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TV-Satire
08/28/2015

Was sind "vermutlich Rechte"?

"Asylkritiker", "Asylant", "Flüchtling" - TV-Satiriker Jan Böhmermann weiß: Die deutsche Sprache ist verwirrend.

von Jürgen Klatzer

Wie viel Rassismus folgt auf "Ich bin kein Nazi, aber …"? Jede Menge, sagen jedenfalls die zwei deutschen TV-Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf in ihrer Videobotschaft, in der sie sich gegen rechte Hetzer aussprachen.

Nun setzt Jan Böhmermann - bekannt wegen seines Fake-Fake-Videos über den ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis - nach. In seiner am Donnerstagabend ausgestrahlten Sendung von "Neo Magazin Royale" hat er sich mit dem rassistischen Gebrauch der deutschen Sprache beschäftigt.

"Deutsch-German, German-Deutsch"

"Wir müssen uns kein Statement aus den Rippen leiern, was wir von der Flüchtlingsdebatte halten. Das ist glaube ich allen klar“, beginnt Böhmermann seinen satirischen Monolog. Die deutsche Sprache, "unser höchstes Kulturgut, kaum eine andere Sprache ist so kompliziert und präzise“, sei ausgerechnet jetzt verwirrender als je zuvor. Es wird mit Begriffen hantiert, über deren Bedeutung keiner zu zweifeln vermag, und trotzdem falsch sind.

In der neuen Rubrik "Deutsch-German, German-Deutsch" zeigt der Gesellschaftskritiker, wie Begriffe Tatsachen verharmlosen und die Sprache auf perfide Weise eine aufklärende Medienlandschaft ad absurdum stellt. Denn vor allem Journalisten tappen immer wieder in die Falle und sorgen für die Reproduktion einer falschen Sprachverwendung.

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Beispiel: In einer Aussendung der Polizei Sachsen ist von "Asylkritikern" die Rede, die die Beamten attackierten. Gehören "Asylkritiker" nicht zu einem rechten Mob, der Flüchtlingsheime in Brand setzt und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Bierflaschen bewirft? Nein, sagt Böhmermann: "Asylkritker sind einfach nur besorgte Bürger, die kritisieren, dass Flüchtlinge in Häusern leben wollen, die nicht brennen". Dieser Logik zufolge seien Krieger des "Islamischen Staates" auch keine Terroristen, sondern einfache "Ungläubigenkritiker", also Menschen, die kritisieren, dass Ungläubige ihren Kopf auf dem Hals tragen.

"Vermutlich Rechte"

Die Deutsche Presseagentur vermeldete, dass "Linke und vermutlich Rechte" im deutschen Heidenau in der Nähe einer Asylunterkunft randalierten. Die Linken waren klar als Linke erkenntlich, aber bei den Rechten war man sich offenbar nicht ganz so sicher. "Es könnten theoretisch unbescholtene Gaffer sein, die einfach nur abends um elf mit der Bierflasche, mit dem Schlagstock und der Deutschlandfahne in der Hand zur falschen Zeit am falschen Ort waren", vermutet der Satiriker. So etwas sei natürlich üblich in Zeiten, in denen der Volkszorn keine Grenzen kennt, außer wenn es um flüchtende Menschen geht. Dann möchte man Mauern hochziehen.

Froben Homburger, Nachrichtenchef der dpa, begründet das "vermutlich" in der Überschrift damit, dass man vor Ort nicht mit Sicherheit sagen konnte, ob es sich tatsächlich um Rechtsextremisten handelte. Man sei auf Mutmaßungen angewiesen gewesen: "Wenn Menschen in Heidenau an der Straße stehen, werden sie nicht automatisch dadurch zu Rechtsextremisten, dass sie von der Antifa angegriffen werden", schreibt Homburger auf kress.de.

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Anschließend kommt Böhmermann zum Kern der Debatte und definiert das Wort "Flüchtling" folgendermaßen: "Flüchtlinge sind nichts anderes als der Personenkreis, der in Folge des Krieges seine Heimat verloren hat und darum Teil der deutschen Gesellschaft werden will." Mithilfe des Präsidenten des Bundes der Vertriebenen, Bernd Fabritius, zeigt der Moderator, wie lächerlich es ist, dass "Flüchtling" oft zu Unrecht negativ konnotiert ist. Warum? Für Fabritius sind Heimatvertriebene jener "Personenkreis, der in Folge des Zweiten Weltkriegs die Heimat verloren hat, und heute Teil der deutschen Gesellschaft ist."

Heimatvertriebene = Flüchtling

Heimatvertriebene waren Menschen, die man schnurstracks im Land integrieren konnte. Warum gelingt es bei Flüchtlingen nicht? Immerhin haben sie keinen Weltkrieg ausgelöst oder einen millionenfachen Völkermord begangen. Aber, so Böhmermann, Flüchtlinge könnten halt nicht so gut Deutsch.

Dass Sprache Personen ein- und ausgrenzt oder Dinge verstärkt und verharmlost, ist eine Tatsache, der man sich im Alltag nicht entziehen kann. Deswegen ist es wichtig, Begriffe mit Vorsicht und Bedacht zu verwenden.

Deutsch-German, German-Deutsch

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