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Marionette oder Prügelknabe: Wer ist der neue Fed-Chef Kevin Warsh?

Der 55-jährige US-Finanzexperte bekommt den Chefposten in der mächtigsten Zentralbank der Welt. Wird er die Zinsen senken, wie das Trump verlangt oder die Unabhängigkeit der Fed bewahren?
Kevin Warsh im Senat

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) gilt neben Weltbank und Währungsfonds als eine der mächtigsten Finanzinstitutionen der Welt. Ihre Zinsentscheidungen bewegen Aktien, Anleihen, Gold und Währungen rund um den Globus.

Am Freitag endet mit der zweiten Amtszeit von Fed-Präsident Jerome Powell (73) eine stolze Ära. Powell, der seit 2018 als Fed-Vorsitzender fungierte, stand wie viele seiner legendären Vorgänger als Garant für die politische Unabhängigkeit der Fed.

Der 16. Fed-Chef lieferte sich bis zuletzt einen erbitterten Kleinkrieg mit US-Präsident Donald Trump. Der Chef im Weißen Haus forderte immer wieder Zinssenkungen, aber Powell hielt dagegen. Er wurde dafür von Trump beleidigt, beschimpft und sollte sogar mit einer letztlich fallen gelassenen Klage aus dem Amt gejagt werden. Doch Powell blieb standhaft.

Sein Nachfolger, der 55-jährige Finanzexperte Kevin Warsh, steht von Beginn an unter dem Verdacht, vor allem ein Trump-Mann zu sein. Er beteuerte zwar bei seiner Anhörung im Senat, er sei „absolut keine Marionette“ des US-Präsidenten. Doch das muss er erst beweisen.

Warsh hat sich in früheren Interviews ganz im Sinne Trumps für Zinssenkungen zur Ankurbelung der US-Wirtschaft ausgesprochen. Er setzt sich auch für eine neue Inflationsberechnung ein, bei der die Produktivitätsfortschritte durch Künstliche Intelligenz eingerechnet würden. Das würde die Teuerung senken und Raum für Zinssenkungen bieten. Das überschwängliche Lob Trumps verstärkt das Vorurteil, dass Warsh nur ein Handlanger ist, zusätzlich. „Ich kenne Kevin schon seit langer Zeit und habe keinen Zweifel daran, dass er als einer der GROSSEN Fed-Vorsitzenden in die Geschichte eingehen wird, vielleicht sogar als der beste“, schrieb Trump auf seiner Plattform Truth Social.

Einen wesentlichen besseren Draht zum US-Präsidenten als Powell hat Warsh jedenfalls. Nicht nur wurde Warsh von Trump nominiert und mit Vorschusslorbeeren überhäuft, er ist auch der Schwiegersohn von Ronald Lauder, einem langjährigen, engen Weggefährten Trumps. Der Erbe des Estée-Lauder-Kosmetikkonzerns, Präsident des Jüdischen Weltkongresses und einstige US-Botschafter in Wien, soll Trump schon in dessen ersten Amtszeit nahegelegt haben, doch Grönland zu kaufen. Das berichtete der Guardian im Jänner.

Warsh, einst Investmentbanker und Berater von George W. Bush, war bereits 2006 mit erst 35 Jahren jüngstes Vorstandsmitglied in der Geschichte der Fed. Er galt damals unter Fed-Präsident Ben Bernanke als wichtigster Verbindungsmann zur Wall Street. Warsh schied aber 2011 im Streit aus. Er wollte mitten im Krisenmodus der globalen Finanzkrise Bernankes Anleihe-Aufkaufprogramm über 600 Milliarden Dollar nicht mittragen.

Spannend ist, dass Warsh aus dieser Zeit eigentlich als „Inflation Hawk“, als geldpolitischer Falke gilt. Die Falken stehen für einen restriktiven Kurs, sprich höhere Zinsen im Kampf gegen die Inflation. Die nächsten Monate werden zeigen, ob sich Warsh zu einer Taube gewandelt hat. 

Inflation kräftig gestiegen

Gut möglich ist, dass ihm gar nichts anderes übrig bleibt, als die Zinsen weiter hoch zu halten und auch er in Konflikt mit Trump gerät. Denn auch im April ist die US-Inflation weiter auf 3,8 Prozent gestiegen (Eurozone: 3,0 %). Der Iran-Krieg treibt Energie- und Spritpreise in die Höhe. Zinssenkungen sind deshalb im Moment sehr unwahrscheinlich.

Warsh könnte also bald zwischen allen Stühlen sitzen. Er muss in der Fed zunächst neues Vertrauen in ihre Unabhängigkeit schaffen – schwierig genug. Denn von außen wird Trump kaum von seiner Forderung ablassen, dass die US-Leitzinsen von 3,5 bis 3,75 Prozent um zwei bis drei Prozentpunkte gesenkt werden müssen. Außerdem will er bei Zinsentscheidungen mitreden. „Ich bin sicherlich eine kluge Stimme und man sollte mir zuhören“, so Trump.

Kein Alleingang

Warsh kann freilich nicht alleine entscheiden. Er muss versuchen, innerhalb des für Zinsen zuständigen, 12-köpfigen Offenmarktausschusses der Fed Allianzen zu schmieden. Das wird auch deshalb nicht ganz leicht, weil Powell auf seinem Recht beharrt, bis 2028 als einfaches Direktoriumsmitglied zu bleiben.

An Warsh richtete Powell schon einmal den Appell: „Halten Sie sich aus der Politik heraus, lassen Sie sich nicht hineinziehen. Tun Sie es nicht.“

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