Snowboarder Hämmerle: "Einige Probleme habe ich mit ChatGPT gelöst"
Alessandro Hämmerle bei den Olympischen Spielen 2022.
Alessandro Hämmerle hatte eine ganz falsche Vorstellung, was sein Olympiasieg mit ihm machen würde. Der Snowboardcrosser aus dem Montafon war der Meinung, er würde fortan ein Leben auf der Sonnenseite führen und den Alltag mit einer Leichtigkeit und einem Lächeln meistern, um das ihn alle beneiden. Aber das war aus heutiger Sicht ein völliger Irrglaube.
Vielmehr war’s fast so, als hätte der Olympiasieg 2022 in Peking bei Alessandro Hämmerle den Stecker gezogen und ihm alle Energie und den Antrieb geraubt. Diese Goldmedaille war das Lebensziel des ehrgeizigen Vorarlbergers, dieser Mission hatte er jahrelang alles untergeordnet. „Man will das nicht wahrhaben, aber wenn du das Ding einmal daheim hast, dann stellst du dir die Frage: ‚Was mache ich jetzt?‘“
Alessandro Hämmerle macht kein Hehl daraus, dass ihn der größte Erfolg seiner Karriere in eine kleine Sinnkrise gestürzt hat. Der 32-Jährige stand plötzlich ohne ein übergeordnetes Ziel da, das er mit Hingabe verfolgen konnte, der Olympiasieger wirkte fast ein bisschen verloren.
In ein Loch gefallen
„Ich war echt im Loch“, erzählt Hämmerle vor dem Bewerb der Snowboardcrosser heute in Livigno. „Und das zieht dann eine Verletzung an.“
Wenn’s denn wenigstens bei einer Verletzung geblieben wäre. Alessandro Hämmerle hatte nach dem Olympiasieg die Seuche am Brett, nicht nur einmal rebellierte sein Athleten-Körper. 2023 zog er sich nach Stürzen zweimal eine folgenschwere Gehirnerschütterung zu. Hämmerle klagte über chronische Kopf- und Nackenschmerzen. Schwindelgefühle und Sehstörungen bremsten ihn monatelang aus. „Das war wirklich beängstigend“, erzählt er.
Spektakulärer Sport: Eine Zeitlang hatte Alessandro Hämmerle (in Gelb) Probleme, alles zu riskieren. Nun ist er wieder bereit für den Wettkampf.
Weil der Routinier mit seinen Rückenproblemen irgendwann gar nicht mehr weiter wusste, nahm Alessandro Hämmerle in seiner Verzweiflung die KI zu Hilfe. „Die KI ist geduldiger als ein Arzt, man kann sie alles fragen und lange diskutieren“, berichtet der dreifache Gesamtweltcupsieger. „Ich bin verschiedene Bewegungsmuster durchgegangen, habe mir die Anatomie des Körpers angeschaut und einige Probleme habe ich wirklich mit ChatGPT gelöst.“
Sportliche Rückschläge
Die chronischen gesundheitlichen Probleme haben sich in den letzten Saisonen auch negativ auf Hämmerles sportliche Performance ausgewirkt. Der Olympiasieger fand sich in den Ergebnislisten an Positionen wieder, die er zuvor nur vom Hörensagen kannte.
Aber Alessandro Hämmerle war auch die Lust vergangen, für einen Podestplatz im Weltcup im Kampf Mann gegen Mann Kopf und Kragen zu riskieren. „Es ist in unserem Sport einfach schon zu viel passiert, ich bin nicht immer ans Limit gegangen, weil ich mich nicht verletzen wollte“, erzählt der besonnene Vorarlberger. „Ich habe immer versucht, auf meinen Körper zu hören.“
Das hat sich durchaus bezahlt gemacht. Bei den Winterspielen präsentiert sich der Olympiasieger so fit und austrainiert wie schon lange nicht mehr. „Der Körper ist wieder besser in Schuss als vor ein paar Jahren. Seit dem Frühjahr 2025 macht es wieder richtig Spaß.“
Bei der Olympia-Generalprobe in China meldete sich Alessandro Hämmerle als Zweiter zurück auf dem Siegespodest. Er hat inzwischen wieder die Überzeugung, dass er seinen Olympiasieg von 2022 wiederholen kann. „Der Olympiakurs kommt meinem Fahrstil entgegen“, sagt er. Und: „Ich habe einen großen Vorteil: Ich habe schon eine Goldmedaille. Das ist eine große Erleichterung.“
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