vollgepackt mit aufs Mining spezialisierten Grafikkarten, kostet an die 250.000 Dollar.

Weil der Bitcoin-Hype aktuell aber kein Halten kennt, wird jungen Kryptofirmen das Geld förmlich nachgeschmissen. Gleich im ersten Anlauf konnte Hydrominer bei Anlegern 8600 "Ether" ( Ethereum ist eine ähnliche Währung wie Bitcoin) einsammeln. Die waren im November 3,5 Mio. Dollar wert; aktuell wären es dank des Kurssprunges bereits 9,8 Mio. Dollar.

Wohin mit so viel Geld? Das sei "schon alles investiert. Die Hardware ist extrem teuer", sagt Damblon. Die Hydrominer-Investoren mussten sich bisher freilich in Geduld üben: Für sie geht das Schürfen erst im Februar los.

Hydrominer denkt unterdessen schon weiter: Eine zweite Finanzierungsrunde soll einen "zweistelligen Millionenbetrag" einspielen. Nicht schlecht für ein Team von zehn Mitarbeitern und ebenso vielen Beratern, das nicht einmal eine eigene Büroadresse hat. "Brauchen wir auch nicht", sagt Damblon. Als Anschrift reiche ein Coworking-Café in Wien aus. Die Ambitionen kennen dafür kaum ein Limit: Hydrominer schwebt sogar ein Börsegang in London, im Segment für alternative Investments (AIM), vor.

Keine Aufsicht

Auch die Konkurrenz scharrt schon in den Startlöchern: So will das in Malta registrierte Unternehmen Rocket Chain ein Wasserkraftwerk bei Ybbs zum Schürfen nutzen. Derzeit wirbt das Team, an dem Österreicher federführend beteiligt sind, intensiv um Geldgeber. Neben der Miningfarm will Rocket Chain nämlich auch gleich eine Kryptobank samt Kreditkarte und eine Investmentberatung gründen. Die nötige Konzession soll die tschechische Nationalbank liefern.

So richtig abgehoben hat die Bitcoin-Goldgräberei im Oktober. Seither wurden rund 20 Krypto-Start-ups mit Plänen für Finanzierungsrunden bei der Finanzmarktaufsicht (FMA) vorstellig. Diese schaut sich auf Wunsch an, ob die Geschäftsmodelle der Aufsicht unterliegen oder konzessionspflichtig sind. Im Regelfall sind sie das nicht: Bitcoin und Co. gelten in Österreich weder als Finanzinstrument noch als Zahlungsmittel. Dennoch warnt die FMA vor Risiken bis zum Totalverlust.

Nachzahlungen drohen

Auch die Stromnetzbetreiber betrachten die Krypto-Geschäfte mit Argusaugen: Die Miningfarmen ersparen sich nämlich die Netzgebühren, wenn sie direkt am Kraftwerk hängen. Für die Notstromversorgung sind aber die Netzfirmen zuständig. Sollte diesen der Krypto-Betrieb nicht gemeldet worden sein, droht eine saftige Nachzahlung.