Legendär: Helmut Wechselberger fuhr zahlreiche große Erfolge ein.

© Fischer Andreas

Sport
09/25/2018

Helmut Wechselberger: "Das ist der Tod des Radsports"

Der WM-Dritte von 1987 spricht über die positiven und negativen Entwicklungen.

von Christoph Geiler

Helmut Wechselberger ist gerade ein gefragter Mann. 1987 fuhr der Tiroler in Villach an der Seite von Hans Lienhart, Bernhard Rassinger und Mario Traxl mit Bronze im Mannschaftszeitfahren die bislang einzige heimische WM-Herrenmedaille ein. Von den sechs Österreichern, die am Sonntag im WM-Straßenrennen am Start sein werden, war damals noch keiner auf der Welt.

KURIER: Glauben Sie, dass die aktuelle Generation mit dem Namen Wechselberger noch etwas anfangen kann? Helmut Wechselberger: Das will ich hoffen. Natürlich ist der Sport sehr vergänglich, aber wenn man in dieser Szene ist, dann kennt man die Namen und die Sieger.

Wie präsent ist denn das WM-Rennen von 1987?

Im Moment ist es allgegenwärtig, weil ich auch oft auf die WM in Villach angesprochen werde. Das war ja auch eine historische Leistung, ein großer Moment für uns alle. Dabei war’s gar nicht sicher, dass ich dort starte.

Warum das?

Drei Wochen vor der WM ist meine Mutti gestorben, ich wollte deshalb in Villach gar nicht fahren und die Karriere überhaupt beenden. Im Nachhinein bin ich aber froh, dass ich mich so entschieden habe.

Weil die Bronzemedaille Ihnen auch noch die Tür ins Profilager geöffnet hat?

Ich hatte vorher schon immer wieder Angebote. Nach der WM war die Zeit reif, ich hatte als Amateur auch keine Ziele mehr. Und dann kam auch noch der große Bruch mit dem Verband.

Worum ging’s da?

Es war bei der WM eine Prämie von 25.000 Schilling ausgemacht. Ein lächerlicher Betrag für so eine historische Medaille. Ich hab’ damals den Leuten beim Verband ausgerichtet, dass sie das Geld behalten können und stattdessen im Ziel ein Leibchen von meinem Sponsor angezogen.

Apropos Geld: Haben Sie vom Radsport leben können?

Bis auf die beiden Profijahre, in denen ich karenziert war, habe ich die ganze Zeit auch noch in der Bank gearbeitet. Zu der Zeit war nicht viel Geld im Radsport, oft hat’s überhaupt nur Sachpreise gegeben. Wenn ich all meine Siege heute einfahren würde, dann bräuchte ich nicht arbeiten gehen.

Wie sehr hat sich der Radsport seit damals verändert?

Allein, was das Material betrifft, sind das Welten. Nur das Hinterrad hat zu meiner Zeit mehr gewogen als heute ein ganzes Rennrad. Außerdem wird jetzt extrem kontrolliert gefahren. Acht Leute von Sky hintereinander, dahinter das ganze Bora-Team, und so weiter. Wissen Sie, was mich heute wirklich stört?

Verraten Sie’s.

Das ist der Funk. Der Funk ist der Tod des Radsports.

Warum das?

Ein Radprofi muss praktisch nicht mehr denken, das übernimmt für ihn der sportliche Leiter. Der sitzt mit dem Laptop im Auto, hat über GPS alle Daten, und der gibt dann über Funk die Anweisungen, wie zu fahren ist. Der Radsport ist viel zu berechenbar geworden, jede Ausreißergruppe wird heute knapp vor dem Ziel eingeholt. Ohne Funk wäre es viel spannender, weil dann die Fahrer wie zu meiner Zeit selbst Initiative ergreifen müssten.

Weil Sie gerade Ihre Zeit ansprechen: War Doping in den 80er-Jahren ein großes Thema?

Es war die Hochzeit des Dopings. Vor allem die Fahrer aus dem damaligen Ostblock sind alle richtig aufgepäppelt zu den Rennen gekommen. Das hat man denen optisch schon angesehen: Nur noch Muskeln, darüber eine dünne Hautschicht – die waren anabolisiert bis zum Geht-nicht-mehr. Im ganzen Radsport war Doping ein Thema. Man muss nur einmal zurückschauen: Fast alle großen Fahrer sind damit in Berührung gekommen.

Hätten Sie die Gelegenheit gehabt, zu Mitteln zu greifen?

Für mich war das nie ein Thema. Ich bin mit Pfefferminztee und Schwarztee gefahren. Laurent Fignon, der leider schon gestorben ist, hat sich darüber gewundert, wie ich die Tour de France durchstehen kann. Heute weiß man, dass EPO schon damals auf dem Markt war.

Finden Sie, dass der Radsport sauberer geworden ist?

Ich glaube sogar, dass er viel sauberer geworden ist.

Woran machen Sie das fest?

Einfach an der Art, wie gefahren wird. Es gibt praktisch keine große Einzelaktionen mehr. Bei Bergetappen warten alle bis zwei Kilometer vor dem Ziel, erst dann wird attackiert. Früher sind sie ja gefahren, als gäbe es kein Morgen. Wobei man eines nicht vergessen sollte.

Nämlich?

Es gibt keinen Sport, der so kontrolliert wird wie das Radfahren. Wenn ich mir da andere Sportarten ansehe, weiß ich nicht, ob es dort immer so sauber zugeht.

Helmut Wechselberger: Der Spätberufene

Karriere Helmut Wechselberger (*12. Februar 1953 in Jerzens) hat erst spät seine Liebe zum Radsport entdeckt. Der Pitztaler besuchte das Skigymnasium Stams und zählte zu den ÖSV-Hoffnungen. Nach einer Meniskusverletzung beendete er die Ski-Ambitionen. Erst im Alter von  25 Jahren saß Wechselberger das erste Mal auf einem Rennrad.

Erfolge Als Amateur gewann der Bankkaufmann sämtliche bedeutenden Rundfahrten. 1982 und 1986 siegte der Tiroler bei der Österreich-Rundfahrt, bei der Heim-WM 1987 holte er Bronze im Mannschaftszeitfahren. Mit  35 Jahren wechselte Wechselberger zu den Profis und gewann 1988 die Tour de Suisse und den Europa-Grand-Prix von Innsbruck

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