Sport
29.04.2018

„Herr Assauer lässt bitten“: Erinnerung an eine Begegnung

Ein Film-Rekord für den an Alzheimer erkrankten Ex-Schalke-Manager. Eine Hommage.

Die mit naivem Optimismus begonnene Frage wankt ihrem gestammelten Ende zu, weil bereits klar ist, wie lächerlich das alles wirken muss. Ungebeten in diese Hotellobby einzudringen, ein Interview mit Jupp Heynckes zu verlangen, als hätte man soeben mit unbeirrbarer Erwartungshaltung auf eine Topfengolatsche in irgendeiner Bäckereivitrine gezeigt, kann nur eine logische Folge haben:

„Nee. Geht leider nicht“, antwortet der Pressesprecher von Schalke 04.

Es ist der 11. August 2003, die Schalker wohnen in einem Linzer Hotel, um es am nächsten Tag zum Hinspiel im UI-Cup-Finale gegen Pasching nicht weit zu haben. Heynckes, schon längst ein Star und damals Trainer des Kultklubs aus dem Ruhrpott, hat absolut keine Zeit für überflüssige Statements.

Abgang

„Scheißegal“, langsam verdrängt Enttäuschung und Trotz die Peinlichkeit. Der dahergelaufene Sportjournalist aus Österreich sucht gerade nach der Möglichkeit eines würdevollsten Abgangs, da verspricht der Medienmann das königsblaue Wunder: „Herr Assauer lässt bitten. Er sitzt hinten im Garten.“ Rudi Assauer? Der Mister Schalke, der Manager, der Macho, die unberechenbare Mischung zwischen Bodenhaftung und Arroganz, ein Mächtiger des Fußballs, einer, der auch ungefragt Sprüche klopft, der unter Verdacht steht, das Selbstbewusstsein erfunden zu haben? Tatsächlich. Assauer, eben noch weit entfernter Hauptdarsteller in sämtlichen deutschen TV-Sportsendungen, lehnt in einem Gartenstuhl, in kurzen Hosen, hochgelagert die braungebrannten Beine. Er genießt die pralle Sonne. Natürlich Zigarre paffend.

Dann spricht die Rauchwolke einladende Worte: „Nehmen Sie Platz, wollen Sie etwas trinken?“ Assauer beginnt zu erzählen. Von der Geschichte des Vereins, von den Anfängen, den „Malocher-Typen polnischer Herkunft“, von Fanklubs auf Hawaii und Südamerika, von seinem erfüllten Traum, der am Anfang der 2000er noch hochmodernen Veltins-Arena, von Christoph Daum, der nicht nach Schalke passen würde. „Wir haben uns nie wirklich gut verstanden“, man habe ja schließlich keinen Karnevalsverein.

Der Redeschwall pausiert, ein Griff zum läutenden Handy, das qualmende Körperteil zwischen den Lippen erlaubt ein gegrummeltes „Tschuldigung“. Seine Freundin, die Simone (Schauspielerin Thomalla und Assauer waren von 2000 bis 2009 ein Paar, Anm.), sei dran gewesen. „Hat gerade wieder ’nen Dreh.“ Ach ja, und übrigens, „das Waldbad in Pasching habe ich auch schon gesehen. Sehr schmuck.“ Der Bürgermeister? „Überaus spaßiger Mann.“

So vergeht eine Stunde im Garten eines Linzer Hotels. So vergingen die Jahre. Im Jahr 2006 tritt Assauer als Schalke-Manager zurück.

Schicksalsschlag

Was bleibt, ist die persönliche Erinnerung an einen Menschen, der einfach zu sich geladen hat, obwohl er keinen medialen Nutzen sah, es eigentlich nicht nötig hatte, mit einem Unbekannten zu plaudern, dessen journalistische Neugier nur Nebensache war. Keine Selbstverständlichkeit in der stets unsympathischer werdenden, mit Allüren und abgehobenen Gepflogenheiten vollgestopften Branche.

2012 wurde publik, dass Rudi Assauer mit 68 Jahren an Alzheimer erkrankt ist. „Wie ausgewechselt“, lautete der bezeichnende Titel seiner damals verfassten Memoiren. Immer schlechter wurde inzwischen sein Zustand. Geschichten über Assauers Abtauchen in eine andere, völlig abgeschottete Welt, gibt es bis heute genügend.

Am 4. Mai feiert Schalke das 114-jährige Bestehen, vier Tage nach dem 74. Geburtstag von Rudi Assauer. In „seiner“ Arena auf Schalke wird die Film-Premiere Rudi Assauer. Macher. Mensch. Legende zu sehen sein. 43.625 Zuschauer müssen kommen, um den bisherigen Kino-Rekordbesuch (43.624 in Ciudad de Victoria auf den Philippinen) zu brechen.

Rudi Assauer war ein authentischer Typ“, wird eine Wegbegleiterin in der eineinhalbstündigen Hommage feststellen. Sie werden wohl kommen, um den Rekord aufzustellen.

Ihm zu Ehren.