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Wirtschaft
01/17/2019

Größte globale Risiken: Der Streit über gestohlene Wolken

Studie des Forums in Davos: Bei den größten Gefahren rücken Umweltthemen an die Spitze.

von Hermann Sileitsch-Parzer

An Dramatik mangelte es den Worten von Alison Martin beileibe nicht: „Die Welt schlafwandelt in eine Katastrophe“, warnte die Risikomanagerin der Zurich Versicherung am Mittwoch düster. Wetterextreme, Versagen beim Klimaschutz, Naturkatastrophen: Erstmals stehen drei Ökothemen auf der Liste der globalen Risiken ganz oben.

Das ergab eine Studie (Global Risks Report 2019, PDF, 114 Seiten), die alljährlich als eine Art Leitfaden für das Weltwirtschaftsforum im Schweizer Davos (WEF, von 22. bis 25. Jänner) gedacht ist. Dazu wurden rund 1000 Entscheidungsträger befragt, wo sie die drängendsten Herausforderungen sehen. Die Umfrage spiegelt somit wider, welche Bedrohungslagen im Bewusstsein gerade obenauf sind.

Das war etwa im Jahr 2009 eindeutig die Finanzkrise, aktuell sind wirtschaftliche Risiken eher in den Hintergrund gerückt (siehe Grafik). Wobei: Die Erhebung wurde noch vor den jüngsten Börse- und Konjunkturturbulenzen abgeschlossen.

Natur in Bedrängnis

Die Ökosorgen verstärken sich wechselseitig. So sei seit 1970 der Artenreichtum um 60 Prozent zurückgegangen. Dieser Verlust beschleunige sich sogar noch, warnt der Bericht.

Da darf sich etwa Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, der die Abholzung des Regenwaldes fördert (und erstmals in Davos erwartet wird), angesprochen fühlen. Oder US-Präsident Trump (der abgesagt hat). Die geringere Biodiversität beschleunige den Klimawandel, verschlechtere die Ernährungslage sowie Gesundheit und fördere regionale Krisen.

Gegen- statt miteinander

„In vielen Ländern nimmt die Polarisierung zu“, sagte WEF-Präsident Borge Brende. Zwar habe die Globalisierung die Armut massiv reduziert. Zugleich werde aber der soziale Zusammenhalt brüchig: „Wir brauchen eine neue Form der Globalisierung als Antwort auf diese Unsicherheit.“

Weniger Menschlichkeit

Schätzungen zufolge leiden 700 Millionen Menschen an psychischen Problemen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellte eine Zunahme von Depressionen und Angststörungen von 1990 bis 2013 um 54 bzw. 42 Prozent fest. „Viele Menschen empfinden zunehmend Wut, Angst oder Einsamkeit“, sagte WEF-Autor Aengus Collins.

Die Wut nehme zu, Mitgefühl scheint generell im Schwinden begriffen. Der rasche Wandel in der Gesellschaft, Technologie und Arbeitswelt überfordere viele Menschen. Und das Gefühl des Kontrollverlustes bei steigender Ungewissheit bereitet psychischen Stress.

Kehrseite der Technologie

Datendiebstahl und Cyber-Attacken schafften es in die Top Fünf der Risikenliste. Zwei Drittel der Befragten erwarten zudem, dass wir 2019 noch öfter über „Fake news“ und Identitätsdiebstahl lesen. Auch der Missbrauch von Künstlicher Intelligenz und Verlust an Privatsphäre bereitet Sorgen.

Weitere Schockszenarien

Als wäre all das nicht schlimm genug, entwickelt das WEF eigene Szenarien („plausible Fiktion“). So könnten Terroristen die Technologie der Gen-Schere für noch tödlichere Viren missbrauchen.

Oder es droht eine Art „Wolkendiebstahl“: Wetterbeeinflussung, etwa durch das „Impfen“ von Wolken, um Regen einzuleiten, wäre mittlerweile großflächig möglich. „Im Grenzgebiet könnte das als feindseliger Akt gewertet werden“, warnte Alison Martin. Frei nach dem Motto „Besser die Ernte im Nachbarland verdörrt als unsere“.

Fazit: Der Risikobericht sieht überall nur die Gefahren, nicht aber das positive Potenzial. So wird jedoch unser Blick auf die Welt verzerrt, pflegte der Statistiker Hans Rosling zu warnen: „Wenn unsere Gedanken voller Angst sind, haben Fakten keinen Platz mehr darin.“ Das WEF trägt selbst zu der Angstmache bei, die sie andernorts (zu Recht) als populistisches Mittel kritisiert.

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