Börsenexperte: „ETF-Sparplan ist der neue Bausparer“
Oswald Salcher ist Österreich-Chef der deutschen Bank Trade Republic. Er rät generell zu Wertpapieren.
KURIER: Wie sieht das Anlegerverhalten der Österreicher aus?
Oswald Salcher: Die Österreicher horten ungefähr circa 320 Milliarden Euro auf Sparbüchern, Bausparern und Girokonten. Das ist sehr viel Geld. Wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Zinssatz, den die Banken bezahlen, ungefähr bei 1,3 Prozent liegt – und das ist schon sehr schön gerechnet – und die Inflation deutlich höher ist, wissen wir, dass hier einfach wahnsinnig viel Geld kaputtgemacht wird. In absoluten Zahlen waren es 2024 circa 9 Milliarden Euro, 2025 zwischen 3,5 und 4 Milliarden Euro. Heruntergerechnet auf den einzelnen Österreicher sind das zusammen circa 1.500 Euro.
Warum ist das so?
Ich glaube, weil die Österreicher, und da sind die Europäer fast gleich, sich wenig um ihre Zinsen kümmern. Genauso wenig wie um den Strompreis, da ändert man nicht gerne den Tarif und bei den Zinsen auch nicht die Bank. Viele Österreicher haben das Konto immer bei der gleichen Bank und kümmern sich weder um die Kosten noch um die Zinsen.
Sparbuch macht also gar keinen Sinn?
Sparen auf einem Sparbuch ist keine Investmentstrategie. Aber es ist schon wichtig, immer einen Notgroschen von zwei, drei Monatsgehältern zu haben. Der durchschnittliche Österreicher hat 35.000 Euro am Konto liegen. Es ist schon erheblich, ob ich dafür 0 Prozent bekomme oder 2 Prozent.
Wer ist der typische Kunde von Trade Republic?
Trade Republic will junge Europäer ansprechen, die erkannt haben, dass sie mit ihrer Pension, die sie irgendwann mal bekommen, einfach nicht leben werden können. Und die sagen, ich muss mein Geld selber in die Hand nehmen. Und deswegen ist auch das Durchschnittsalter des Kunden von Trade Republic bei 35 Jahren. Früher war der klassische Kunde von uns zwischen 45 und 75 Jahre und männlich. Das hat sich geändert. Es sind viele Frauen und junge Leute dazugekommen. 70 Prozent der Kunden von Trade Department sind sogenannte First-Time-Investors, also Leute, die zum ersten Mal investieren.
Oswald Salcher (Mitte) mit Robert Kleedorfer (links) und kronehit-Programmchef Rüdiger Landgraf.
Welche Produkte sind aktuell am meisten gefragt ?
Trade Republic ist eine Sparplattform, aber wir haben auch seit 2023 eine Banklizenz und bieten verschiedene Bankdienstleistungen an. Wir müssen als Bank auch für den Notgroschen Zinsen anbieten. Das tun wir, indem wir den Zinssatz der Europäischen Zentralbank direkt an die Kunden weitergeben. Wir wollen aber auch die Kunden langsam ans Investieren heranführen. Deswegen gibt es eine Debitkarte, mit der man weltweit kostenfrei bezahlen kann. Ein Prozent von diesen Ausgaben kriegt der Kunde dann wieder zurück.
Sie werden also aufs Konto ausgezahlt?
Nein, es ist keine Cashback-Funktion, sondern eine sogenannte Saveback-Funktion, die wird in einen selbst gewählten Sparplan investiert. Das beliebteste Produkt ist somit der Sparplan. Wir haben mehr Sparpläne als Kunden. Der Sparplan für einen ETF ist der neue Bausparer.
Warum?
Weil es ist die gleiche Vorgehensweise. Man zahlt monatlich einen bestimmten Betrag in ein Produkt. Früher war es ein schlecht verzinster Bausparer und heute ein ETF und das möglichst langfristig.
Eignet sich jeder ETF für solch einen Sparplan?
Wir bieten 2.600 ETFs an. Der breit gestreuteste MSCI World ist einer der Favoriten. Auch der S&P 500 ist sehr beliebt. Dann gibt es auch ein paar Emerging Markets-ETF.
