Birgit Kuras,Vorstand der Wiener Börse

© Reuters/LEONHARD FOEGER

Börse Wien
08/29/2015

"Der richtige Zeitpunkt für Aktien"

Für Vorstand Birgit Kuras sind Wertpapiere trotz der jüngsten Kursturbulenzen weiterhin erste Wahl.

von Robert Kleedorfer

KURIER: Nach Griechenland sorgt nun China für Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Auch die Wiener Börse blieb davon nicht verschont. Ist eine Blase geplatzt und geht es nun mit den Kursen wieder längerfristig talwärts?

Birgit Kuras: Gerade in Österreich kann man nicht von einer Blase sprechen. Die Bewertungen sind derzeit vernünftig, wie man am Kurs-Gewinn- und Kurs-Buchwert-Verhältnis sieht. Natürlich ist China ein weltweites Schwergewicht. Dem gegenüber stehen jedoch rekordtiefe Zinsen, niedrige Energiepreise und die überraschend gute Entwicklung der Ostkernmärkte. Davon profitieren österreichische Unternehmen besonders.

Die Sparzinsen sind auf einem Tiefpunkt. Spricht das nicht für Aktien?

Das wäre auf jeden Fall der richtige Zeitpunkt, sich mit Aktien zu beschäftigen. Es gibt Aktien von österreichischen Unternehmen, die ein solides Geschäftsmodell haben und eine höchst ansprechende Dividendenrendite. Das ist keine Empfehlung, nur auf Aktien zu setzen, aber sie sind eine gute Möglichkeit, und in der jetzigen Situation lohnt sich das Investment ganz speziell.

Zudem wird die Situation der niedrigen Zinsen ja noch eine Zeit anhalten.

Ganz sicher. In Europa auf alle Fälle und in den USA stellt sich die Frage, ob es wirklich so rasch eine Anhebung gibt.

Dennoch ist der direkte Aktienbesitz in Österreich noch immer unter vier Prozent. Worauf ist das zurückzuführen?

Das ist erschreckend klein. Zum einen liegt es daran, dass wir nicht mit Aktien aufgewachsen sind. Wahrscheinlich hat keiner von uns in der Schule davon gehört. Es ist in den Lehrplänen nicht wirklich enthalten und viele scheuen davor zurück, sich damit auseinanderzusetzen. Zum anderen ist das Thema politisch nicht positiv besetzt, bis vor Kurzem sogar negativ, Stichwort Zocker. Das hat sich gebessert. Manche Politiker meinen nun, der Kapitalmarkt ist ihnen eine Herzensangelegenheit. Das muss man aber sagen, denn von einer heimlichen Liebe hat niemand etwas. Man sollte kundtun, dass der Kapitalmarkt wichtig ist für Wohlstand, Beschäftigung und Wertschöpfung.

Die Kapitalertragsteuer auf Wertpapiere wird aber mit Jänner 2016 von 25 auf 27,5 Prozent erhöht. Das ist eigentlich kein Liebesbeweis für den Kapitalmarkt.

Positiv ist es nicht, das ist überhaupt keine Frage. Die Gesamtsituation muss unterm Strich stimmen, also braucht es auf anderen Ebenen einen Ausgleich. Wenn etwa Eigenkapital mit Fremdkapital steuerlich gleichgestellt wird oder es weitere Privatisierungen über die Börse gibt. Auch ein gutes Signal wäre, wenn wir wieder einen Kapitalmarktbeauftragten hätten. Er wäre eine Drehscheibe, der Informationen bündeln und weitergeben könnte.

Was macht die Börse selbst, um den Kapitalmarkt zu stärken?

Wir sind ein kleines Land mit kleinen Unternehmen. Die Wiener Börse spiegelt das wider. Wir müssen sehr serviceorientiert sein, um die Größe zu kompensieren. Wir setzen bei Investoren und Unternehmen an. Wir fahren mit ihnen durch die ganze Welt und bündeln so die Interessen. Für nicht-börsenotierte Unternehmen machen wir Workshops mit Investoren und Experten von der Finanzmarktaufsicht oder Wirtschaftsprüfern. Und wir sprechen Unternehmen aktiv an und sind in ganz Österreich unterwegs.

Nichtsdestotrotz gibt es de facto keine Börsegänge. Woran hapert es?

Grundsätzlich besteht eine große Vorsicht der Unternehmen hinsichtlich der konjunkturellen Zukunft. Das sieht man etwa an den Investitionen. Es gibt fast nur Erhaltungsinvestitionen. Zudem haben sich die Betriebe nach der Krise um eine Optimierung der Kapitalstruktur bemüht. Es besteht kein unmittelbarer Bedarf an Eigenkapital. Kapitalerhöhungen wird es dennoch geben. Es gibt aber einige Unternehmen, die sehr konkret einen Börsegang überlegen.

Wie kann sich Wien gegen die großen deutschsprachigen Börsen Frankfurt und Zürich behaupten?

Es ist ganz wichtig für ein österreichisches Unternehmen, am Heimmarkt gelistet zu sein. Denn der Handel findet meist hier statt, es gibt Analysten vor Ort und die entsprechende Berichterstattung und damit Aufmerksamkeit. Im Ausland würden unsere im Verhältnis kleinen Unternehmen unter ,ferner liefen‘ notieren. Es wäre keine Beachtung da. Einige Österreicher sind daher wieder zurückgekommen.

Und was heißt das für die Investorenseite?

Man hat in Wien die gesamte internationale Investorenschaft. Unsere größte Investorengruppe sind die USA (25 Prozent, Anm.), gefolgt von Österreich (19 Prozent) und Großbritannien (15 Prozent). Für ausländische Investoren ist nicht das Land, sondern die Branche und das Unternehmen das Thema.

Ist das neue Crowdfunding-Gesetz auch eine Form der Finanzierung, die in letzter Konsequenz der Börse helfen kann?

Das ist absolut wichtig und füllt die Pipeline für die Börse. Das unterstützen wir und haben auch entsprechende Kooperationen. Man muss sich bewusst sein, dass es sich ja großteils um Risikokapital für Start-ups handelt und dabei auch mal etwas schiefgehen kann. Eine gewisse Kultur des Scheiterns muss man in Österreich noch üben, damit nicht wieder das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird, wenn einmal etwas schiefgeht.

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