Wirtschaft
12.04.2018

Auch moderne Dieselfahrzeuge entpuppen sich als Ladenhüter

© Bild: REUTERS/Fabian Bimmer

„Herbert Diess hat beim Thema Elektromobilität angeschoben, das war zuvor bei VW nicht vorhanden“ sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

von Kid Möchel

Neuzulassungen von Diesel-Pkw sind um 18 Prozent gesunken, auch neue Diesel haben Abgasprobleme. Der überhöhte und bisher ungelöste Stickoxid-Ausstoß bei Dieselfahrzeugen macht dem heimischen Autohandel das Leben weiter schwer. Im März 2018 wurden um fast 25 Prozent weniger Diesel-Pkw verkauft als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, in den ersten drei Monaten des heurigen Jahres betrug der Rückgang 18,6 Prozent.

Damit sackte der Marktanteil des Diesels hierzulande um mehr als zehn Prozentpunkte auf knapp 42 Prozent oder um rund 8650 Fahrzeuge ab. Diese Lücke wurde fast 1:1 mit Benziner-Modellen aufgefüllt. Sie haben nun bei den Neuzulassungen (53,5 Prozent) die Nase vorn. Der VW-Konzern konnte den Marktanteil (17,5 Prozent) hinter dem Komma etwas verbessern, doch nicht bei allen Modellen.

Zwar ist der VW Golf der meist verkaufte Pkw, aber er büßte fast ein Fünftel seines Marktanteils ein. Den größten Rückgang (–28,9 Prozent) bei den Neuzulassungen verzeichnete der Opel Astra.

Während die Autoindustrie alte Diesel mittels Verschrottungsprämien aus dem Verkehr ziehen und durch neue Diesel ersetzen will, orten Umweltorganisationen auch bei neuen Diesel der Abgasnorm Euro 5 und Euro 6 massive Stickoxid-Probleme.

„Kein von uns im Winterhalbjahr getesteter Diesel-Pkw hielt bei Straßenmessungen den Grenzwert für Stickoxide ein“, sagt Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Auch bei Messungen nach den sogenannten Software-Updates durch die Hersteller „zeigen sich besonders hohe Stickoxidemissionen“.

Dicke Luft

Zwar erlaubt das deutsche Kraftfahrtbundesamt den Autobauern bei niedrigen Temperaturen (zum Schutz der Motoren) eine Reduktion der Abgasreinigung, doch die Straßentest-Ergebnisse der DUH sind erschreckend. Bei einem Kia Sorento (Euro 6) wurde der Stickoxidausstoß um das Sechsfache überschritten, bei einem Opel Zafira um das 18,4-Fache. „Wir kommen um eine technische Nachrüstung von zirka zehn Millionen Diesel-Pkw in Deutschland nicht herum“, sagt Resch. Eine Nachrüstung mit modernen Abgasanlagen (SCR-Katalysatoren) kostet pro Auto zwischen 1500 und 2500 Euro und oft noch mehr. Für Resch ist klar, dass die Hersteller diese Milliardenkosten übernehmen müssen.

Indes dreht sich in Wolfsburg das Personalkarussell weiter. Der durch seine Aussagen bei den Eigentümern in Ungnade gefallene VW-Boss Matthias Müller, er forderte eine höhere Besteuerung des Diesels, wird durch Markenchef Herbert Diess ersetzt, Personalchef Karlheinz Blessing durch Betriebsrats-Generalsekretär Gunnar Kilian.

Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center Automotive Research der Uni Duisburg-Essen © Bild: Car-Center/UNI DUISBURG

Diess hat beim Thema Elektromobilität angeschoben, das war zuvor bei VW nicht vorhanden“ sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. Er hält nichts davon, dass Kilian aus dem Betriebsrat in den Vorstand wechselt, aber es zeige, wie mächtig VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh ist. „Man ändert ein gut eingespieltes Team ohne Notwendigkeit“, sagt Dudenhöffer. „Müller hat einen guten Job gemacht und hat nach dem Dieselskandal die heißen Kartoffeln aus dem Feuer geholt.“

Bei VW haben  Machtkämpfe lange Tradition. Die Familien Piech und Porsche halten  die Mehrheit  an VW. „Die Familien vertragen sich nicht immer“, sagt Professor Ferdinand Dudenhöffer. Das  Land Niedersachsen  hält  20 Prozent.  Der Ministerpräsident sei vom Wahlverhalten der VW-Belegschaft und somit vom VW-Betriebsrat  abhängig. „Der Aufsichtsrat scheint sich nicht einig zu sein“, sagt der Experte. Jeder andere Konzern hätte zuerst die Personalentscheidung getroffen und erst dann die Änderung ad hoc verlautbart.