Greifen Österreicher bevorzugt zu heimischen Aktien?
Nein. Auch bei den beliebtesten Aktien der österreichischen Kunden von Trade Republic findet man immer wieder die Magnificent Seven, also die Berühmtesten, wo Tesla, Amazon, Meta und so weiter dabei sind.
Apropos Tesla: ist diese Aktie wirklich fundamental so viel wert?
Ich bin ja schon ziemlich lange an der Börse und ich habe schon ziemlich viele Bücher dazu gelesen. Und jetzt könnte ich ein paar schlaue Sprüche bringen. Dann müsste ich sagen, die Börse hat immer recht. Aber ich war und bin ein extremer Tesla-Skeptiker. Allein, wenn man die Fundamentalzahlen anschaut, dann ist Tesla mehr wert als alle Autobauer der Welt zusammen. Lange Zeit hat man gesagt, das liegt daran, dass Tesla kein Autobauer ist, sondern ein Softwareunternehmen oder was auch immer. Irgendwann müssen sie liefern und irgendwann wird die Wahrheit rauskommen. Ich glaube auch, Warren Buffett hat gesagt, dass sich irgendwann einmal der Preis dem Wert annähert.
Wenn man die Kurszuwächse um den Dollar-Euro-Wechselkurs bereinigt, dann war Amerika jetzt nicht so die Riesenparty in den letzten zwölf Monaten.
Könnte man sagen, aber man könnte auch sagen, wenn man nicht dabei war, hat man auch was versäumt. Also allein die Nvidia-Aktie – ungefähr 70 Prozent plus im letzten Jahr. Der Dollar hat ein bisschen was kaputt gemacht, aber nur ungefähr 15 Prozent.
Generell sind die Bewertungen diverser Indizes schon recht sportlich gemessen an dem, was wir vielleicht vor drei, vier Jahren hatten.
Im DAX haben wir ungefähr ein KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis, Anm.) von 20. Finde ich absolut okay. Beim S&P 500 haben wir ein KGV von 30. Ist noch akzeptabel, würde ich sagen. Wenn wir uns zurückerinnern an die 2000er Jahre, da hatten wir ja KGVs von 100 und 200. Ja, das ging auch schief. Aber da war definitiv eine Überhitzung. Also ja, wir haben schon ordentliche Bewertungen, aber wir haben wahnsinnig viel Geld im Markt und auch noch nicht im Markt. Warren Buffett hält ja 300 Milliarden in Cash. Das Geld muss ja irgendwann wieder rein. Also von dem her, Liquidität ist da. Und wo sind denn die Alternativen?!
Ja, wo?
1,7 Prozent für deutsche oder österreichische Staatsanleihen, das kann es ja wohl nicht sein. Also ich sehe keine wirkliche Alternative zum Aktienmarkt. Also Geld ist da und das ist das, was das Ganze antreibt.
Wie sollen Anleger mit Verlusten umgehen?
Wenn ich ein Portfolio habe, das mich so nervös macht, dass ich nicht schlafen kann, habe ich ein falsches Portfolio. Das heißt: Langfristig denken, nur Geld investieren, das ich nicht brauche. Und wenn ich langfristig sage, meine ich jenseits der zehn Jahre. Wir wissen aus den Statistiken, wenn man Wertpapiere länger als 15 Jahre hält, gab es faktisch nie einen Verlust. Und wenn wir die letzten 100 Jahre zurückschauen, hat der Kapitalmarkt im Schnitt 6 bis 7 Prozent pro Jahr performt. Trotz Abstürzen und trotz der Weltkriege. Die Versprechungen, die zweistellig und noch darüber sind, die sind einfach nicht wahr. Alles, was zu gut klingt, um wahr zu sein, ist auch zu gut, um wahr zu sein.
Wann sollte man seine Aktienanteile reduzieren? Gibt es Indizien, wann ein günstiger Zeitpunkt wäre?
