Familienbetrieb statt Weltkonzern
Der EDV-Leiter des steirischen Auspuffher¬stellers Remus will nie wieder in einem Konzern arbeiten. „30 Jahre sind genug“, sagt er. Im Jahr 2003 hat er sich vom engen Regelkorsett der Konzerne befreit: „Der Vorteil ist: Im Familienunternehmen kann man überall seinen Senf dazugeben, das ist jedes Mal eine neue Herausforderung.“
Die Job-Auswahl ist deutlich größer als bei Konzernen: 80 Prozent aller österreichischen Firmen sind familiengeführt, meist sind es Klein- und Mittelbetriebe. Zwei Drittel aller Erwerbstätigen sind hier beschäftigt.
Vom Global Player ins Familienunternehmen, von der knallharten Ellbogenmentalität zum freundlichen Miteinander. Von der Riesen-Verantwortung zum überschaubaren Arbeiten? Nicht unbedingt, sagt der EDV-Leiter: „Die Verantwortung ist weit gestreut, an einem Tag kommen zehn kleine Probleme und Fragen, am nächsten Tag fünf große. Beim Konzern liegen die Aufgaben immer in einem bestimmten Rahmen.“
Unterschätzt
Wer vom Konzern kommt, glaubt gern, mit allen Wassern gewaschen zu sein. Auch Karin Steinhart, die von Unilever zu Manner gewechselt ist, unterschätzte anfangs die Verantwortung im Traditionsunternehmen: „Ich dachte, ich war bei Nespresso und Unilever, was soll mir da noch passieren“, sagt die 34-Jährige, bei Manner für die Unternehmenskommunikation zuständig ( siehe unten ). Doch Aufgabenbereich und Verantwortung seien hier sogar viel breiter, „weil es keine strengen Regeln von oben gibt. Da musste ich umdenken.“
Zwei Welten
Wenn ein Konzernling in ein kleineres Unternehmen wechselt, seien Konflikte programmiert, meint Wolfgang Elšik, Vorstand des Instituts für Personalmanagement an der Wirtschaftsuniversität in Wien: „Jemand, der die strukturierten und unpersönlichen Entscheidungs- und Kommunikationsprozesse im Konzern gewöhnt ist, wird die persönliche Nähe im Familienbetrieb als mittelalterlich empfinden.“
Hinzu komme, dass es in Familienbetrieben größeres Konfliktpotenzial gebe als in anderen eigentümergeführten Unternehmen: „Man muss sich hier mit mehreren Generationen herumschlagen.“ Die Lösung liege im frühen Klären der Erwartungen, sagt Elšik: „Beiden Seiten muss klar sein, dass sie aus zwei völlig verschiedenen Welten kommen. Das muss bereits beim Bewerbungsgespräch thematisiert werden.“
Die Frage ist, warum das Familienunternehmen denn überhaupt einen Konzernling beschäftigen will. „Oft werden vom neuen Mitarbeiter Schritte erwartet, die man als Unternehmen bisher nicht gehen konnte“, sagt Elšik. Beim Computerhändler DiTech haben soeben zwei Ex-Konzernmanager ihren Dienst angetreten. Nicht in erster Linie wegen ihrer Konzernerfahrung, sagt DiTech-Chef Damian Izdebski: „Vielmehr sprach ihre Qualifikation, ihre Branchenkenntnis, ihre langjährige Erfahrung und ihre persönliche Einstellung für die beiden.“ Das Konzernwissen könne aber „ein wichtiger Beitrag sein, die Strukturen unserer Firma für den nächsten Wachstumsschritt vorzubereiten.“
Bei Image, Internationalität und Gehalt müssen die Wechsler jedenfalls Abstriche machen. Eine bewusste Entscheidung, sagt Personalberater Walter Schwarz (siehe unten): „Meist zwischen 40 und 45 Jahren werden andere Dinge wichtiger, dann wechselt man wegen der Unternehmenskultur.“ Wie auch die neuen DiTech-Manager Arieh Bolyos und
Gerhard Korn bestätigen. Auch wenn weniger Geld aufs Konto fließt, man nicht mehr Hunderte Mitarbeiter führt: Für die beiden ist der Wechsel kein Abstieg.
