Sport | Wintersport
02/23/2019

Skispringen: Der Kraft-Akt des Weltmeisters

Noch vor wenigen Monaten befand sich Stefan Kraft im Formtief, heute ist er Mitfavorit am Bergisel.

Am Scheitel von Stefan Kraft lässt sich gut erkennen, was der Salzburger in den letzten beiden Jahren durchgemacht hat. Seit seiner Rekordsaison 2016/’17 (Sieg im Gesamtweltcup, zwei WM-Goldmedaillen, Skiflugweltrekord) hat sich beim 25-Jährigen das eine oder andere graue Haar eingeschlichen. Und tatsächlich hat der ehemals beste Skispringer der Welt in dieser Zeit gegenüber der internationalen Konkurrenz teilweise ziemlich alt ausgesehen.

„Mir sind graue Haare gewachsen. Im Herbst war ich von einer Medaille bei der WM weiter entfernt als die Sonne vom Mond“, erzählt der Doppelweltmeister von 2017. Damals wurde Kraft nicht nur von körperlichen Probleme geplagt (Oberschenkelmuskulatur), er hatte zudem das Gefühl, das Skispringen komplett verlernt zu haben. Nach einem 23. Platz bei den Staatsmeisterschaften wähnte sich der Pongauer „völlig im Eck“, und Chefcoach Andreas Felder meinte unverhohlen: „Wenn er so weitermacht, wird er nichts reißen.“

Schwierige Zeit

Fünf Monate später hat Stefan Kraft drei Saisonsiege zu Buche stehen, ist die aktuelle Nummer drei im Gesamtweltcup und darf sich beim heutigen Großschanzenbewerb am Innsbrucker Bergisel (14.30 Uhr) zurecht zu den Mitfavoriten zählen. „Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich jetzt so performen kann, hätte ich ihn sofort für verrückt erklärt“, sagt Kraft. „Ich habe mich überhaupt nicht mehr gespürt. Der letzte Sommer und die Vorbereitung auf diese Saison waren die schwierigste Zeit in meiner Karriere.“

Dass er nun wieder in anderen Sphären schweben darf, hat Stefan Kraft nicht zuletzt seiner Beharrlichkeit zu verdanken. Und dem Mut, bewährte Erfolgsrezepte links liegen zu lassen und sich als Springer neu zu erfinden. Eine weitsichtige Entscheidung, die er zum Beispiel Gregor Schlierenzauer voraus hat, der immer noch darauf zu hoffen scheint, dass sein früherer Sprungstil ein Revival erfährt.

Unterstützung erhielten Kraft und seine Mannschaftskollegen nicht zuletzt vom neuen Chefcoach, der selbst dann nicht in Panik und Aktionismus verfiel, als die Ergebnisse ausblieben und die öffentliche Kritik lauter wurde. Zumal Andreas Felder von Anfang an davor gewarnt hatte, von den ÖSV-Springern Wunderdinge zu erwarten.

Großer Ruhepol

Der vergangene Winter, in dem die Österreicher ohne Sieg und Medaille geblieben waren, hatte Spuren hinterlassen. „Das war eine zutiefst verunsicherte Mannschaft, die Versagensängste hatte“, erinnert sich der Tiroler Trainer-Routinier. Insofern muss ihn die Qualifikation am Bergisel positiv stimmen: Da präsentierten sich die Österreicher mit den Plätzen fünf (Michael Hayböck), sechs (Philipp Aschenwald) und zehn (Kraft) stark.

Die Ruhe und Gelassenheit, die Felder selbst in schwierigen Phasen stets ausstrahlt, verlangt er von seinen Athleten jetzt auch bei der Heim-WM. Weil er aus seiner langjährigen Erfahrung nur zu gut weiß, dass Sportler gerade bei Großereignissen oft dazu neigen, übermotiviert aufzutreten und übers Ziel hinauszuschießen. „Man muss es einfach passieren und laufen lassen“, sagt Felder, der gerne die Anekdote der ÖSV-Trainerlegende Wilfried Vettori erzählt. „Er hat uns immer gesagt: ,Einen Stier kann man auch mit Gewalt nicht melken.‘“