Warren Buffett hat letztes Jahr im Frühjahr Positionen verkauft, darunter eine ziemlich große Apple-Position. Dann ging der Markt runter und alle haben ihn gefeiert. Aber er hat den Wiedereinstieg nicht mehr gefunden. Wahrscheinlich sitzt er immer noch am Cash, weil er nicht gewusst hat, was er nun tun soll. Starinvestor André Kostolany hat einmal gesagt, wer nicht dabei ist, wenn der Markt runtergeht, ist auch nicht dabei, wenn der Markt nach oben geht. Das hatten wir ja letztes Jahr auch, dass es am Ende doch gescheit war, wenn man ganz 2025 permanent investiert war.
Das Risiko gilt auch für Unternehmensanleihen, die mit 6 oder 8 Prozent beworben werden.
Die Zinsen sind quasi der Gradmesser des Risikos. Alles, was mehr Zinsen bringt als eine österreichische Staatsanleihe, ist auch riskanter. Und diese ist derzeit überhaupt keine Alternative. Und wenn man Risiko eingehen will in eine Unternehmensanleihe, dann kauft doch gleich die Aktie von dem Unternehmen. Aber was man schon machen könnte, ist einfach ein breit gestreutes Anleihenportfolio zu nehmen. Da gibt es ja auch ETFs, die breit gestreut sind in Hunderten von Anleihen.
ETF
Steht für Exchange Traded Fund. Diese börsengehandelten Fonds bilden meist einen Index ab und sind entsprechend kostengünstig.
Trade Republic
2015 als Onlinebroker in München gegründet, ist die Bank inzwischen in 18 Ländern Europas vertreten. Sie hat 10 Mio. Kunden und 150 Mrd. Euro verwaltetes Vermögen.
Oswald Salcher
Der 56-jährige gebürtige Kärntner ist seit Sommer 2021 Country Manager für Österreich. Zuvor war er u.a. beim Online-Broker Flatex und dem Finanzdaten-Anbieter Teletrader tätig. Das gesamte Gespräch hören Sie im KURIER-Podcast „Ziemlich gut veranlagt“.
Ihre Meinung zu Gold?
Ich bin kein ausgesprochener Goldfreund. Erstens würde ich Gold nicht als Einzelinvestment hernehmen. Und wir wissen ja, man sollte breit diversifizieren und damit für ein Einzelinvestment sind wir schon einmal im einstelligen Prozentbereich, die ein Portfolio an Gold haben sollte. Zweitens ist Gold schon super gut gelaufen. Und drittens haben wir bei physischem Gold das Lagerproblem. Wenn ich jetzt zehn Philharmoniker kaufe und die zu Hause habe, ist am besten, ich erzähle es niemandem, vielleicht auch gar nicht einmal meiner Frau, weil sonst habe ich schon ein Sicherheitsthema. Wenn ich es in ein Bankschließfach gebe, das kostet auch wieder Geld. Das heißt, physisches Gold zu lagern und zu schützen, kostet Geld. Und die An- und Verkaufspreise bei Gold haben auch große Differenzen. Beimischen kann man es, da bin ich dafür, dass jedes richtige Portfolio oder ausgewogene Portfolio sollte ein bisschen Gold haben.
Und Silber?
In den letzten 28 Jahren ist das Silber nicht so toll gelaufen. Jetzt haben wir gerade eine Aufwärtsbewegung und jetzt sagen alle, sie haben immer schon recht gehabt, weil Silber so toll ist. Da warne ich auch davor.
Was ist mit Kryptos?
Seit Herbst letzten Jahres kann man Kryptos bei uns nicht nur kaufen und verwahren, sondern man kann sie auch transferieren, sprich in eigene Wallets. Aber auch da würde ich sagen, Kryptos maximal im einstelligen Prozentbereich als Portfolio-Diversifikation. Momentan ist nicht nur draußen Winter, sondern auch Kryptowinter. Also es ist extrem ruhig geworden. Wenn wir unter die 100.000 Dollar gehen, dann interessiert es wieder niemanden. Und wenn es über 100.000 Dollar geht, dann rufen mich wieder alle an und fragen, ob sie Krypto kaufen wollen. Ich sage immer, wenn jemand noch nie Aktien und ETFs gekauft hat, dann sollte er erst mal langsam anfangen. So wie beim Skifahren, nicht gleich die Streif runter.
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