Manner "Die Umstellung war schwierig"
Karin, du spielst Konzern.“ Diesen Satz hörte Karin Steinhart bei Manner anfangs öfter. Die 34-Jährige ist seit zweieinhalb Jahren beim Familienunternehmen für die Unternehmenskommunikation zuständig. Zuvor hatte die Publizistik-Absolventin diverse Stationen in Konzernen durchlaufen: „Während des Studiums war ich bei T-Mobile“, erzählt sie. Danach folgten PR-Tätigkeiten bei Ford, Nespresso, Unilever. „Ich habe in den Konzernen viel gelernt“, sagt sie. Als Geschäftsführer Alfred Schrott von Unilever zu Manner wechselte, erfuhr sie von der neuen Stelle. Der Bereich Kommunikation sollte ausgebaut werden. Steinhart fragte Alfred Schrott, was bei Manner denn so anders sei. „Er hat gesagt: ,Es ist alles viel kleiner, aber auch viel größer.‘ Heute weiß ich, was er gemeint hat.“
Nämlich? Sie musste sich umstellen. „Ich war die Konzernvorschriften, die vielen Regeln gewöhnt, die man nicht hinterfragt, man ist vernetzt mit der Welt. Das globale Denken ist super spannend, man bekommt mit, wie die Leute das in Spanien oder Großbritannien machen, braucht Präsentationen einfach nur aus der Schublade ziehen.“ Bei Manner gingen die Uhren anders: „Man hat mehr Einfluss, mehr Verantwortung – auch der Familie Manner gegenüber.“ Das Konzerndenken musste sie erst abschütteln. Steinharts Idee, ein Intranet wie im Konzern einzuführen, scheiterte. „Das ist auf Widerstand gestoßen“, lacht sie.
Manner sei auch aus einem Grund sympathisch: „CSR und Diversity wird im Konzern in Programmen und Workshops entwickelt, bei Manner war das sinnstiftende Element immer schon da“, sagt Steinhart. Sie würde es wieder so machen: „Für mich war es perfekt, vom Konzern ins Familienunternehmen zu wechseln.“
DiTech: "Irgendwann hat man im Konzern ausgelernt"
Der Konzern ist eine echte Schule, da bekommt man viel mit. Aber irgendwann hat man ausgelernt.“ Arieh Bolyos, 39, langjähriger Manager beim Computerkonzern Dell, ist neuer Verkaufs- und Marketingdirektor beim Computerfachhändler DiTech, einem Familienunternehmen. Gerhard Korn, vorher bei Samsung Österreich als Retail Sales & Marketing Manager tätig, ist neuer Leiter Marketing & PR. Beide sind enthusiastisch über ihre neuen Aufgaben. Die Gehaltseinbußen stören sie nicht: „Geld war für mich nie ein Treibstoff“, sagt der 44-jährige Korn. „Mein Antrieb ist etwas zu erschaffen.“ DiTech sei noch ein junges Unternehmen, „hier gibt es noch viele spannende Dinge, die sich verbessern lassen.“ Arieh Bolyos ergänzt: „Hat man einen gewissen Lebensstandard erreicht, ist es egal, ob
man mehr oder weniger verdient.“ Auch Abstriche beim Image stören beide nicht: „DiTech sagt den Österreichern sogar mehr als Dell“, meint der ehemalige Dell-Manager. Bolyos will sich mehr um die Kunden kümmern: „Die Kundenanbindung geht im Konzern unter.“ Bei DiTech fährt er künftig selbst zum Kunden.
Arieh Bolyos hat bei Dell 450 Mitarbeiter geführt, hatte eine Umsatzverantwortung für ganz Europa von 200 bis 300 Millionen Euro im Jahr. Der Konzern sei wie ein Kreuzfahrtschiff: „Um eine Minimalbewegung zu machen, braucht man 30, 40 Leute und mehrere Monate. DiTech ist dagegen ein Schnellboot“, so Bolyos. Er ist froh, nicht mehr so viel reisen zu müssen: Bei Dell saß er jede zweite Woche im Flieger. „Ich reise immer noch gern – in den Urlaub.“
Beide sind sich einig: „ Wir wollen etwas Bleibendes hinterlassen. Das geht im Konzern selten.“ Die Konzern-Karriere ist abgehakt: Bolyos hat kürzlich ein Jobangebot abgelehnt, Korn sagt: „Ich kann mir das nicht mehr vorstellen."
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