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Wirtschaft

Giftige Debatte, gesunde Nahrung

Vom Feld auf den Teller.Macht Brüssel die Lebensmittel sicherer – oder gar unsicherer?

von Hermann Sileitsch-Parzer

04/25/2018, 06:00 AM

Ungefähr eine Stunde lang hat der „Bürgerdialog“ im Wiener Haus der EU schon über Pestizide und sichere Lebensmittel debattiert. Da hält es Vytenis Andriukaitis einmal mehr nicht im Fauteuil. Der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit beschließt, sein Dilemma beim Namen zu nennen. „Sie wollen von mir, dass ich Neonicotinoide für den Anbau von Zuckerrüben zulasse.“ Der Fingerzeig gilt Landwirtschaftskammer-Präsident Hermann Schultes. „Und Sie nennen mich Mr. Monsanto und wollen, dass ich Glyphosat verbiete.“ Damit nimmt er eine Grün-Aktivistin ins Gebet. „Was soll ich tun?“ Die Frage des Litauers an die rund 200 Anwesenden ist rhetorisch, denn der gelernte Mediziner gibt die Antwort selbst. Die „wissenschaftliche Evidenz“ sei für ihn die Entscheidungsbasis.

Und da sei die EU-Lebensmittelaufsicht EFSA eben zum Schluss gekommen, dass das Pestizid Glyphosat „wahrscheinlich nicht krebserregend“ ist, während Neonicotinoide „extrem gefährlich“ für Bienen seien. Fazit: „Ihnen gefällt die eine Entscheidung nicht, ihnen die andere. Willkommen in der Realität!“ Andriukaitis will das Budget der EFSA um 62,5 Millionen Euro pro Jahr erhöhen. Alle Studien zu Lebensmitteln – auch die der Industrie unangenehmen – soll die EFSA künftig dokumentieren und veröffentlichen.

Kärnten freilich wollte ein Glyphosat-Verbot umsetzen und handelte sich prompt einen bösen Brief aus Brüssel ein. Der Kommissar spielt den Ball an Klagenfurt zurück. Ein regionales Pestizid-Verbot sei möglich, es müsse aber „ordentlich begründet“ werden: „Wir sind gerne bereit, Kärnten da zu beraten.“

BSE und die Folgen

So manchen Strauß hatte auch Landwirtschaftsvertreter Schultes mit der Kommission auszufechten. Er vermisst bisweilen die geforderten Beweise für die Schädlichkeit. So ist es seit der BSE-Rinderwahn-Krise verboten, Schlachtabfälle als Tiernahrung zu verfüttern. Diese würden verbrannt oder exportiert – also im Ausland verfüttert, womit sie als Fleisch in die EU zurückkämen.

Weitere „Reibungspunkte“ gibt es, weil Österreich die rot-weiß-rote Herkunft stärker betont wissen will. „Natürlich“ sei das ein Beitrag zu mehr Lebensmittelsicherheit, sagt Schultes: Er bezweifelt nämlich, dass andere EU-Länder dieselben strengen Kontrollstandards anwenden wie wir. Skandale wie jener um Fibronil-belastete Eier seien aus dem EU-Ausland hereingetragen worden. In anderen Ländern hätten kritische Bio-Kontrollore Sorgen, ob sie ihr Auto heil nach Hause bringen, behauptet Schultes.

Darauf geht der Kommissar nicht ein. Er pocht auf EU-weit einheitliche Herkunftsbezeichnungen – und nimmt Anleihen bei den Euro-Münzen. Eine Seite ist einheitlich gestaltet, die andere zeigt nationale Symbole. Ähnlich könnten Herkunftslabels aussehen: „Hergestellt in der EU. Produkt aus Österreich.“

Gegen Verschwendung

Zum Himmel stinkt, dass in der EU 88 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll landen. Andriukaitis schlägt vor, dass abgelaufene Lebensmittel in die Nahrungsmittelkette zurückfließen, etwa indem altes Brot verfüttert werden darf. Bis Ende 2018 erwartet die Kommission grünes Licht für eine neue Abfall-Richtlinie mit strengeren Vorgaben. Auch die Bürger sind gefragt: Viele werfen unnötig Essen weg, weil sie das Verbrauchsdatum und die Mindesthaltbarkeit verwechseln. Schultes wünscht sich mehr Wertschätzung für Lebensmittel und ein Ende der „Nimm drei, zahle zwei“-Aktionen.

Alles dürfte nicht im Argen liegen: Laut Saal-Umfrage sagten 74 Prozent der Anwesenden, Lebensmittel seien sicherer als noch vor 20 Jahren. Nur 11 Prozent hielten das Gegenteil für wahr.

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