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Wirtschaft
03/07/2020

Coronavirus: Zahl der Reisebuchungen bricht ein

Viele Touristen wollen umbuchen oder stornieren. In der Hotellerie schnellt die Zahl der Stornos in die Höhe.

von Simone Hoepke

Wer keine starken Nerven hat, sollte besser nicht Tourismusmanager werden. „Irgendetwas ist immer“, sagt Helga Freund, Vorstand vom Verkehrsbüro, Österreichs größtem Tourismuskonzern. Tsunami-Meldungen, Anschläge oder aktuell das Coronavirus, das die Buchungen zum Erliegen bringt.

„Bei Ruefa und Eurotours sehen wir derzeit vor allem bei den Italien-Urlaubern Umbuchungswünsche“, sagt Freund. Viele wollen ihre Reise verschieben.

Aber auch rund 200 Urlauber, die dieser Tage eine Studienreise nach Israel antreten wollten, mussten umgebucht werden, nachdem Israel diese Woche überraschend ein Einreiseverbot für Touristen aus Österreich beschlossen hat und Airlines ihre Flüge nach Tel Aviv eingestellt haben.

Kurzum: „Trotz weniger eingehender Buchungen bedeutet das Virus für uns ein Mehr an Arbeitsaufwand“, sagt Freund. Ihre Mitarbeiter hätten alle Hände voll zu tun, um Kunden zu beraten und Ausweichrouten zu finden. Dazu kommen Verhandlungen mit Airlines, die Strecken von ihren Flugzetteln streichen.

Am Rande der Hysterie

Manche Branchenvertreter sprechen bereits von einer leichten Hysterie, die sich bei den Kunden breit macht. „Da wollen Leute Reisen nach Gran Canaria stornieren, weil auf Teneriffa ein Hotel unter Quarantäne steht“, erzählt Rewe-Touristik-Chef Martin Fast.

Seit zwei Wochen hinkt die Zahl der eingehenden Neubuchungen jedenfalls deutlich zweistellig hinter jenen des Vorjahres hinterher. Das könne sich aber auch schnell wieder ändern, zeigt seine Erfahrung. Denn das Gedächtnis von Urlaubern vergisst traditionell schnell, wo es Krisenherde gegeben hat. „Wenn morgen ein Impfstoff gegen das Coronavirus gefunden wird, haben wir schnell wieder einen ganz normalen Arbeitsalltag“, ist Fast überzeugt.

Dem stimmt auch Josef Peterleithner, Präsident des Österreichischen Reiseverbandes, zu. Es gäbe zwar große Unsicherheiten im Markt, aber „dabei geht es weniger um die Angst der Ansteckung, sondern um die Besorgnis, im gebuchten Hotel länger als geplant bleiben zu müssen“, glaubt er.

Gratis-Storno

Um potenzielle Passagiere dennoch zum Buchen zu animieren, bieten so gut wie alle Reisebüros umfassende Stornomöglichkeiten. Die AUA lockt Kunden mit der Möglichkeit, kostenlos ihre Flüge umzubuchen, wenn sie noch im März buchen. Alle Tickets, unabhängig vom Preis, können einmal ohne Gebühr auf ein alternatives Datum bis zum 31. Dezember umgebucht werden, wenn sie bis zum 31. März neu gebucht werden. Die Regel gilt für die ganze Lufthansa Gruppe.

Währenddessen liegen die Nerven in der Hotellerie blank. Tourismusobfrau Petra Nocker-Schwarzenbacher rechnet damit, dass ihre Branche heuer um zehn Prozent weniger Umsatz einfahren wird als im Vorjahr.

„Fünf bis sieben Prozent Stornos sind für uns Alltag. Aber jetzt haben wir eine Quote von bis zu 15 Prozent.“ Parallel dazu bleiben die Buchungen für die kommenden Monate aus. Gebucht wird, wenn überhaupt, nur noch kurzfristig. „Natürlich haben auch wir jetzt großzügige Stornobedingungen, man ist ja froh, wenn man überhaupt etwas verkauft.“ Von Stornos besonders betroffen sind derzeit Häuser mit vielen internationalen Gästen, aber auch Seminarhotels. Grund: Viele Betriebe sagen Meetings ab und setzten stattdessen Telefonkonferenzen an.

Um die Hotels am Laufen zu halten, hat die Regierung ein Hilfspaket mit Haftungen für Überbrückungskredite geschnürt (siehe Bericht oben). Internationale Hotelketten sind von der Aktion ausgenommen – sie richtet sich ausschließlich an familiengeführte Betriebe.