Style
21.08.2018

Warum die "Vogue" Teenager-Models verbieten will

So gefährlich ist das Modebusiness für Jugendliche. Das wichtigste Magazin der Branche fordert jetzt eine Änderung.

In der Welt der Mode ist die Vogue so etwas wie der Klassensprecher: Was die Redakteure der renommierten Zeitschrift schreiben, hat Gewicht. Und das Potenzial, die Branche nachhaltig zu verändern. Dementsprechend laut hallt der jüngste Vorstoß der US-Ausgabe durch die Hallen der Modewelt: Auf Laufstegen, Magazincovern und in Modestrecken sollen keine Minderjährigen mehr zu sehen sein. Die Vogue selbst kündigte bereits im Februar an, keine Models unter 18 mehr zu buchen.

Seit Brooke Shields im Februar 1980 als 14(!)-Jährige vom Cover lachte (siehe unten), habe die Vogue selbst immer wieder dazu beigetragen, Kinder als glamouröse Erwachsene zu vermarkten, räumt das Magazin in einem Artikel ein. "Es ist nicht richtig für uns, nicht richtig für unsere Leser und nicht richtig für die jungen Models, die darum kämpfen, auf diesen Seiten zu erscheinen. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können uns einer besseren Zukunft verschreiben."

Schutzmaßnahmen

Im Zuge der #MeToo-Bewegung war auch die Fashion-Industrie unter Beschuss geraten. Als Reaktion hatte Condé Nast – jener Verlag, in dem auch die Vogue erscheint – bereits Anfang des Jahres neue Richtlinien für Fotoshootings verlautbart: eigene Umkleidekabinen, Nackt- und Bikinifotos nur nach Absprache und keine Zusammenarbeit mit Fotografen, denen sexuelle Belästigung vorgeworfen worden war. Auch in anderen Ländern wurden Maßnahmen zum Schutz der Models erlassen: In Frankreich dürfen Models nur mit einem medizinischen Attest gebucht werden, in Deutschland müssen sie einen Body-Mass-Index von mindestens 18,5 aufweisen. Das Mindestalter ist nicht gesetzlich geregelt.

Wenig verwunderlich, wie die Vogue erläutert: Designer wollen für ihre Shows immer mehr Models, und da die vorgeführten Outfits immer enger werden, greifen sie gerne auf Teenager zurück, die in die Kreationen passen. Diese seien dem Druck aber meist nicht gewachsen, zumal in der Ära Social Media erwartet wird, dass Models auch abseits des Laufstegs präsent sind. Wie belastend die mediale Dauerpräsenz und die ständige Entfernung von der Familie für Heranwachsende sein können, zeigte jüngst das Beispiel Kendall Jenner: Mit 14 unterschrieb sie bei einer Modelagentur, jetzt, mit 22, kämpft sie mit Ängsten und Panikattacken. Andreea Diaconu, die für Gucci und Dolce & Gabbana arbeitete, erinnert sich mit Schaudern an ihre Anfänge: Mit 14 sollte sie oben ohne posieren, mit 16 wurde sie genötigt, in Clubs zu feiern, wo ihr Alkohol und Drogen angeboten wurden.

Berichte, die Sonja Haunschmid von der Linzer Agentur Visage Models nicht überraschen. "Wir schicken keine minderjährigen Models nach Mailand, weil wir das nicht verantworten können." Ein junges Männermodel sei einmal freiwillig zurückgekehrt, weil man ihm nur dann Jobs anbot, wenn er auf Jachten mit anderen Männern feierte. "Das hat ihn nicht interessiert, aber so stark ist nicht jeder."

Die Agentur-Chefin betont, dass Jugendliche unbedingt eine Ausbildung abschließen sollten, bevor sie sich voll und ganz dem Modeln verschreiben. Warum die Nachfrage nach blutjungen Models so groß ist? "Ich vermute, das ist der Zwang, ständig neue Gesichter zu zeigen – 'Frischfleisch', wenn man so will." Außerdem seien Teenager "einfacher zu handeln", sagt Haunschmid. Auch die geringere Bezahlung spiele eine Rolle. Die Forderung der Vogue unterstützt sie "zu 100 Prozent": "Man braucht einfach keine minderjährigen Models. Sie sind mit 18 genauso schön, aber der Situation eher gewachsen."

Auch Kristina Hametner vom Wiener Büro für Frauengesundheit begrüßt den Vorstoß. "Modeln ist ein beinhartes Business, in dem es nicht schaden kann, bereits ein paar Jahre mehr Lebenserfahrung zu haben und in den erwachsenen Körper bereits besser hinein gewachsen zu sein. Wichtiger wäre jedoch ein internationales Verbot von Magermodels, wie es Frankreich bereits beschlossen hat. Die Modeszene produziert immer noch völlig unrealistische und ungesunde Schönheitsideale - davor gehören Frauen jeden Alters geschützt. Als Models und als Zielgruppe."

Eine Umsetzung der Forderung dürfte zumindest nicht ganz unrealistisch sein: Zwei namhafte Agenturen sowie der "Council of Fashion Designers of America" haben ihre Unterstützung erklärt. Auch Haunschmid schätzt die Chancen gut ein: "Wenn die Vogue etwas sagt, dann heißt das was."

So jung begannen die Topstars früher ihre Model-Karrieren

Zarte 14 Jahre war Brooke Shields, als sie es das erste Mal auf das Vogue-Cover schaffte. Schon mit 12 spielte sie eine Prostituierte in "Pretty Baby", mit 15 im umstrittenen Film "Die blaue Lagune" sogar Nacktszenen. Mit ihr begann die Zeit der blutjungen Models. Auch Kate Moss wurde mit 14 entdeckt. Beide sorgten mit lasziven Calvin-Klein-Kampagnen für weltweite Aufmerksamkeit. Christy Turlington begann sogar mit 13 Jahren zu modeln. Da hatten Cindy Crawford und Claudia Schiffer fast Nachholbedarf, als sie mit 17 ins Modelbusiness einstiegen.

Inzwischen sind die damaligen Models und Schauspielerinnen selbst Mütter, manche wie Kate Moss haben ihren mädchenhaft dünnen Körper erhalten. Andere bekamen weiblichere Kurven. Shields erzählte erst jetzt, dass sie als Jugendliche von ihrer eigenen Mutter als "fett" bezeichnet  wurde und lange darunter litt. Mit 52 ließ sie sich für Calvin Klein in Unterwäsche fotografieren und  zeigte sich auf Instagram im Bikini. Neben all den begeisterten Reaktionen kam auch Kritik: "Das ist nicht mehr das Mädchen aus der blauen Lagune."